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Syrien: Idlib – Dribbeln mit Prothese

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Mohamed dribbelt wieder. Wenn auch nicht ganz so flink wie früher. Seine Prothese sitzt nicht perfekt. Manchmal schmerzt sie. Aber der Zehnjährige lässt sich nichts anmerken. Das letzte, was er will, ist Mitleid.

Auf Frieden hoffen

Seit dem Februar 2016 ist in seinem Leben nichts mehr wie zuvor. Er war auf dem Weg von der Schule nach Hause, als syrische Kampfjets am Himmel auftauchten. "Ich weiß noch, dass vier Bomben in dem Viertel einschlugen. Eine nach der anderen. Als sie explodierten, war ich noch bei vollem Bewusstsein. Ich erinnere mich noch daran, wie ich zur Klinik gebracht wurde und dort ankam. Mein Bein hat geblutet und ich habe es mit der Hand gestützt", erzählt Mohamed Asaad.

Im Januar floh er mit seiner Familie aus Sarakib nach Idlib. In der Hauptstadt der letzten Rebellenhochburg Syriens fühlen sie sich halbwegs sicher. Es gilt eine Waffenruhe. Die Luftangriffe sind seither weniger geworden.

Mohamed meistert seinen Alltag so gut er kann. Mit seinen Eltern und seinem Bruder wohnt er in einer kleinen Mietwohnung. Sie hatten Glück. Die meisten Flüchtlinge leben in Zelten. Dicht gedrängt in Camps. Am liebsten aber würde er zurück in seine Heimatstadt, die nun in Trümmern liegt. Irgendwann einmal, wenn dort wieder Frieden herrscht.

"Ich will wieder in Sarakib mit meinen Freunden spielen, zur Schule gehen, dann studieren. Später möchte ich einmal Arzt werden und verletzten Kindern mit Bein- oder Armprothesen helfen. Dann können sie wieder glücklich werden", sagt Mohamed Asaad.

Syrien: Balanceakt mit Prothese
Syrien: Balanceakt mit Prothese

Sein Leben hing an einem seidenen Faden

Mohamed war nicht der einzige, den es getroffen hat. Die Tochter eines Nachbarn starb bei dem Luftangriff. Auch sein Bruder wurde verletzt. Zum Glück nicht ganz so schlimm wie er. Mohameds Leben hing an einem seidenen Faden.

"Mein Sohn war damals fünf Jahre alt. Er war fünf Stunden lang im Operationssaal. Es war ein furchtbarer Moment, als sie ihn rausschoben. Ohne Unterschenkel. Die Ärzte sagten mir, dass sie zehn Granatsplitter aus seinem Bauch geholt haben", sagt Abd al ellah Asaad, Vater.

Es begann eine harte Zeit für ihn. Sein Vater war oft an seiner Seite. Mohamed musste mühsam lernen, mit einer Prothese zu leben. Er teilt das Schicksal mit vielen anderen in Syrien. Seit Beginn des Bürgerkriegs haben mehr als 22.000 Menschen ein Bein verloren.

Ein Ort der Hoffnung

Dieses Prothesenzentrum ist eine der wenigen Anlaufstellen. Ein Ort der Hoffnung auch für Mohamed. Das Geld allerdings ist knapp, die technischen Möglichkeiten beschränkt. Komplizierte Prothesen können sie hier nicht herstellen. Aber sie tun, was möglich ist, um den Betroffenen das Leben ein bisschen einfacher zu machen.

"Wir betreuen hier sehr viele Verletzte. Die Materialien, die uns zur Verfügung stehen, sind aber leider nicht so gut. Die Patienten können die Prothesen oft nicht lange tragen. Es sind einfach zu viele Verletzte und zu wenige Spenden", sagt Khadija Baradei Arzt Nationales Zentrum für Prothesen.

Am Anfang kam Mohamed ein paar Mal jede Woche. Immer wieder Übungen, Massagen, vor allem auch viel psychologische Unterstützung für ein schwer traumatisiertes Kind. Mittlerweile trägt er schon seine dritte Prothese. Aus den ersten beiden wuchs er schnell heraus.

