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Route 66: Amerikas Traum ausgeträumt?

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Route 66: Amerikas Traum ausgeträumt? | Bild: WDR

Sie ist so viel mehr als eine Straße. Sie ist ein Symbol dafür, dass es jeder schaffen kann. Aber lebt der amerikanische Traum auf der Route 66 wirklich noch? Wir sind unterwegs in Arizona und entdecken einen magischen Ort. Autos aus einer goldenen, aber längst vergangenen Zeit. Doch hier erhält selbst die älteste Rostlaube neuen Glanz.

Auf der Route 66 einen Neuanfang wagen

An der Route 66 erhält selbst die älteste Rostlaube neuen Glanz.
An der Route 66 erhält selbst die älteste Rostlaube neuen Glanz. | Bild: WDR / WDR

Mechaniker Mike O´Neal zeigt uns stolz seine Werkstatt. Manchmal haben die Besitzer Tränen in den Augen, wenn sie ihr restauriertes Auto abholen, erzählt uns Mike. Sie hätten dann das Gefühl, die gute alte Zeit lebe wieder auf. Mike nimmt uns mit, auf seine Route 66. Hier wagte er einen Neuanfang, als er seinen Job als Mechaniker verlor. "Einfach gut zu leben und voranzukommen. Das ist mein amerikanischer Traum. Vor einigen Jahren wanderten unsere Jobs nach China und auch jetzt muss man kämpfen, um überhaupt Arbeit zu haben. Das muss repariert werden," erzählt er.

Der richtige Mann dafür sei Donald Trump, meint Mike. Als Unternehmer wisse der, wie man die Wirtschaft wieder in Schwung bringe. "Das wird auch mir persönlich helfen, denn dann haben die Leute wieder Geld, um ihre alten Autos restaurieren zu lassen. Im Moment können sich viele das nicht leisten. Mein Geschäft ist wirklich hart."

Arizona ist ein roter Staat. Das ist die Farbe der Republikaner. Wir machen Halt in Flagstaff, einer demokratischen Trutzburg. Viele Liberale leben in dem bunten Universitätsstädtchen. Der amerikanische Traum wird mit viel Schaum serviert in der Familienbrauerei von Alissa Marquess und ihrem Mann. "Motherroad" haben sie ihr Bier genannt, nach der Mutter aller Straßen. "Für mich bedeutet die Route 66 Heimat. Ich bin in der Umgebung aufgewachsen und die Route 66 ist ein Sinnbild für Chancen, Reise und Abenteuer."

Der Wahlkampf ist eine einizige Schlammschlacht

Arizona ist ein roter Staat. Das ist die Farbe der Republikaner.
Arizona ist ein roter Staat. Das ist die Farbe der Republikaner. | Bild: WDR / WDR

Alissas Lebensweg ist so abwechslungsreich wie die Route 66. Sie hat Tanz und Kunst studiert. Heute wird das fünfjährige Bestehen ihrer Brauerei gefeiert. Die Präsidentschaftswahlen sind natürlich das große Thema. "Als Unternehmer leben wir in einer Grauzone. Manchmal vertreten wir eher konservative Politik, zum Beispiel wünschen wir uns weniger Regulierung. Als Kleinbetrieb ernähren wir schließlich 14 Familien." Privat hingegen vertrete sie eher liberale Ansichten. Alissa missfällt, dass der Wahlkampf eine einzige Schlammschlacht ist. Man müsse normal miteinander reden können. Das gehe am besten bei einem Bier.

Die Theke entstand aus einem Baum am Rande der Route 66. Geschreinert von Silas Page. Er hat dieses kleine Sägewerk gegründet – mit seiner eigenen Philosophie. "Ich setze auf Nachhaltigkeit. Wir beschränken uns auf Holz aus der Umgebung und verkaufen es auch nur in der Umgebung."

Silas hat seinen persönlichen Lebenstraum verwirklicht. Und auch Amerika insgesamt sieht er noch auf dem richtigen Weg. "Ich denke der amerikanische Traum lebt immer noch. Er hat sich vielleicht schleichend verändert, denn man muss ein bisschen härter arbeiten, um den Traum zu realisieren. Und heute braucht man dafür Bildung, während Amerika früher eher eine von Produktion geprägte Gesellschaft war."

Den eigenen amerikanischen Traum begraben

Route 66: Wovon träumen die Amerikaner heute?
Route 66: Wovon träumen die Amerikaner heute? | Bild: WDR / WDR

Auf dem Weg nach Westen fällt uns dieses Motel ins Auge. Wo früher Touristen schliefen, leben heute Amerikaner in Sozialwohnungen. Wir lernen Joshua Crook, seine Freundin Brook Bohlender und ihren Sohn John kennen. Die jungen Eltern haben die Schule abgebrochen, arbeiten Vollzeit bei einer Fastfood-Kette. Das Geld reicht kaum, die Wohnung kostet immer noch 600 Dollar. Trotzdem ist Joshua zufrieden.

"Ich war obdachlos, bevor wir hier einzogen. Ich weiß, wie sich das anfühlt – im Schnee zu schlafen – das ist kein Vergnügen. Und die Regierung versteht überhaupt nicht, was draußen in der Welt los ist." Brook hat ihren eigenen amerikanischen Traum bereits begraben. Aber für ihren Sohn hat sie noch Hoffnung. "Ich möchte, dass er später aufs College geht, dass er sich ein Auto kaufen kann und ein Haus. Dass er so leben kann, wie ich es nicht kann."

Amerika muss gerettet werden

Der Traum von unbegrenzter Freiheit. Wer, wenn nicht ein Trucker soll ihn leben. Doch als wir an dieser Raststätte Halt machen, wirkt das Fernfahrerleben ganz und gar nicht mehr romantisch. Trucker Tom Loeffler erzählt, die Arbeit sei ein echter Knochenjob. Sein Verdienst reiche kaum noch zum Leben. Amerika retten sollen Donald Trump und die Republikaner. Nur sie würden auch seine Werte vertreten.

"Ich bin gegen Abtreibung. Ich bin für die Ehe, mit einem Mann und einer Frau und nicht diesem ganzen komischen Kram. Wir sollten ein starkes Militär haben. Und wir sollten die Kontrolle über unsere Grenzen haben. Die Art zu leben wie ich sie kannte, scheint auf den Kopf gestellt worden zu sein. Richtig ist falsch. Falsch ist richtig. Schwarz ist weiß. Weiß ist schwarz. Das macht keinen Sinn. Für mich ist das verrückt."

Tom ist 66, er fährt seit 40 Jahren. In Rente zu gehen, kann er sich nicht leisten. "Ich fahre, bis ich umfalle," sagt er uns zum Abschied. Der Glaube, dass jeder seinen amerikanischen Traum verwirklichen kann, wenn er hart dafür arbeitet, bleibt offenbar immer öfter auf der Strecke.

Jan Philipp Burgard bereist die Route 66.

Stand: 13.07.2019 04:41 Uhr

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