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Frankreich: Vorsicht – Einsturzgefahr!

PlayEin Haus mit abgestützten Fenstern
Frankreich: Vorsicht - Einsturzgefahr! | Bild: BR

Den Abwasch macht Maoulida jeden Tag mit einem mulmigen Gefühl. Sie hat Angst vor ihrem Vermieter. Daher möchte sie nicht erkannt werden. Sie zeigt uns Videos. Letztes Jahres gab es einen riesigen Knall. Die Decke von Maoulidas Küche brach durch, begrub den ganzen Raum unter Schutt. Sie war im Nebenzimmer, zum Glück. Feuerwehrleute holten sie aus ihrer Wohnung.

Unbewohnbares Marseille

Ein paar Straßen weiter treffen wir Cyrille Guiraudou. Er berät Menschen in schwierigen Wohnsituationen. Wir sind mit ihm im Zentrum von Marseille. Häuser wie diese gibt es der Stadt überall. 40.000 Wohnungen gelten als unbewohnbar. Diese Häuser wurden evakuiert: "Diese Gebäude sind eine Gefahr für Bewohner und Passanten. Deshalb ist die Straße abgesichert worden, damit, wenn Teile des Gebäudes oder gar das ganze Gebäude einstürzt, die Menschen auf der Straße geschützt sind."

Das soll nicht wieder passieren: Das Trauma von Marseille. Im November 2018 stürzten zwei Häuser mitten im Zentrum ein – obwohl vorher bekannt war, wie marode sie sind. Da keiner handelte, mussten acht Menschen sterben. Eine Stadt in Wut, über ihre Behörden, ihren Zustand. Schon damals ging Linda Larbi auf die Straße. Ihr Cousin Chérif, 36 Jahre alt, starb in den Trümmern. Er hatte bei einem Freund übernachtet. Erst 24 Stunden nach dem Einsturz hatten sie Gewissheit.

Da, wo es passierte, die Rue d‘Aubagne zwei Jahre danach. Linda und ihre Mutter kommen nur selten her. Momentan soll der Prozess die Hintergründe klären. Die beiden sind Nebenkläger. Wo die beiden Häuser standen, klafft noch immer eine Lücke.

Das Zentrum von Marseille zählt zu den ärmsten Gegenden Europas. Der Verfall ist nicht mehr charmant, sondern existenziell. Die Bausubstanz ist alt. Mindestens 4000 Häuser sind marode – ein Sanierungsstau über Jahrzehnte. Misswirtschaft, Kriminalität und Klüngelei taten ihr Übriges. Eine Stadt im Verfall, auch weil ihre Politiker über Jahre nicht durchgriffen.

Wohnen in Gefahr

5000 Menschen sind seit zwei Jahren evakuiert worden. Bei weitem nicht genug. Bis zu 90.000 Menschen leben hier in unzumutbaren Verhältnissen. Der stellvertretende Bürgermeister Patrick Amico: "Die Herausforderung ist gigantisch. Die Zahl der betroffenen Häuser auch. Es wäre unseriös, diese riesige Anzahl an nötigen Arbeiten präzise zu schätzen. Aber wir müssen relativ schnell hunderte Millionen Euro investieren."

Wir treffen Sozialarbeiter Cyrille wieder. Er ist auf Hausbesuch bei einer Familie im Osten der Stadt: Die Wohnung ist in katastrophalem Zustand. Die Küche ist geflutet. Licht kann man nur mit dem Schraubenzieher anmachen. Überall sind Risse. Seit zwei Jahren lebt die Familie ohne warmes Wasser – und ohne Heizung trotz 740 Euro Miete, für zweieinhalb kleine Zimmer. Jeden Tag versucht die Familie, die Wohnung irgendwie trocken zu kriegen.

Zurück bei Maoulida. Die heruntergebrochene Decke ist zwar repariert. Am Haus selbst hat sich nichts getan. Maoulida sucht etwas Neues. Es ist schwierig. Aber die Hoffnung hat sie noch nicht aufgegeben.

Autorin: Friederike Hofmann, ARD Paris

Stand: 15.03.2021 17:21 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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