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Mexiko: Hilfe via Instagram

PlayScreenshot Instagram-Account von Arturo Islas
Mexiko: Hilfe via Instagram | Bild: SWR

Die Straßen in Mexiko-Stadt sind leer – der Corona-Lockdown hat das Land im Griff. Für Tausende Schuhputzer, Saft- oder Taco-Verkäufer bedeutet das: Keine Kundschaft, kein Geld und letztlich nichts zu essen für sie und ihre Familien. Ihnen eilt Arturo Islas jetzt zur Hilfe. Der berühmte Internetaktivist verteilt Lebensmittelpakete an die nun Bedürftigen. Und er ruft seine Follower auf Facebook, Twitter und Instagram dazu auf, es ihm nachzutun. Dort, wo staatliche Hilfe ausbleibt, springen die Bürger ein.

Internet-Aktivisten verschenken Lebensmittel

Es ist kurz vor 7 Uhr in der Früh, als sich Lucio Bautista an die Arbeit macht. 14 Stunden will der Schuhputzer auch heute arbeiten, denn er hat Frau und drei Kinder zu versorgen. "Was ich verdiene braucht meine Tochter für die Schule, ich sage ihr: 'du muss fleißig sein'. Ich will nicht, dass sie stecken bleibt so wie ich, der nie etwas Ordentliches gelernt hat." Der Mundschutz gibt den Geist auf. Jetzt heißt es eben ohne jeglichen Schutz: Warten auf Kunden. Aus Minuten werden Stunden… "Normalerweise würde ich um die Zeit schon neun paar Schuhe zum Putzen haben und jetzt: niemand."

Arturo Islas im Supermarkt
Einkaufen für die Bedürftigen  | Bild: SWR

Doch da ist jemand, der sich zeitgleich mit einer neuen Mission auf den Weg macht. Im Supermarkt hastet Arturo Islas mit seinen Freunden die Regale entlang. Ein Hamsterkauf an Vorräten. Allerdings nicht für ihn. "Eine Packung Müsli, Äpfel, Schinken… Schaut Leute, wir bereiten gerade Lebensmittelpakete vor, die wir heute verschenken werden."         

Lebensmittel verschenken. Arturo ist ein berühmter Internet-Aktivist. Was er tut, stellt er ins Netz, inspiriert und motiviert so Millionen Menschen. "Viele Mexikaner leben von der Hand in den Mund, sie haben keine abgesicherte Arbeit. Sie verkaufen Tacos, Kaugummis, putzen Schuhe. Aber das Geschäft ist tot, weil die Straßen leer sind. Wir müssen helfen, damit sie etwas Essen nach Hause bringen."

Keine Kunden – kein Geld

"Bleib zu Hause" heißt es in Mexiko. Wo sich sonst Millionen Menschen drängeln, findet selbst ein Bettler keine Almosen mehr. Für über die Hälfte der Bevölkerung gibt es kein Homeoffice, keine Kurzarbeit. Kein Kunde, heißt kein Geld. Diese Verkäufer sucht Arturo jetzt. Roberto Carlos steht sich die Beine in den Bauch, um Tacos zu verkaufen. "Was ist hier normalerweise los?" fragt Arturo. "Der Stand wäre voll und schnell alles ausverkauft" antwortet Roberto, "aber jetzt nicht, ich habe nicht mal die Hälfte verkauft." "Wie lange hältst du das finanziell durch?" "Ehrlich, es ist schwer, wir sind fünf in der Familie. Ich weiß nicht wovon ich leben soll, es ist wirklich schwer." Damit Roberto also etwas nach Hause bringen kann, bekommt er das erste Hilfs-Paket. Arturo muss nie lange suchen, einsame Verkäufer sind überall. "Ich habe heute noch keinen einzigen Peso verdient, keinen einzigen Blumenstrauß verkauft", sagt ein Blumenverkäufer.

Strassenhändler an seinem Stand
Die Mexikaner bleiben zuhause, die Händler verdienen kaum noch etwas  | Bild: SWR

Mirna ist schwanger, aber zu Hause bleiben kann sie nicht, sie braucht das Geld. "Wir müssen Miete zahlen, Gas und Strom." "Die Regierung hilft uns nicht. Wir haben kein Gehalt, sollen aber zu Hause bleiben, ganz ohne Unterstützung." Das Handy ist immer griffbereit, seine Videos sollen aufrütteln: "Leute, die Idee ist, wenn ihr die Möglichkeit habt dann helft, jetzt wo alles so schwer ist." Hilfe aus dem Nichts. "Die Videos sind schon zigtausend Mal geteilt worden, ich habe sie gerade erst hochgeladen. Das sorgt dafür, das andere das sehen und so stecken wir uns gegenseitig an. Wir können viele werden." Wo dem Staat die nötigen Mittel fehlen, müssen die Bürger umso solidarischer sein. Und das sind sie. Da sind Menschen, die Lebensmittel auch an Obdachlose und Prostituierte verteilen. Menschen, die Spenden und andere, die Sammeln, für die, die auf der Straße arbeiten. "Mexiko hat nicht nur schlechte Nachrichten, die Menschen hier sind großzügig, wenn die Zeiten hart sind", sagt Luis, einer der Spender.

Von der Regierung bis jetzt nur Versprechungen

Mit schlechten Nachrichten ist die Gewalt gemeint, die seit Jahren steigt. Und jetzt wo die Not vieler wächst, befürchten viele noch mehr Überfälle. Victoria will anonym berichten: "Wir haben Geld abgehoben, danach folgte uns plötzlich von hinten ein Typ. Er sah, dass wir ihn bemerkt haben und drehte um. Wir haben uns auch noch einmal umgedreht und da sahen wir das Messer in seiner Hand."

Arturo Islas macht Selfie mit Handy
Per Social Media werden Nachahmer gesucht  | Bild: SWR

Die Regierung verspricht Hilfspakete, Arturo verteilt sie bereits. Auch mal Mundschutz und Handschuhe an Polizisten. Aus seinen Videos macht er eine "Challenge". Einen Wettbewerb: Er nominiert fünf Freunde es ihm nachzutun und jeder von denen wieder fünf. "Die Idee ist, dass wir uns mit dem Virus der Hilfsbereitschaft anstecken. Jeder soll kaufen so viel er will und kann und es spenden. Es soll eine Armee für den Wandel werden."

Arturo schenkt sein letztes Paket heute an Lucio, den Schuhputzer, der heute gerade mal acht Euro verdient hat. "Ich bin glücklich, wirklich glücklich", sagt Lucio. "Wir dachten es kommt vielleicht mal was von der Regierung und dann lerne ich ihn kennen, einen Freund." Nach sechs Wochen endlich wieder etwas nach Hause bringen. In die kleine Zweizimmerwohnung der Familie. Ein bisschen peinlich ist es ihnen, jetzt so sehr die Hilfe Fremder zu brauchen und doch ein Moment der Freude. "Sowas macht nicht jeder", meint Esther. Die Lebensmittel können die Not ein paar Tage lindern, aber vor allem seien sie nicht von allen vergessen und verlassen worden. Und so wie er, bekommen jetzt viele ein kleines Hilfspaket. Denn Mexiko hat Arturos Challenge angenommen.

Autorin: Xenia Böttcher, ARD-Studio Mexiko

Stand: 10.05.2020 21:29 Uhr

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