SENDETERMIN Mo., 22.06.15 | 04:50 Uhr | Das Erste

Russland: Keine Hilfe gegen Schmerzen 

PlayWeltspiegel
Russland: Keine Hilfe gegen Schmerzen | Bild: SWR

Marina Uzhenzewa hat ihren Vater verloren. Er hat sich das Leben genommen. Weil er – so sagt Marina – die Schmerzen nicht mehr ertrug, weil der Staat ihn im Stich ließ, weil er keine Schmerzmittel bekam, die sein Leid erträglich gemacht hätte. Das, was Marinas Vater erleben musste, ist kein Einzelfall. Es vergeht keine Woche in Russland, in der sich nicht Menschen umbringen, weil sie keine Morphine bekommen, die ihre unerträglichen Schmerzen lindern können. Das russische Gesundheitssystem betrachtet Morphin als eine Droge und kriminalisiert nicht selten Ärzte, die das starke Schmerzmittel verschreiben wollen. Über die unmenschlichen Folgen dieses Systems berichtet. Birgit Virnich, Studio Moskau.

Oft geht die Architektin Marina Uzhenzewa zum Grab ihres Vaters. Nicht nur Trauer treibt sie hierher. Auch Wut. Wenn sie ihn doch nur vor den schrecklichen Schmerzen hätte bewahren können. Doch sie, die erfolgreiche Architektin ist – so sagt sie – am russischen Gesundheitssystem gescheitert. "Mein Vater war schwer krebskrank. Er hatte Lungenkrebs und am 9. Mai hat er beschlossen, sich das Leben zu nehmen. Denn die Schmerzen, die er erleiden musste, waren unmenschlich, höllisch."

Keine Medikamente trotz unerträglicher Schmerzen

Marina Uzhenzewa am Grab ihres Vaters
Marina Uzhenzewa am Grab ihres Vaters | Bild: SWR

Ihr Vater brauchte Morphin. Doch die Ärzte verschreiben über Wochen nur schwache Medikamente. Marina muss zusehen wie sich der Zustand ihres 80-jährigen Vaters verschlechtert und die Schmerzen unerträglich werden. Die Ärzte vertrösten die Familie. Sie würden keine Drogen verschreiben, argumentieren sie. "Am 9. Mai haben wir den ganzen Tag versucht, meinem Vater zu helfen, haben die Ärzte angerufen, auf dem Handy, wir baten um Hilfe, haben alle angefleht, dass uns jemand sagen sollte, was wir tun könnten. Wie wir seine Schmerzen lindern könnten. Welche Spritze wir setzen könnten." Doch es gelingt Marina nicht, einen Arzt dazu zu bewegen, ihrem Vater einen Hausbesuch abzustatten und ihm hoch dosierte Schmerzmittel zu spritzen. In einem unbeobachteten Moment greift der Todkranke aus Verzweiflung zum Messer.

Vor wenigen Tagen treffe ich sie in einem Lokal. Sie zeigt mir den Abschiedsbrief ihres Vaters. "Darin entschuldigt er sich bei uns", meint sie traurig. Er bittet uns, ihm zu verzeihen, denn er habe keine Kraft mehr, das höllische Brennen in seiner Brust auszuhalten. Zeit seines Lebens habe ihr Vater für die staatliche Eisenbahn gearbeitet und an diesen Staat geglaubt, erklärt sie. Bis zum Schluss. Deshalb wolle sie nun auf die Missstände aufmerksam machen und sammelt Dokumente, die die Versäumnisse der Gesundheitsbehörden belegen. "Hier ist das Papier, um das ich im Krankenhaus gekämpft habe. Man wollte es mir erst zehn Tage später geben. Hier ist ein Auszug aus der Krankenakte. Da steht, dass die Ärztin meinen Vater 16 Mal besucht hatte. In Wirklichkeit war sie nur drei Mal bei uns, zwei Mal haben wir sie bestellt und ein Mal kamen die freiwillig."

