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Großbritannien: Chronik einer Krise

PlayPremierminister Boris Johnson beim Parteitag der Konservativen
Großbritannien: Chronik einer Krise | Bild: picture alliance / empics | Jacob King

Einen kurzen Abend lang, schien es tatsächlich so, als sei auf der Insel wieder alles beim Alten: Startschuss zur Rückkehr in die normale Welt – James Bond, die britische Ikone schlechthin, jagt wie gewohnt mit Vollgas durch die halbe Welt.

In der realen Welt ist den Briten nicht nur das Benzin, sondern auch ihre sprichwörtliche Gelassenheit ausgegangen. Und in den Supermärkten sieht es nicht viel besser aus. Der Grund für das alles: Es fehlen 100.000 LKW-Fahrer, die die Waren an ihr Ziel bringen könnten. Auf der Insel gibt es zu wenig dafür Ausgebildete, und seit dem Brexit kommt keiner mehr aus der EU, weil man jetzt ein Visum braucht.

Krise - aber nicht wegen Brexit

Dass die Grenzen geschlossen wurden, hat also die Krise nicht mit verursacht? Wirtschaftswissenschaftler im Land reiben sich die Augen. David Henig, UK Trade Forum: "Natürlich gibt es den Covid-Faktor, und eine jetzt wieder angestiegene Nachfrage, aber der Brexit ist ohne Zweifel ein Faktor hier. Die Regierung aber hat den Brexit anders verkauft. Alles was Brexit ist, muss deshalb jetzt gut sein, negative Folgen sind nicht vorgesehen."

Das Dumme ist nur, dass die Realität nicht mitspielt. Und so werden rund eine Million Jobangebote per Bittbrief verschickt, an jeden, der einen LKW-Führerschein hat.

Es ist eben auch schwer, einen Plan zu entwickeln, für etwas, was einfach nicht vorgesehen war, wie die Tatsache, dass jetzt an die 150.000 Schweine notgeschlachtet werden müssen, weil sie nicht mehr verarbeitet werden können. Robert Shepherd, Schweinebauer: "Das ist absurd, weil die Nachfrage in den Geschäften ist da. Und jetzt importieren sie hier stattdessen billiges Schweinefleisch aus Europa."

Johnsons Witze funktionieren nicht mehr.

Weil das mit den Witzen diesmal nicht funktioniert hat, wird also die nächste Stufe gezündet: Auf dem Parteitag in Manchester erklärt Johnson die Krise zur Chance. Das sei genau das, was man immer mit dem Brexit immer gewollt habe. Und der Brexit zwinge die Unternehmer nun, höhere Löhne zu zahlen, was er, Johnson, damit ja immer gewollt habe.

Johnsons Strategie scheint deshalb dann eben ohne Plan weiter chronisch Optimismus zu verbreiten – irgendwie ist er schließlich bis jetzt noch aus jeder Situation heil herausgekommen. So machen die Helden der Insel das eben. Die Frage diesmal ist nur, wie hart der Aufprall am Ende für sein Volk werden wird.

Autorin: Annette Dittert, ARD London

Stand: 10.10.2021 21:52 Uhr

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