"Mohamed hat schwer gelitten. Er war sehr introvertiert, deprimiert. Die Verletzung hat ihn wirklich im Mark erschüttert", erzählt Khadeja Baradei, technische Assistentin Nationales Zentrum für Prothesen.

Momente des Glücks

Mittlerweile hat er wieder Tritt gefasst. Doch die Menschen trifft es doppelt hart in Idlib. Erst Krieg und nun Corona. Die Schulen sind geschlossen. Die Preise explodieren. Viele haben ihre Jobs verloren. Offiziell gibt es in Idlib keine Infektionen, aber auch kaum Tests. Die Pandemie könnte in der Provinz unter Kontrolle islamistischer Milizen besonders heftig wüten.

Viele Kliniken sind zerstört, die Hygiene katastrophal. Masken trägt hier kaum einer. Mohamed verkauft auf der Straße Nähseide und Stoffe. Knapp zehn Euro verdient er damit jeden Tag. Mit dem Geld will er der Familie ein wenig helfen, auch wenn er in der Schule besser aufgehoben wäre. Sie brauchen jeden Cent zu Hause. Vater Abd hat seinen Job verloren. Sie leben vom Ersparten und das wird knapp. Gerade jetzt will Mohamed eine Stütze, kein Problemfall sein. Er hat sich zurück ins Leben gekämpft. Nun will er es allen zeigen.

"Viele Menschen behandeln Mohammed wie jemanden, dem etwas fehlt, der behindert ist. Deshalb will er immer allen das Gegenteil beweisen, zeigen, dass ihm nichts fehlt. Er will besser als sein als seine Freunde, gewinnen. Nicht zuletzt beim Fußball", so Abd al ellah Asaad, Vater.

Zum Glück hat er da Vorbilder. 2017 haben Fußballspieler, die im Krieg ein Bein verloren haben, ein Team gebildet. 15 Kicker sind es mittlerweile und viele Fans. Sie zeigen Spitzenleistung mit Prothesen. Mohamed allerdings will eines Tages noch viel höher hinaus.

"Ich will einmal so toll spielen wie Christiano Ronaldo", sagt Mohamed Asaad. Momente des Glücks. Auch wenn ihn das Schicksal schwer erwischt hat, Mohamed lässt sich nicht kleinkriegen. Seine Lust am Leben ist trotz allem ungebrochen.

Autor: Daniel Hechler/ARD Studio Kairo

Idlib – das letzte große Schlachtfeld Syriens nennen es viele. Die größte Stadt und Orte in der gleichnamigen Provinz – nach mehr als neun Jahren Krieg – vieles liegt in Trümmern. Etwa drei Millionen Menschen sind hierher geflüchtet – leben unter katastrophalen hygienischen Bedingungen – auch in Zeiten von Corona. Die meisten sind Frauen und Kinder.

Idlib – gelegen im Nordwesten von Syrien – auf engstem Raum stehen sich hier internationale Akteure gegenüber. Soldaten des syrischen Machthabers Assad kämpfen mit russischer Unterstützung gegen Rebellen. Diese wiederum werden von türkischen Truppen unterstützt.

Zwar gilt derzeit eine brüchige Waffenruhe, doch viele Häuser, jede zweite Klinik, jede dritte Schule – fast die gesamte Infrastruktur ist zerstört.

Von Idlib-Stadt sind es gerade mal 30 km bis zur türkischen Grenze. Die jedoch unpassierbar ist, weil Präsident Erdogan keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen will.

Neben den Flüchtlingen sind zehntausende dschihadistische Kämpfer in der Region gestrandet. In ein anderes Gebiet abzuziehen – für die Aufständischen unmöglich – und auch für die Zivilisten gibt es keinen Weg heraus.

Autorin: Antraud Cordes-Strehle

Stand: 06.07.2020 12:00 Uhr

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