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Afghanistan: Bamiyan – zurück in dunkle Taliban-Zeiten?

Eine Gruppe von Leuten mit Sonnenbrillen und Fahrrädern in einer wüstenähnlichen Gegend.
Erinnerung an bessere Zeiten | Bild: Adnan Sarwar

Die Überreste von riesigen Buddha-Statuen im Bamiyan-Tal. Etwa 1500 Jahre alt waren sie, als die Taliban sie 2001 zerstörten. Und damit Bewohnern wie Alireza Arifi ein großes Stück ihrer kulturellen Identität nahmen. Nun scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Alireza Arifi, Touristenführer: "Wir alle hier sind einfach unglaublich traurig. Wir können nichts gegen die Taliban unternehmen. Sie haben damals unsere Statuen zerstört, die wir über die letzten 20 Jahre versucht haben wiederaufzubauen. Ich kann meine Emotionen kaum in Worte fassen - und wenn ich Widerstand leiste, töten sie mich."

Am Fußende der Statuen lagert das, was die Taliban vor 20 Jahren in die Luft gesprengt hatten. Mit diesen Steinen versuchten internationale Organisationen die Kunstwerke in den vergangenen 20 Jahren zu restaurieren. Ironischerweise sind es nun die Taliban selbst, die hier patrouillieren und für Sicherheit sorgen wollen. Und das obwohl es vielen von ihnen herzlich egal scheint, was in Zukunft mit den Statuen geschieht.

Benachteiligte Minderheiten

Für die Menschen in Bamiyan hat die Restaurierung allerdings mehr als nur kunsthistorischen Wert. Genau wie Alireza Arifi sind es mehrheitlich Hazara, die hier leben. Und die unter dem Regime der Taliban jahrelang unterdrückt wurden. Der Aufbau der Statuen war für sie auch ein Zeichen des Aufbruchs. Arifi fürchtet, dass Bamiyan nun wieder schlimme Zeiten bevorstehen könnten.

Wir fahren ein paar Kilometer weiter. Durch malerische Landschaften, die bis vor kurzem noch als Touristenmagnet Afghanistans galten. Und kommen an am Hotel von Alireza Nateqi. Hier weht nun die weiße Flagge der Taliban. Seit ihrer Machtübernahme hat sich auch für ihn und seine Unterkunft vieles verändert.
Er führt uns hinein. 16 Zimmer habe sein Hotel. Bis zu 40 Euro hätte die Übernachtung gekostet erzählt er stolz. Der größte Verdienst wäre aber von den vielen Veranstaltungen und den Abendessen gekommen. Nun ist das Restaurant geschlossen. Er weiß noch nicht einmal den Aufenthaltsort seiner beiden Köche: "Wir hatten hier früher sehr viele Reservierungen. Manchmal war das gesamte Hotel für eine komplette Woche ausgebucht. Und jeden Abend gab es dann ein großes Bankett. Manchmal waren bis zu 200 Menschen gleichzeitig hier bei uns im Hotel."

Ende der Freiheit für Junge, Frauen und Freizeit?

Für den Nachmittag haben wir uns mit einer Fahrradgruppe verabredet. Sie wollen sich außerhalb der Stadt treffen, um nicht zu viel Aufmerksamkeit zu erzeugen. Auch Kamilla ist Teil der Gruppe. Sie aber sitzt bei uns im Auto. Weil sie Angst davor hat, was passiert, wenn die Taliban sie auf einem Rad sehen: "Bamiyan war bis vor kurzem noch so friedlich mit vielen internationalen Touristen. Wir hatten Sport-Events und kulturelle Veranstaltungen. Nichts davon ist übriggeblieben. Für uns Mädchen sowieso nicht. Aber noch nicht einmal für die Jungs. Auch sie gehen kaum mehr vor die Tür, nur wenn sie müssen."

Vor der Machtübernahme der Taliban war die Gruppe fast täglich in den Hügeln rund um Bamiyan unterwegs. Nun treffen sich die Jungs nur noch unregelmäßig. Kamilla schaut nur zu.

Je länger wir sprechen, desto mehr kommt die Verzweiflung zum Vorschein. Besonders schlimm ist die Situation für Frauen wie Kamilla. Erst wurde ihr das Radfahren genommen, nun kann sie nicht einmal mehr studieren.

Die Gruppe will nur eines: Afghanistan schnellstmöglich verlassen. Aber noch nicht einmal dafür gibt es zurzeit echte Hoffnung.

Autor: Oliver Mayer, ARD Neu-Delhi

Stand: 10.10.2021 21:56 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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