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Russland: Medizinstudenten an die Corona-Front

PlayArzt beobachtet durch ein Glasfenster einen Patienten im Krankenhaus
Russland: Medizinstudenten an die Corona-Front  | Bild: dpa / picture-alliance

In Russland steigt die Zahl der Neuinfizierten momentan um mehr als 10.000 täglich. Das Gesundheitssystem ist überlastet. Es fehlen Ärzte und Pfleger. In der Not agiert Moskau mit drastischen Methoden: Medizinstudenten springen in den Krankenhäusern ein – nicht alle von ihnen freiwillig.

Zwang zum Praktikum für Medizinstudenten

Sie bauen so schnell sie können. Ausstellungshallen, Eispaläste, alles wird jetzt zum Krankenhaus. 120.000 Betten müssen her im ganzen Land. Und vielleicht wird nicht mal das reichen. Heute gab es sogar mehr als elftausend Neuinfektionen, die Hälfte davon in Moskau. Es fehlt an Betten und es fehlt an medizinischem Personal. Russland hat zu wenig davon. Sie sind Studenten. Medizinstudenten der höheren Semester, Freiwillige, sie arbeiten in einer der gut ausgestatteten Moskauer Covid-Kliniken. Im russischen Fernsehen berichten sie stolz von ihren Erfahrungen. "Es fehlt vorne und hinten an Leuten" sagt ein Student. Und eine Studentin meint: "Das sind wertvolle Erfahrungen. Später können wir stolz sein, dass wir geholfen haben, Corona zu besiegen."

Behelfs-Klinik wird aufgebaut
Es müssen schnell Tausende von Krankenhausplätzen geschaffen werden | Bild: SWR

Doch freiwillige Arbeit scheint nicht mehr zu reichen. Ende April verfügte die Regierung per Erlass wegen der Corona-Krise ein neues Praktikum für Medizinstudenten, ab sofort. Mascha studiert an einer Uni in Russlands fernem Osten, mehr sollen wir nicht sagen über sie. Seit der Erlass raus ist, hat sie Angst. "Wir können nicht nein sagen – ich hab die Uni gefragt, sie sagen, es ist ein Pflichtpraktikum. Das geht doch nicht. Man kann doch bei einer Pandemie nicht einfach Studenten ins Praktikum zwingen. Ich habe eine Kommilitonin, die hat schon vorher freiwillig geholfen. Sie hat sich infiziert und liegt jetzt mit Temperatur am Tropf."

Viele Corona-Tote beim medizinischen Personal

Ausschnitt aus Handy-Video: Krankenhausbetten in Flur mit Patienten
Überfüllte Klinik in St. Petersburg  | Bild: SWR

Nächster Anruf bei Edgar. Er studiert in Moskau. "In einigen Regionen zwingen sie schon die Studenten, ja das hab ich gehört. Man droht offen mit Ausschluss vom Studium. Hier in Moskau ist vieles noch unklar. Aber – wir sind doch kein Kanonenfutter. Wir wollen nicht Löcher stopfen, für die wir nichts können." Tatsächlich reformiert Russland gerade sein Gesundheitswesen. Kliniken werden modernisiert, unter dem Stichwort Optimierung wurden in den vergangenen Jahren aber auch sehr viele geschlossen. Und noch mehr Stellen abgeschafft. Vielerorts klagen Ärzte über mangelnde Ausrüstung. Oder posten solche Bilder aus völlig überfüllten Krankenhäusern. Laut der Website Echo Moskvy zeigen sie eine Klinik in St. Petersburg.

Gedenktafel mit Fotos von Corona-Opfern
Gedenktafel für Corona-Opfer im Bereich des medizinischen Personals  | Bild: SWR

Und noch etwas ist beunruhigend: im internationalen Vergleich sterben in Russland überproportional viel Angehörige medizinischer Berufe. Offizielle Daten gibt es nicht – diese Liste führen die Ärzte selbst, sie wächst. Eine Gedenktafel in St. Petersburg. Ärztinnen, Krankenpfleger, Rettungswagenfahrer. Alle aus der Stadt, alle gestorben an COVID-19. Weil es zu wenig Schutzkleidung gibt, sagt Wiktor Pawlowitsch. Auch er hat einen Kollegen verloren. "Ich arbeite in der Rettungszentrale. Ein Drittel unserer Sanitäter ist krank. Sie haben uns jetzt 60 Studenten geschickt." Aber die, sagt Viktor Pawlowitsch, lässt er nur Telefondienst machen. Zu den Kranken lässt er sie nicht. Er will nicht auch noch sie verlieren.

Autorin: Ina Ruck, ARD-Studio Moskau

Stand: 11.05.2020 09:58 Uhr

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