Immer mehr Selbstmorde

Monitor mit Bild einer kranken Frau
Allein in diesem Jahr haben mindestens 30 Menschen Selbstmord begangen. | Bild: SWR

Doch Marinas Vater ist kein Einzelfall. Im Februar 2014 nahm sich ein hoher Marine-Admiral das Leben, weil er seine Schmerzen, verursacht durch Krebs, nicht mehr aushielt. Das Thema ging durch die Medien, denn in seinem Abschiedsbrief macht er das Gesundheitsministerium und die Regierung für seinen Selbstmord verantwortlich. Es folgen weitere Selbstmorde von Menschen, denen es nicht gelingt adäquat behandelt zu werden. Seit Mai dieses Jahres wird im Internet diese Liste geführt. "26, 27 … Mein Papa ist der 30. 30 Menschen in so kurzer Zeit Und das sind nur die, die bekannt sind."

Schuld ist ein überaus bürokratischer Umgang mit starken morphinhaltigen Schmerzmitteln, erklärt Marina. Diese würden als Drogen angesehen. Um ein Rezept zu bekommen brauche es viele Unterschriften. Zu viele. Das bestätigen uns auch Patienten, die das Glück haben in diesem Moskauer Hospiz, einem der wenigen in Russland, behandelt zu werden. Sie gehören zu den Glücklichen, denn noch nicht einmal jeder achte krebskranke Russe bekommt eine effektive Palliativhilfe. Viele der Patienten, vor allem die, die vom Land kommen, wo noch nicht einmal 4% der Schwerkranken Zugang zu Schmerzmitteln haben, haben ausserhalb dieser Klinik schlechte Erfahrungen gemacht.

Ärzte fürchten sich vor Anklagen wegen Drogendelikten

Kranker Mann im Bett
Effektive Palliativhilfe ist in Rußland selten. | Bild: SWR

Dieser Mann kann jetzt erst einmal drei Wochen hier bleiben. Wie es dann weitergeht, weiss er nicht. "Neben einer sehr strengen Einstellung zu Drogen, gibt es auch einige bürokratische Hürden. Die Ärzte sind verpflichtet, Rechenschaft abzulegen, wenn sie Arzneimittel verschreiben, die Drogen beinhalten." Die Verunsicherung unter Ärzten ist gross, erklärt uns Lidia Moniava, die Leiterin eines Kinderpflegedienstes. Ärzte laufen Gefahr in die Fänge der Drogenbehörden zu geraten. Immer wieder wird berichtet, dass die Polizei Ärzten Drogendelikte unterstellen. "Bislang werden Ärzte bestraft, wenn sie das Rezept falsch verschreiben. Sie könne ins Gefängnis kommen, den Arbeitsplatz verlieren. Ich glaube das ist falsch, man sollte dann bestrafen, wenn der Patient keine Schmerzmittel bekommen hat."

In Russland sind nur vier narkotische Mittel zugelassen, erklärt mir Jekaterina Tschistjakowa. Im Westen sind es dagegen 23.Und die Situation für Kinder ist noch schlimmer. Sie dürfen überhaupt keine Schmerzmittel erhalten. Das ändert sich auch mit dem neuen Gesetz nicht, das im Juli in Kraft treten soll. Dafür müsse man die ganze Industrie umstellen, meint sie. "In Russland ist man der Überzeugung, dass wenn jemand an Krebs erkrankt ist, dann muss es ihm auch wehtun", sagt Jekaterina Tschistjakowa vom Wohltätigkeitsfond "Podari Zhisn". "Die Leute wollen lieber starke Schmerzen aushalten, als schlimme Drogen nehmen. Sie haben Angst ihren Verstand zu verlieren und ertragen lieber die Schmerzen."

Seit dem Tod ihres Vaters schreibt Marina Beschwerdebriefe, um auf die Fehler bei der Behandlung hinzuweisen. Sie hat auch an das russische Gesundheitsministerium geschrieben. Sie will die Aufmerksamkeit auf das Problem lenken. "Ich will nicht, dass andere Leute das gleiche erleben wie mein Vater und meine ganzen Verwandten. Ich will dass, Menschen, die unheilbar krank sind, wenigstens in ihrer letzten Zeit Liebe und Freude erleben und in seelischer Harmonie aus dem Leben gehen können."

Auf eine Antwort des verantwortlichen Gesundheitsministeriums wartet sie bis heute. Dafür wurde kürzlich den russischen Medien offiziell verboten, über Ursachen und Methoden von Selbstmorden zu berichten.

Stand: 05.07.2019 11:17 Uhr

0 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@ard.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

Mo., 22.06.15 | 04:50 Uhr
Das Erste

Produktion

Südwestrundfunk
für
DasErste