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Irak: Der Aufstand der Hoffnungslosen in Bagdad

PlayJunge Männer fahren in einem Tuk Tuk

Schon seit Monaten brodelt es im Irak. Die Menschen leiden unter schlechter Versorgung und grassierender Korruption. Eigentlich ist der Irak ein reiches Land, weil die riesigen Öl-Reserven auch in den nächsten Jahren für sichere Einkünfte sorgen könnten. Doch die Menschen leiden unter häufigen Stromausfällen, verschmutztem Trinkwasser und Konflikten zwischen den Volksgruppen. Der Frust hat sich ein Ventil gesucht, seit Wochen kommt es vor allem in der Hauptstadt Bagdad immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Lebensgefährliche Hilfe für Demonstranten

Ein Tuk-Tuk-Fahrer in Bagdad
Mohamed hilft den Demonstranten mit seinem Tuk Tuk.

Mit Vollgas und Sirene zum Herz der Proteste. Mohamed Kamel manövriert seine Gäste durch Menschenmassen, an Barrikaden und Ständen vorbei zum Tahir-Platz. So will der 27-jährige Schiit die Demonstrationen in Bagdad am Laufen halten. Mal transportiert er Demonstranten, mal Lebensmittel und Wasser, oft auch Verletzte. In diesen Tagen ist er Taxifahrer und Lebensretter gleichermaßen. Ein fast Rund-um-die Uhr-Service in gefährlichen Zeiten.
"Die Tuk Tuks sind klein und flink. Wir erreichen damit schnell die Krankenhäuser, transportieren so auch Schwerverletzte. Es ist lebensgefährlich für uns. Aber wir bringen sie ins Krankenhaus", sagt Mohamed Kamel.

Jung, arbeitslos und ohne Zukunft

Zwei Tuk-Tuk-Fahrer in Bagdad
Ohne die Tuk Tuks kämen die Demonstrationen in Bagdad zum Erliegen.

Tuk Tuks als Taktgeber der Proteste. Klein, schnell, wendig. Kein anderes Auto kommt da mit. Sie haben nur sieben PS, sind aber bis zu 80 Stundenkilometer schnell. Hinter einer Absperrung im Stadtzentrum warten Dutzende Tuk-Tuk-Faher auf Kundschaft. Für Demonstranten ist der Fahrdienst kostenlos, wenn auch nicht ganz ungefährlich. Auch deshalb hat Mohamed ordentlich aufgerüstet: Ein Kühlschrankgitter dient als Schutz gegen Tränengasgranaten. Außerdem hat er eine Schutzbrille, einen Helm und eine Atemmaske dabei. Ein Mini-Rettungsfahrzeug für Menschen mit großer Wut auf die Cliquen an den Schaltstellen der Macht. "Sie sind Lügner. Wir wollen Jobs. Wir sind jung und arbeitslos. Wo sollen wir hin? Wovon sollen wir leben? Die Parteien haben unser Leben zerstört", schimpft Mohamed über die Politiker. "Wir wollen unser Rechte. Was wird aus uns nach der Ausbildung? Nach 13 Jahren Schule haben wir unseren Abschluss und sitzen rum", sagt sein Mitstreiter Hodeifa Haithem und Mortak Haidar ergänzt: "Es muss eine Revolution geben, ein Ende der Korruption. Das Geld und das Öl fließen einfach weg. Das Land hat Schätze, aber die gehen an andere."

Gnadenlose Gewalt der Regierung

Vor einem Jahr kratzten Mohameds Eltern ihr Geld zusammen, schenkten ihm das Tuk Tuk. Das reicht knapp zum Überleben. Zu mehr nicht. Die Proteste sind der Aufschrei einer jungen Generation ohne Zukunft. Sie verändern das Gesicht von Bagdad und womöglich auch das Land. Der Tahir-Platz ist die Drehscheibe des Aufstands. Anfang Oktober bricht sich hier die Wut Zehntausender über Korruption, Vetternwirtschaft, Proporzdenken und Bildungsnot Bahn. Die Regierung verspricht Reformen und lässt auf Demonstranten schießen. Die Brücken zum Regierungsviertel werden mit brutaler Gewalt geräumt. Mehr als 300 Menschen sterben im Kugelhagel, Tausende werden verletzt. In Feldkliniken werden sie notdürftig versorgt. Viele ringen um Luft nach Angriffen mit Tränengasgranaten. "Wir sind fast erstickt. Ich bin mit meinem Tuk Tuk rausgefahren, konnte nicht weiterfahren. Ich habe keine Luft mehr bekommen", erzählt Mohamed.

​Hoffnung treibt zum Weitermachen

Junger Mann in einem Tuk Tuk
Mohamed hofft auf eine bessere Zukunft in Bagdad.

Bittere Erfahrungen, die zusammenschweißen – über ethnische und Religionsgrenzen hinweg. In einem Café gönnen sich Mohamed und seine Freunde ab und an eine Pause vom Proteststress. Zu Hause ist er kaum noch. Dort leben sie zu fünft in einem bitterarmen Vorort Bagdads. Auch wenn die Regierung die Proteste niederknüppeln will, er träumt noch immer von einer besseren Zukunft: "Ich will mein Leben vernünftig regeln. Ich bin 1993 geboren und noch immer Single. Ich will heiraten, mein Leben in geordnete Bahnen lenken, eine Familie gründen." Bis dahin aber ist es noch ein weiter Weg. Mohamed ist entschlossen, ihn zu gehen, vielmehr zu fahren. Mit seinem Tuk Tuk. Bis zum Ende. Wenn sie ihn denn lassen.

Autor: Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Stand: 11.11.2019 12:16 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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