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Ukraine: Lähmende Angst und Kriegslärm im Osten

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Ukraine: Lähmende Angst und Kriegslärm im Osten | Bild: BR

Rauchsäulen. Und das dumpfe Geräusch von Artilleriesalven. Wer kann, hat die Stadt verlassen. Donezk ist in der Hand der "Stahlharten Russen“, wie sich die Separatisten-Kämpfer und ihr Kommandant nennen.

Eine Werbung zur Anwerbung von Soldaten
Eine Werbung zur Anwerbung von Soldaten | Bild: Bild: BR

"Hilfst Du an der Front?" Sowjet-Plakate rufen zum Kriegsdienst auf. Die Front rückt näher an die Vororte der Millionenmetropole.

Sergej Vladimirovitsch Serikov
Sergej Vladimirovitsch Serikov | Bild: Bild: BR

Sergej Vladimirovitsch Serikov wandert durch die Trümmer seines Hauses. Eine halbe Stunde vor dem Einschlag hatten sie bei Verwandten Unterschlupf gesucht, erzählt mir der Frührentner. In der Nacht halfen die Nachbarn das Feuer zu löschen. "Es gibt keine Feuerwehr mehr.“ sagt Sergej: "Einige haben Brunnen und kamen mit Wassereimern. Es dauerte Stunden.“

Sergej Vladimirovitsch Serikov:

»"Das ist hier ein komplettes Chaos. Ich weiß nicht, wer das gemacht hat. Und wirklich, ich kann nicht mehr, ich bin müde von allem. Wie können wir die Wahrheit herausfinden? Die einen Nachbarn sagen das, die anderen dies.“«

Die Nachbarn zeigen uns die Splitter des Geschosses. Streit bricht aus. Einige denken, wir seien vom russischen Fernsehen:

»"Dieses russische Fernsehen! Glaubt denen nicht! Das sind Bastarde, die verdrehen alles.“«

Dann merken sie, dass wir Deutsche sind und bitten uns, ihre Gesichter unkenntlich zu machen. Ihre Wut könnte sie in Gefahr bringen:

»"Das ist das Werk dieser Tiere, die von Putin kommen, von diesem Idioten Putin. Die töten und verbrennen uns.“«

"Du alte Hure!“ wird die Frau beschimpft. "Ach, geh doch nach Hause!“ schreit sie zurück.

Auch Natalia Ovcharenko und ihr Mann sind am Ende mit den Nerven. 25 Jahre hat er im Bergwerk gearbeitet:

Natalia Ovcharenko:

»"Sehen sie sich an, wie wir wohnen. Und jetzt werden wir auch noch umgebracht. Es gibt kein Gas mehr, keinen Strom, kein Wasser. Ist das der Dank, Herr Präsident Poroshenko? Ich weiß nicht wann ich das letzte Mal normal geschlafen habe. Wann ich das letzte Mal normal gegessen habe.“«

Niemand weiß, warum eine Rakete diese Bushaltestelle getroffen hat. Wie durch ein Wunder gab es kein Opfer. Der kleine Kiosk mittendrin verkauft immer noch Brot, das dutzende Kilometer und Straßensperren passiert hat, um hier anzukommen.

Ein Kioskverkäufer
Ein Kioskverkäufer | Bild: Bild: BR

"Es gibt keine Arbeit, kein Gehalt.“ sagt der Kiosk-Besitzer. "Alles ist geschlossen. Jetzt einen Job zu bekommen, ist aussichtslos. Irgendwie machen wir weiter.“

"Wir sind für die Ukraine, wir wollen in der Ukraine leben.“ wirft seine Frau noch ein. Ihr Mann schweigt.

Viele ältere Menschen wollen oder können die Stadt nicht verlassen.

Eine Frau:

»"Es tut einfach weh, das alles zu sehen. Ich kann Ihnen Blumen verkaufen. Zu mir kommt keiner mehr. Den Leuten sind die Blumen egal jetzt.“«

"Innerlich bereiten wir uns auf den Häuserkampf vor.“ hören wir hier.

Der Zug, der Richtung Krim fährt, ist voll. Die, die fliehen, fühlen sich alleingelassen. Was wird aus den Eltern, die bleiben müssen? Warum hilft uns die Regierung in Kiew nicht? Wie lange wird das alles noch dauern?

Eine Frau:

»"Die schießen mit Raketen, die ungenau sind. Mal trifft es das Haus, mal einen Kindergarten, mal eine Schule. Scheiß drauf! Niemand hört uns, niemand.“«

Eine Frau am Bahnhof
Eine Frau am Bahnhof | Bild: Bild: BR

Eine andere Frau:

»"Was hier passiert, ist ein politischer Krieg. Wir wissen nicht, wer ihn angefangen hat und für was.“«

Natalya Vasilyeva fühlt sich genauso: Ratlos. Hilflos. Ausgeliefert. Die Bürgermeisterin von Petropavlovka blickt auf die von den Einwohnern fein säuberlich aufgesammelten Überreste des Fluges MH 17.

Natalya Vasilyeva:

»"Eigentlich haben wir jetzt Angst vor allem: Menschen mit Waffen, die Flugzeuge über uns und die Explosionen, die wir in der Nähe hören.“«

"Warum holt niemand diese Briefe ab?“, fragt sich Natalya. "Und diese Koffer? Wieso redet niemand mit uns?“

Eine Tüte mit Spielsachen
Eine Tüte mit Spielsachen | Bild: Bild: BR

Natalya Vasilyeva:

»"Diese Tüte mit den Spielsachen hat uns heute Mittag eine Großmutter gebracht. Sie fand sie in ihrem Garten, als sie Kartoffeln ernten wollte. Sie brachte das hierher und weinte. Sie hat auch eine Enkelin, sagte sie.“«

"Bei mir heulen sich jetzt alle aus“, sagt Natalia. "Entweder werde ich stärker aus dem Ganzen werden oder ich zerbreche.“

Jeder hat seine Geschichte und seine Version über das, was geschah. Den meisten fehlen die Worte.

»"Hinter dem Spielplatz, wissen Sie, da liegt ein Wrackteil im Baum, fahren Sie da hin."«

Nach und nach finden sich immer mehr Bruchstücke, wie ein nicht enden wollender Albtraum, der die Einwohner von Petropavlovka heimsucht.

Ein Mann:

»„Vielleicht 30 Meter weg von mir fiel ein Mann auf den Strommast. Die Kabel rissen. Er lag auf dem Asphalt. Er war ein Asiate. Er hatte eine dunkle Haut. Meine Nachbarin sagte, bei ihr sei eine Frau aufs Dach gefallen. Und in ihrem Hof da lag noch eine.“«

Es gibt ein Leben vor dem Absturz und ein Leben nach dem Absturz, erklären die Einwohner. Es gibt ein Leben vor dem Krieg und ein Leben im Krieg.

Die Front ist heute Abend so weit herangerückt an die Dörfer rund um die Absturzstelle, dass sich die Menschen bald wieder in ihren Kellern verstecken.

Autorin: Golineh Atai / ARD Moskau

Stand: 28.07.2014 00:46 Uhr

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