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Russland: Putin und seine Freunde

PlayRusslands Präsident Wladimir Putin mit Kollegen
Russland: Putin und seine Freunde | Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Iranian Presidency

Überall Touristen in Moskau: Basiliuskathedrale, Kreml. Der rote Platz so voll wie jeden Sommer, trotz der Sanktionen. Oder: Gerade wegen der Sanktionen. Reisende aus Europa kommen zwar nicht mehr, dafür aber kommen sie aus ganz Russland – die, die sonst vielleicht einen Städtetrip nach Rom gemacht hätten, nach Paris oder Berlin. In Madrid hat die Nato gerade Russland als größte Bedrohung definiert, Finnland und selbst das so lange neutrale Schweden wollen beitreten.

Tags zuvor die G7, schon lange nicht mehr als G8 mit Russland am selben Tisch: Auch hier Schulterschluss, gute Stimmung. Über Putin witzeln sie, weil er gern mit bloßem Oberkörper posiert. Ob man sich auch ausziehen sollte, fragt Boris Johnson: Jacken an oder Jacken aus?

Vom Westen ausgeschlossen – aber nicht isoliert

Der Kreml also: ausgelacht, ausgeschlossen, isoliert und allein auf weiter Flur? Nein, sagt der regierungsnahe Außenpolitikexperte Fjodor Lukjanow: "Russland ist nicht global isoliert. Es ist komplett isoliert vom Westen, ja, und dies ist präzedenzlos. Ein solches Maß an Ablehnung durch den Westen gab es nicht mal im Kalten Krieg. Aber der Rest der Welt sieht Russland nicht als isoliert und sucht nach Wegen, die Hindernisse, die der Westen aufgebaut hat gegen Russland, zu umgehen."

Noch während der Westen unter sich tagt, reist Russlands Präsident nach Zentralasien: Die erste Auslandsreise seit Beginn seiner sogenannten Spezialoperation, die der Rest der Welt Krieg nennt. Und: die deutliche Botschaft, dass Russland seine Partner im Osten sucht. Oder bereits hat. Beim Gipfel der Anrainer des Kaspischen Meers etwa: Iran, Aserbaidschan, Kasachstan, Turkmenistan – alle vier haben sich bei der UN-Resolution gegen Russland enthalten oder die Abstimmung lieber gleich geschwänzt.
Schon das wertet Russland als Freundschaftsbeweis.

Unterstützung aus Asien?

Auf dem Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg im Juni fehlen seit Jahren westliche Länder, dafür sind andere da: Ägypten, Armenien, neuerdings auch die Chefs der nicht anerkannten Pseudostaaten Lugansk und Donetsk. Und als Stargast, wenn auch nur zugeschaltet, Chinas Staatschef Xi Jinping. Er ist Russland größte Hoffnung.
Doch China ist vorsichtig, trotz aller Freundschaft, die Xi und Putin bei jeder Gelegenheit betonen, denn in Sachen Ukraine hält sich Xi bislang auffällig zurück. Bei der UN-Resolution gegen Russland hat sein Land sich ebenfalls enthalten. Kein Wunder, sagt der Moskauer China-Kenner Michail Karpow – Chinas Wirtschaft hänge am Dollar: "China hat 94 Prozent seiner Gold- und Devisenreserven im Ausland angelegt, knapp ein Drittel davon in amerikanischen Staatsobligationen. Die Chinesen können also vielleicht mitfühlen mit Russland oder, wie sie selbst sagen, Moskaus Motivation verstehen, aber sie fürchten Sekundärsanktionen der Amerikaner, besonders im Finanzsektor."

Das russische Öl, das der Westen nicht mehr kauft, kauft jetzt China – zwar mit dickem mit Rabatt, aber dennoch hilft es Russland, die Sanktionsverluste zu kompensieren. Auch die Türkei kauft ein, und vor allem Indien hat seinen Ölimport aus Russland versechsfacht. Aber – kann Russland auf Indien zählen?
Das Land sucht wie China eine Art Mittelposition zwischen den Seiten. Ministerpräsident Modi war gerade erst Gast bei den G7, in Russland kauft er Waffen. Genau wie Indonesiens Staatchef Widodo, auch er Gast bei den G7, auch er gleichzeitig guter Waffenkunde bei Putin. Den besuchte er auf dem Rückweg vom G7-Gipfel. Aber: zunächst reiste Widodo nach Kiew, ließ sich die Bombeneinschläge in der Vorstadt Irpin zeigen und war sichtlich betroffen.
Indonesien hat bei den Vereinten Nationen gegen Russland gestimmt, will dennoch gute Beziehungen halten.

Ein großes geopolitisches Spiel, in dem jeder Staat sich selbst der nächste ist. Das gilt natürlich auch für den größten unter Russlands Freunden. Isoliert ist der Kreml nicht. Aber mit Putins Russland ein echtes, tragfähiges Bündnis einzugehen, das scheint vielen Staaten derzeit viel zu riskant.

Autorin: Ina Ruck, ARD Moskau

Stand: 04.07.2022 12:47 Uhr

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