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Russland: Klimaforscher zwischen Mammuts und Methangas

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Russland: Klimaforscher zwischen Mammuts und Methangas | Bild: ARD

Sonnenaufgang in der Taiga. Alle paar Minuten verändert sich das Licht. Bald, im Dezember, wird die Sonne gar nicht mehr aufgehen, die Polarnacht beginnt. Nikita Zimov ist hier aufgewachsen – in der Einsamkeit der kältesten von Menschen bewohnten Region der Welt. Der Naturwissenschaftler will uns zeigen, wie atemberaubend schnell seine Heimat sich verändert. Überall kleine Zeichen: Die Straßen voller Dellen. Und schon am Winteranfang viel Schnee.

Nikita Zimov, Bewohner: "Die Ozeane der Welt sind wärmer geworden, es verdunstet mehr Wasser – und deswegen fällt hier bei uns mehr Niederschlag. Der viele Schnee wiederrum, der verstärkt das Auftauen des Permafrost."
Permafrost – so heißt die dauerhaft gefrorene Erde der Arktis. In den Seen ist das große Tauen dieses Dauerfrosts gut sichtbar. Hier unten liegen Milliarden Tonnen gefrorener Pflanzen, viel reiche Erde, eingeschlossen im Eis - so wie Brokkoli im Gefrierfach, erklärt Nikita. Wenn aber der Boden taut und verrottet, dann gärt und blubbert es.

Nikita Zimov, Bewohner: "Wir Menschen verbrennen Öl und Kohle. Das Klima wird wärmer. So taut der Permafrost hier auf und setzt Methan frei, ein Treibhausgas, das das Klima noch stärker einheizt. Zwei Effekte, die sich gegenseitig hochschaukeln."
Zwei Tage später kehrt Nikita zum Eisloch zurück. Wenn es gärt, dann entsteht Hitze, erklärt er.
Nikita Zimov, Bewohner: "Methan ist 23-mal schwerer als C02. Es erwärmt die Atmosphäre 23-mal stärker."

Die Wissenschaftsstation von Nikita Zimov und seinem Vater Sergej liegt neben einer alten sowjetischen Fernsehanlage. Die beiden laden seit Jahren Klimaforscher aus den USA und Europa ein. Sergey nimmt uns mit – zu einem Experiment. Überall hier versuchen die Forscher ihre Daten wie Puzzlesteine zusammenzulegen, um das Klima zu verstehen. Auf einem Stück Land hat Sergej dem Boden seine Geheimnisse entlockt. Mit Hilfe von Bulldozern entfernte er die Permafrost-Schicht. Die Eisadern sind geschmolzen. Erdhügel sind entstanden.

Klimaerwärmung zerstört die Landschaft

Sergej Zimov, Vater von Nikita: "Wenn das Klima wärmer wird, wird sich alles hier bald in so ein zerklüftetes Ödland verwandeln. Alle Ökosysteme werden vernichtet. Alle Straßen und Siedlungen werden zerstört…Millionen Tonnen Schlamm werden in die Flüsse fließen. Viele Fische werden verschwinden."

In ihrem Wohnzimmer zeigen uns Sergey und Nikita Zimov Bilder vom vergangenen Sommer. Eine Landschaft am Kolyma-Fluss, der in den Arktischen Ozean fließt. Die Ufer lösen sich auf, der Boden ist eingesackt. Stück für Stück wandert der See Richtung Fluss. Das einst flache Land verwandelt sich: Erdhügel ragen hervor, riesige Gruben und Senken entstehen.

Knochen tauchen auf. Überall – Knochen von Tieren, die vor zehntausenden Jahren hier lebten: Wollnashörner, Steppenbisons und immer wieder: Mammutknochen. Mehr Biomasse als in allen Urwäldern der Welt werde hier jetzt freigelegt, erklärt Sergej. Wenn die sich durch Bakterien zersetzt, entsteht eine gigantische Menge von Klimakiller-Gasen.

Sergej Zimov, Bewohner: "Diese Sedimente sind sehr gefährlich für das Klima unseres Planeten. Hier gibt es Graswurzeln, organische Stoffe. Viele Tierexkremente. Und viele Bakterien. Das ist jetzt frische Erde. Sie war 30 000 Jahre gefroren. Wenn sie schmilzt, fangen die Gräser an zu wachsen, die Bakterien wachen auf."

Das große Schmelzen ist unaufhaltbar

Fast 470 Quadratkilometer Land – eine Fläche so groß wie Andorra – verliert Russland jedes Jahr durch das Tauen und die Erosion. Nikita Zimov hält das große Schmelzen für unaufhaltbar. Es dauere nur noch zwanzig, fünfundzwanzig Jahre, bis der Permafrost vollständig taue. Mitten in der weißen Leere tauchen sie plötzlich auf: Elche. Bisons. Jakutische Pferde. Die Zimovs haben sie hierher gebracht, von tausenden Kilometern weit. Es war eine unglaubliche Kraftanstrengung, wir machten das ganz alleine, erzählt Nikita.

Nikita Zimov, Bewohner: "Vor zwanzig-, dreißigtausend Jahren, da kam der erste Mensch hierher. Und wenn der sich auf einen Hügel stellte und sich an genau so einem Tag umschaute, dann sah er zwei- bis dreitausend Tiere um sich herum…. Es mag seltsam klingen – aber diese Tiere können ein Teil der Lösung des Problems sein."
Nichts anderes als ein neues Ökosystem wollen die Zimovs hier aufbauen. Das Ökosystem der Eiszeit, der Mammutsteppe. Reines Grasland, ohne Bäume. Wo Tiere weiden, da friert der Boden wieder durch, haben sie herausgefunden.

Nikita Zimov, Bewohner: "Das liegt daran, dass sie den Schnee zertrampeln. Die Tiere wollen fressen, und zertrampeln den Schnee. Dadurch ist der Boden schlechter isoliert. Hier an dieser Stelle wird bis zum Frühling der Boden, der Permafrost mehr durchfriere. Und die Boden-Temperatur wird hier kälter sein als da drüben, wo es keine Tiere gibt."

Nikitas kühner Traum: Millionen von Tieren in Sibirien. In ein paar hundert Jahren könnten sie den Permafrost retten – und dabei helfen, das Klima wieder abzukühlen.

Autorin: Golineh Atai

Stand: 17.11.2015 11:15 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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