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Libanon Connection: Kokain für Europa

PlayEine Geldwäscher-Bande transferiert im großen Stil Kokain-Gewinne ins Ausland.
Libanon Connection: Kokain für Europa | Bild: NDR

Eine regelrechte Kokain-Schwemme erreichte Deutschland in den vergangenen Jahren: Immer größere Mengen der Droge stellen Ermittler sicher, vor allem in den großen Überseehäfen im Norden. Die Drogen kommen aus Südamerika, Kartelle produzieren dort für den reichen europäischen Markt. Hier lässt sich schnell viel Geld mit dem Rauschgift verdienen.

Aber wie kommt das Geld wieder zurück nach Südamerika? Fahnder haben eine Antwort auf diese Frage: Seit einigen Jahren stellen sie fest, dass sich hochspezialisierte Banden gebildet haben. Sie dienen sich den Kokain-Kartellen als Auftragnehmer an: Geldwäsche gegen Kommission. Aus Ermittlerkreisen ist zu erfahren, dass es sich dabei auffallend häufig um Gruppen handelt, die einen Bezug zum Libanon haben.

Den Weltspiegel-Reportern ist es gelungen, die Arbeitsweise dieser sogenannten Schattenbanker anhand von Ermittlungsakten und zahlreichen Gesprächen nachzuzeichnen. Konkret handelt es sich um die sogenannte Cedar-Bande, eine Gruppe von 15 Geldwäschern und ihren Gehilfen, die im vergangenen Jahr in Frankreich verurteilt worden sind. Gesteuert wurde die kriminelle Bande aus dem Libanon. Die Polizei hörte über Jahre die Telefone der Geldwäscher ab.

Bande nutzte Geheimsprache zur Kommunikation

So gelang es beispielsweise auch, die Geheimsprache der Bande zu entschlüsseln. Wenn der eine Kriminelle zum anderen sagt "Der Typ hat ein 230er Auto", dann geht es nicht um einen Mercedes, sondern um 230.000 Euro schmutzigen Bargelds. "Hat das Auto irgendwelche Kindersitze?", fragt der Gesprächspartner – ein Codewort, so gestehen es die Kriminellen später, für kleine Scheine, die besonders schwer loszuwerden sind.

Mit Plastiktüten voller Bargeld aus Drogengeschäften, so ermitteln es die Fahnder, ist Ali Z., einer der Verurteilten, unter anderem zu deutschen Uhrenhändlern gegangen. Dort kaufte er von dem Drogengeld teure Armbanduhren, verschiffte sie in den Libanon und ließ sie dort von einem Mittelsmann verkaufen – so wurde das Geld gewaschen. Ein ähnliches System wendete die Gruppe mit dem Kauf von Gebrauchtwagen an, die sie ausweislich der Akten offenbar unter anderem nach Cotonou im westafrikanischen Benin verschiffte.

"Es ist ganz einfach. Wenn die Drogenhändler ihr erwirtschaftetes Geld selbst zurückbringen könnten, dann würden sie das auch tun. Aber sie können das einfach nicht. Sie haben nicht die Infrastruktur in Europa. Um das Geld nach Kolumbien zurückzubringen, brauchen sie ein ausländisches Netzwerk wie das Libanesen-Netzwerk", sagt ein Ermittler der US-Amerikanischen Drug Enforcement Administration (DEA). Er war anonymisiert zu einem Gespräch bereit, kennt die Aktivitäten der Geldwäsche-Netzwerke gut. Etwa 50 Prozent des Kokaingeldes liefe in Europa durch die Hände libanesischer Geldwäscher, schätzt der Mann.

US-Ermittler: Hisbollah-Miliz profitiert von den Geschäften der Geldwäscher

Und noch etwas erzählt der US-Ermittler: Die schiitische Hisbollah-Miliz aus dem Libanon profitiere von den Geschäften der Geldwäscher. Deutsche Ermittler sind bei dieser These zurückhaltender. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah selbst hat in einer Ansprache gesagt, es handle sich um eine Lüge. Eine Anfrage dazu beantwortete die Hisbollah nicht.

Auch in den Cedar-Akten spielt die Hisbollah eine Rolle, wobei unklar bleibt, ob sie von den Geschäften profitiert hat. Die Männer der Bande beschuldigen sich gegenseitig, den Schutz der Organisation zu genießen. Womöglich eine Schutzbehauptung – Fakt ist allerdings, dass im Cedar-Verfahren deutlich wurde, wie viel Macht die Geldwäsche-Bande im Libanon hatte. Sowohl ein leitender Sicherheits-Angestellter als auch einer der Geschäftsführer des Beiruter Flughafens haben die Gruppe offenbar gedeckt. Beide sind offenbar noch im Amt, das libanesische Innenministerium schweigt dazu.

Ashraf Rifi kennt die Hisbollah aus Ermittlerperspektive, Zunächst war er Polizeichef, dann Innenminister. Heute sitzt er im libanesischen Parlament. Er sagt im Interview: "Hisbollah-Mitglieder stehen über dem Gesetz, sie bewegen sich außerhalb der staatlichen Autorität. Es ist nicht möglich sie festzunehmen, egal ob sie morden, Geld waschen oder öffentliche Gelder veruntreuen." Rifi beschreibt einen Staat im Staate. Durchaus vorstellbar, dass in einem solchen System auch Geldwäsche-Banden mit der Hisbollah zusammenarbeiten. Belegen lässt sich das kaum. Am Ende der Recherche stehen Indizien, die zumindest darauf hindeuten, dass die Organisation indirekt profitiert hat – etwa durch Spendenzahlungen.

Autoren: Volkmar Kabisch, Jan Strozyk, Benedikt Strunz / NDR

Dazu auch das Radio-Feature "Die Libanon Connection" in der ARD Audiothek

Stand: 25.11.2019 11:13 Uhr

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