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Kenia: Nach dem Angriff

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Kenia: Nach dem Angriff | Bild: SWR

Somalier in Nairobi wehren sich gegen Al-Shabaab. Eastleigh ist eigentlich ein Stadtteil von Nairobi, aber gleichzeitig die zweitgrößte somalische Stadt nach Mogadischu. Nach dem Anschlag auf das Einkaufszentrum fühlen sich viele stigmatisiert. Somalische Geschäftsleute und Immobilienbesitzer, die teilweise Sympathien für die Islamisten haben, fürchten um ihr Einkommen. In Eastleigh sollen junge Männer angeworben worden sein, von hier soll auch Geld an die Islamisten geflossen sein. Die traditionellen Einkommensquellen von Al Shabaab (Schutzgelder und Holzkohlehandel) in Somalia sind zunehmend versiegt. Wenn auch die somalischen Geschäftsleute in Eastleigh den Hahn zudrehen, wird es eng für die Islamisten.

Peter Schreiber, ARD Nairobi

Menschenmenge
In Nairobis Stadtteil Eastleigh leben viele Flüchtlinge aus Somalia | Bild: SWR

In der Masse untertauchen – in Nairobis Stadtteil Eastleigh ist das kein Problem. Rund eine viertel Millionen Menschen leben hier. Die meisten sind Somalier mit kenianischem Pass. Aber auch viele Flüchtlinge, die sich aus dem Bürgerkriegsland in die Hauptstadt Kenias durchgeschlagen haben. Bittere Armut neben Luxushotels. Erbaut von somalischen Geschäftsleuten mit Geld, von dem nicht klar ist, wo es herkommt. In Eastleigh gibt es Dutzende von Moscheen. In einigen, so heißt es, würden extremistische Botschaften gepredigt. Wie viele Anhänger  die Kämpfer der islamistischen  Al Shabaab hier haben, ist schwer auszumachen. Ibrahim Ali Maalim ist ein muslimischer Geistlicher, der sich für Toleranz einsetzt. Doch selbst bei seinen Gemeinde-Mitgliedern ist er sich nicht sicher. „Wer kann schon in das Herz der Menschen blicken? Es mag Leute bei uns geben, die mit Al Shabaab sympathisieren.  Mit dem Islam, wie ich ihn verstehe, hat das aber nichts zu tun. Die Extremisten wollen doch nur Unfrieden stiften zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen.“

Strassenschild Eastleigh Avenue
Nairobis Stadtteil Eastleigh gilt als mögliches Rückzugsgebiet und heimliche Basis der Al Shabaab | Bild: SWR

"Al Shabaab“  ist arabisch und heißt „Die Jugend“. Allein in Eastleigh sollen 300 Jugendliche  in den letzten Jahren angeworben worden sein. Einen von ihnen treffen wir in einem Hinterhof. Sein Gesicht sollen wir nicht zeigen, ihn einfach „Ahmed“ nennen. Fünf Monate wurde er  in Somalia für den Terrorkampf ausgebildet. Bei einem Feuergefecht zwischen rivalisierenden Fraktionen von Al Shabaab wurde er durch mehrere Schüsse verletzt. Wie – frage ich ihn – sah das Training aus? „Zunächst  hatten wir Unterricht. Uns wurde gesagt, dass die Ungläubigen unsere Feinde seien. Dann lernten wir, wie man mit AK-47-Gewehren umgeht. Wir bekamen ein Haus zum Wohnen und im Monat 200 bis 300 Dollar.“ Warum  - frage ich – bist Du nach Deiner Verwundung nach Kenia zurückgegangen? „Ich ging nach Somalia für den Jihad, für den heiligen Krieg. Aber dann sah ich, dass wir vor allem gegen Somalis kämpften. Es kann doch nicht richtig sein, dass wir andere Muslime töten. Da wurde mir klar, ich bin am falschen Platz.“

Nairobis Stadtteil Eastleigh gilt als mögliches Rückzugsgebiet und heimliche Basis der Al Shabaab. Der Geschäftsmann Abdul Nassir zeigt mir ein Wohnhaus, wo vor fast genau einem Jahr Waffen und Sprengstoff gefunden wurden. „Die Polizei hat das Haus in der Nacht gegen zwei Uhr durchsucht. In einer der Wohnungen hinter mir fanden sie Kalashnikovs, Granaten und selbstgebaute Bomben. Das war zu der Zeit, als hier in der Nachbarschaft mehrere christliche Kirchen angegriffen wurden.“

Zwei Polizisten auf Streife
Viele fürchten Racheakte gegen die in Kenia lebenden Somalis | Bild: SWR

Eastleigh ist ein Ort der Gegensätze. Kein Stadtteil Nairobis wächst schneller. Ein quirliges Handelszentrum, in dem es alles, aber auch wirklich alles zu kaufen gibt. Die Geschäftsleute zählen zu den größten Gewerbesteuer-Zahlern der kenianischen Hauptstadt. Das Massaker im Einkaufszentrum im Westen Nairobis hat auch hier Spuren hinterlassen. Die Menschen bangen um ihre Sicherheit, die Händler ums Geschäft. „Wir haben Kunden, die kommen teilweise aus Zentralafrika, um sich bei uns mit Waren einzudecken“, sagt der Ladenbesitzer Osman Arab. „Doch nach dem Anschlag auf das Einkaufszentrum bleiben bei der angespannten Sicherheitslage viele weg.“ Polizisten sieht man kaum in Eastleigh. Dabei haben hier viele Menschen Angst. Weniger vor Al Shabaab als vor pauschalen Schuldzuweisungen und Racheakten gegen die in Kenia lebenden Somalis.

Stand: 15.04.2014 11:00 Uhr

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