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Malaiischer Archipel: In der Welt der Seenomaden

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Malaiischer Archipel: In der Welt der Seenomaden | Bild: SWR

Die Bajau sind Seenomaden, die seit Jahrtausenden in den Küstengewässern des malaiischen Archipels fischen. Obwohl die meisten schon lange nicht mehr nomadisch leben, sondern sich auf Stelzenhäusern und Hausbooten angesiedelt haben, besitzen sie weder Geburtsurkunden, Pässe, noch irgendeine Staatsangehörigkeit. Auch wenn große internationale Fangflotten zunehmend die Lebensgrundlagen der Klein-Fischer bedrohen, haben die Bajau immer noch ihr wirtschaftliches Auskommen. Und trotzdem leben sie in Armut. Da sie staatenlos sind, haben sie in der Regel keinen Zugang zu einem funktionierenden Gesundheits- oder Bildungswesen. Eine Reportage von Norbert Lübbers, ARD Singapur.

Hütten auf Stelzen im Meer
Die Seenomaden leben in Stelzenhäusern und auf Hausbooten | Bild: SWR

Geschmeidig, fast schwerelos, gleitet er über das Wasser. Sulbin ist ein Bajau - ein Seenomade. All seine Vorfahren haben auf dem Wasser gelebt und nur selten einen Fuss an Land gesetzt. “Mein Herz schlägt ganz ruhig, wenn ich auf dem Wasser bin. Ich liebe es abzutauchen. Auf dem Festland fühlen wir Bajau uns einfach nicht wohl!” Das Meer ist sein zuhause und seine Speisekammer. Sulbin ist einer der besten Speerfischer der Bajau. Ein erster Blick. Ein letzter Atemzug. Dann verschwindet er in der Tiefe. Mit seiner Harpune gleitet Sulbin 20 Meter hinab. Sein Körper hat sich dem immensen Druck hier unten angepasst. Beinahe mühelos geht Sulbin auf dem Meeresgrund. Unter den Korallen erspäht er seine Beute. Schuss! Mit einem einzigen Atemzug kann Sulbin drei Minuten unter Wasser jagen. Die Ausbeute kann sich sehen lassen. Ein Stechrochen! Das Abendessen für ihn und seine Familie.“Das reicht für uns. An einem guten Tag, wenn ich viel Fisch fange, verkaufe ich das, was ich nicht brauche. Und dann leiste ich mir auch mal eine Zigarette.”

Die Küstengewässer vor der Provinz Saba. Malaysisches Staatsgebiet und die Heimat der Bajau. Sie haben hier bereits gelebt, bevor Malaysia überhaupt gegründet wurde. Doch in einer modernen Welt mit Hoheitsgebieten stösst die Freiheit der Seenomaden an ihre Grenzen. Wie die meisten Bajau ist auch Sulbin staatenlos. Er besitzt keine Geburtsurkunde, keinen Ausweis, keine Nationalität! Auf dem Weg nach Hause trifft er Freunde, die noch ihr ganzes Leben als Seenomaden auf einen Holzboot verbringen. Vier Generationen. Mehr als 20 Menschen leben in diesem schwimmenden Bretterverschlag. Bingin ist Ende 40. Und stolzer Vater. 11 Kinder, 4 Enkelkinder, seine Mutter und die Familie seines Bruders teilen sich das, was an Platz da ist.“Wir leben so wie unsere Vorfahren. Was anderes kenn wir nicht. Das Boot ist alles, was wir brauchen!”

Kinder bei Kartenspiel
Ohne malaysische Staatsangehörigkeit dürfen die Kinder nicht auf die Schule | Bild: SWR

Doch was nach Freiheit klingt - es kann ein Fluch sein. Denn für ihr Leben auf dem Meer zahlen die Bajau einen hohen Preis. Diese Kinder haben noch nie einen Arzt gesehen. Sie alle wurden auf diesem Boot geboren, viele Geschwister sind früh gestorben. Einer der Söhne hat seit Tagen stechende Schmerzen in der Brust. Seine Mutter ist überzeugt, dass böse Meeresgeister von ihm Besitz ergriffen haben. Eingelegtes Zitronengras soll die Schmerzen lindern. “Er ist besessen. In seinen Träumen sieht er immer wieder seine Großmutter, die ihn zu sich ruft! Aber Geld, um ihn ins Krankenhaus zu bringen, das haben wir nicht!” Das Boot legt ab. Doch der Zugang zu einem Gesundheitswesen, er bleibt den Seenomaden versperrt.

Sulbin zieht weiter. Er hat das Leben auf dem Wasser vor 20 Jahren aufgegeben. Ein großes Boot - das konnte er sich nicht mehr leisten. Seine neue Heimat: Die Insel Mabul. Malaysisches Staatsgebiet. Auf gerade mal 20 Hektar sind hier mehr als 2000 Bajau sesshaft geworden. Ein Seenomaden-Ghetto - mitten im Paradies. In einer Blechhütte lebt Sulbin mit seiner Frau Angnora und zwei Kindern. Hier auf Mabul werden sie von den Behörden geduldet. Doch einfach aufs Festland fahren, das geht nicht. Denn auf dem Papier bleiben sie illegale Einwanderer. Im Ernstfall kann das ein paar Tage oder auch ein paar Wochen Gefängnis bedeuten. “Die Regierung gibt uns keine Ausweise, keine Pässe“, klagt Sulbins Frau Angnora binte Salban. „Jedes Mal, wenn wir aufs Festland fahren, müssen wir vorsichtig sein. Wir haben immer Angst vor einer Polizeikontrolle.”

Blechhütten
Die Bajau auf Mabul werden von den malayischen Behörden nur geduldet - offiziell sind sie illegale Einwanderer

Die Insel Mabul - sie fühlt sich manchmal an wie ein Gefängnis ohne Mauern. Ein Leben ohne Geburtsurkunde - ohne Identität - vor allem für die Kinder bedeutet das ein Leben am Rand der Gesellschaft. Wenn die Kinder nicht betteln oder den Müll sammeln, dann spielen sie. Den ganzen Tag. Zwar gibt es auch auf Mabul eine Schule. Doch nur Kinder mit malaysischer Staatsangehörigkeit dürfen diese auch besuchen. Die Bajau sind nicht erwünscht. Zuhause bei Sulbin. Der Fang des Tages - er ist zubereitet. Es ist ein in Leben von der Hand in den Mund. Auch nach 20 Jahren auf malaysischem Boden fühlt sich Sulbin nicht willkommen. Welche Zukunft er seinen Kindern bieten kann, weiss er nicht. “Am liebsten würde ich meinen Kindern das Leben auf dem Wasser zeigen. Aber ein Boot können wir uns nicht leisten. Und hier auf der Insel bleiben wir doch Fremde.” Und der Staat Malaysia tut wenig, um das zu ändern. Die Bajau, so heißt es, werden landkrank, wenn sie zu lange auf festem Boden leben. Doch auf die richtige Medizin, auf Anerkennung, warten sie in Malaysia vergebens.

Stand: 15.04.2014 10:55 Uhr

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