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China: Die Eisfischer vom Chagan-See

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Die Eisfischer vom Chagan-See | Bild: BR

Bei Sonnenaufgang machen sie sich auf den Weg über den zugefrorenen See. Minus 24 Grad. Wir sind in der Provinz Jilin, im Nordosten Chinas. Nach einer Stunde erreichen die Männer ihr Ziel. Zhang Wen gibt hier auf dem Eis die Kommandos. Nur auf dem Chagan-See arbeiten Fischer noch mit einer über 1000 Jahre alten mongolischen Fangmethode.

Pferde ziehen einen Wagen über das Eis
Pferde ziehen einen Wagen über das Eis | Bild: Bild: BR

Zhang Wen ist 54 Jahre alt und in der dritten Generation Fischer. Jede Generation gibt ihr Wissen an die nächste weiter. Das Netz haben sie schon am Vorabend an die für diesen Tag ausgewählte Stelle gebracht. Zhang Wen, der Fischer vom Chagan-See, erzählt uns: "Wir haben viel Erfahrung, deshalb wissen wir, wo die Fischschwärme sind, und wo wir das Netz ausbreiten müssen."

Traditionelle Fangweise

Mit schweren spitzen Holzpflöcken stoßen sie Löcher in das 50 Zentimeter dicke Eis, etwa alle 15 Meter ein neues. Mit Hilfe dieser Holzstange schaffen sie es nun, das Führungsseil unter dem Eis von Loch zu Loch zu schieben. Die Fischer vom Chagan-See wollen die Tradition erhalten, deshalb arbeiten sie hier wie ihre Vorfahren mit Muskelkraft und später auch mit Pferden.

Das Netz wird unter dem Eis gezogen
Das Netz wird unter dem Eis gezogen | Bild: Bild: BR

Gut 50 Mann in einem Team, einige verschwinden schon in der Ferne; sie brauchen viele Löcher: das Netz ist zwei Kilometer lang, langsam rutscht es in Wasser und wird mit dem Führungsseil ausgebreitet. Bis es ganz ausgelegt ist, vergehen noch Stunden. Fischer Zhang Wen zeigt, wie sie sich warm halten: "Der Mantel hat ein Schafsfell, die Hose ist mit Daunen gefüttert, die Jacke auch. Das tragen wir alle. Und die Mütze ist aus dem Fell des Marderhundes. Das ist richtig warm."

Der See ist bis zu zehn Meter tief. Vier Teams sind jeden Tag auf dem Eis seit Ende Dezember. Schon bald kommen die Männer alleine nicht mehr weiter. Die Pferde müssen beim Spannen des immer schwerer werdenden Netzes helfen. Es kann hier noch kälter werden, bis zu minus 30 Grad, dazu eisiger Wind, die kleine Hütte reist immer mit. Die Pausen sind kurz, ein Schnaps am Vormittag und ein heißes Essen wärmen von innen.

Arbeit in der Gruppe

Trotz Kälte sind sie gerne auf dem Eis, sagt Zhang Wen: "Wir können uns unterhalten, Witze machen, das ist schon eine Arbeit, die Freude macht."

Ein paar Kilometer entfernt an Land liegt das Fischerdorf San Jia Zi. Durch die außergewöhnliche Fangmethode hatten die Menschen rund um den See auch im Winter immer zu essen. Und auch jetzt ernährt sie der Chagan-See: Touristen vor allem aus den Metropolen der Umgebung kommen, um den Fischern bei der Arbeit zuzuschauen und in den Restaurants des Ortes zu essen. Die Fische gelten als Delikatessen, die Rezepte als köstlich. Deshalb brummt auch das Geschäft der staatlichen Fischfabrik, die die Fangrechte auf dem See hat und der größte Arbeitgeber im Ort ist. Hier werden die Fische verpackt und ins ganze Land geschickt.

Ein Fisch aus dem Fang
Ein Fisch aus dem Fang | Bild: Bild: BR

Im von Lebensmittelskandalen geplagten China hat der Onlinehandel den Verkauf noch einmal angekurbelt. Die Nachfrage übertrifft längst das Angebot, erklärt Manager Feng. Umgerechnet gut 100 Euro koste dieser große Fisch: "Wer heute bestellt", erklärt er, "hat den Fisch 24 Stunden später im 1000 Kilometer entfernten Peking." So schnell wird in China geliefert.

Das Netz wird eingeholt

Auf dem See ist am Mittag alles vorbereitet für das Einholen des Netzes: Zhang Wen und seine Männer sind einen guten Kilometer umgezogen zu dem Loch, aus dem sie das Netz wieder rausziehen. Der Anfang ist noch leicht. Doch dann müssen sich die Pferde an der großen Kurbel und die Männer an den Seilen immer kräftiger ins Zeug legen.

Der Fang
Der Fang | Bild: Bild: BR

Zwei Stunden vergehen bis die letzten entscheidenden Meter aus dem Eis kommen und Zhang Wen weiß, ob sich die Arbeit heute gelohnt hat. Zehn Tonnen etwa – "So lala", meint er. An guten Tagen ist es doppelt so viel, und an Rekordtagen noch mehr. Diesmal haben die Männer auch kleine Fische gefangen, oft nehmen sie Netze mit größeren Maschen, um die Bestände zu schonen.

Zhang We erklärt: "Dieses Mal sind wir an einen etwas abseitigen Ort des Sees gegangen. Hier müssen wir auch immer mal hin, weil es hier viele kleine Fische gibt, die sonst zu viel Sauerstoff für die großen Fische wegnehmen."

Sorgen, sie könnten den Chagan-See leerfischen, haben sie nicht. Es gibt Schonzeiten und immer wieder werden auch Jungfische ausgesetzt. Kleine LKW bringen den Fang zur Fischfabrik. Die Männer packen das Netz zusammen und suchen schon den Ort für den nächsten Tag aus. Bis Mitte Februar fischen sie im Eis. Im April beginnt das entspanntere Sommerfischen.

Autor: Mario Schmidt, ARD Peking

Stand: 08.02.2016 14:56 Uhr

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