SENDETERMIN So., 15.11.20 | 19:20 Uhr | ARTE

Türkei: Tahas Traum vom Kochen

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Türkei: Tahas Traum vom Kochen (XL-Version) | Video verfügbar bis 15.11.2021 | Bild: WDR

Kochen ist sein Leben: Das ist Taha, 17 Jahre alt. Das Mädchen, das ihn filmt, ist seine kleine Schwester Melek. Die beiden haben heute den Tandir, den Erdofen angeschürt. Es gibt Katikli Ekmek, ein traditionelles Fladenbrot. "Das ist bei uns in Antakya ein sehr berühmtes Gericht. Den Teig habe ich schon vorbereitet, es kommt nur noch Belag drauf. Diese Fladen ähneln dem Lahmacun. Jetzt muss es backen. Ich hoffe, es wird gut schmecken", sagt Taha Duymaz.

 Taha – der Instagram-Star

"Das sieht für Sie vielleicht nicht so aus, aber wir befinden uns gerade mitten in der Produktion eines der derzeit erfolgreichsten Instagram-Stars der Türkei. Und was hier so leicht aussieht, das hat sich Taha hart erarbeitet", erzählt ARD-Korrespondentin, Katharina Willinger. Rund eine Million Menschen folgen Taha Duymaz auf Instagram. Seit dem Frühjahr lädt er dort Kochvideos hoch. Ein Teenager aus der Provinz, der aus wenig Zutaten viel zaubert. In Corona-Zeiten trifft er damit einen Nerv: Beinahe über Nacht wird er zum Social Media Star. 

Türkei: Taha lebt in dem Dorf Güveççi an der syrischen Grenze
Türkei: Taha lebt in dem Dorf Güveççi an der syrischen Grenze | Bild: WDR

Mit der Welt der Influencer hat Tahas Heimatort Güveççi nichts zu tun. Ein 500 Seelen Ort am südlichsten Punkt der Türkei. Die meisten Menschen leben von der Feldarbeit oder Gelegenheitsjobs. Auf dem gegenüberliegenden Hügel, hinter der Mauer beginnt Syrien. In dieser Gegend wächst Taha als elftes von 12 Kindern auf. "Ich interessiere mich schon seit meiner Kindheit fürs Kochen. Als ich älter wurde, bekam ich immer mehr Lust darauf und habe mich mehr damit beschäftigt. Einige in meinem Umfeld waren dagegen, auch in meiner Familie. Uns ging es finanziell nie gut und sie wollten nicht, dass ich viele Zutaten verbrauche", sagt Taha über seine Anfänge.

Die Armut seiner Familie ist einer der Gründe, weshalb Taha bereits mit zehn die Schule verlässt. Ein anderer sind seine Angstzustände: Auto- oder Busfahren fällt ihm schwer. Die meiste Zeit verbringt er mit seiner Mutter Meryem zu Hause, hilft ihr beim Kochen und backen. Dafür hagelt es von anderen oft blöde Sprüche. "Die Nachbarn sagten oft: Warum macht Taha das? Die fanden das nie gut. Ich antwortete ihnen dann: Soll er doch machen. Denn immer, wenn ich kochte, kam er sofort angerannt und schaute mir begeistert zu. Und inzwischen ist er besser als ich geworden. Ich habe schon fast vergessen, wie man kocht, weil er das jetzt immer macht", erzählt Tahas Mutter, Meryem.

Instagram als Familienangelegenheit

"Fang an", sagt Melek und Taha legt los. Auch im Netz kommen manchmal Sprüche wie: Kochen ist Frauensache. Taha hat sich daran gewöhnt, sagt er, es ärgert ihn trotzdem. Doch die Bekanntheit habe ihn auch selbstbewusster gemacht. Mittlerweile wissen die Geschwister ganz genau, was auf Instagram gut ankommt. Deshalb kochen sie oft draußen in der Natur oder im Garten der Nachbarn. Darin unterscheidet sich Taha von vielen anderen Food-Bloggern: "Da die meisten meiner Follower in der Stadt leben, gefällt es ihnen, wenn sie in meinen Videos auch Natur sehen. Und meine natürliche Art mögen sie auch, glaube ich."

Türkei: Taha hat auf Instagram eine Million Follower
Türkei: Taha hat auf Instagram eine Million Follower | Bild: WDR

Mittlerweile ist Taha so bekannt, dass er durch Werbung auf Instagram etwas Geld verdient. Durch seine Bekanntheit wurde auch die Gemeinde auf ihn aufmerksam und hat ein altes Haus für die Familie in Stand setzen lassen. Das wichtigste für Taha: Die neue Küche. "Ich hoffe, keiner meiner Follower wird nun mehr Witze darüber machen, wie alt und klein unsere Küche ist. Das musste ich mir leider auch oft anhören. Sie haben gesagt: Deine Küche ist schmutzig. So etwas wird jetzt hoffentlich nicht mehr passieren. Ich bin so glücklich, ich weiß gar nicht was ich sagen soll", freut sich Taha.

"Wenn es Taha nicht gäbe", sagt sein älterer Bruder Emre, "dann würden wir jetzt hungern. Hier in dieser Gegend gibt es doch keine Arbeit, keinerlei Möglichkeiten." Dass es auch für Taha nicht ewig mit dem Interneterfolg weitergehen wird, das weiß er. Er träumt seit langem von einem Schritt mehr: "Mein Traum ist es, ein richtiger Koch zu werden. Ich will ein Restaurant oder einen Imbiss haben, wo ich meine Gerichte den Leuten leibhaftig präsentieren kann. Hoffentlich kann ich diesen Traum verwirklichen."

Ein Angebot für eine Ausbildung hat er bereits. Jetzt muss er nur noch seine Angst überwinden, raus aus dem Dorf in die Stadt zu ziehen – für seinen Traum vom Kochen. 

Autorin:  Katharina Willinger/ARD Studio Istanbul

Stand: 15.11.2020 21:07 Uhr

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