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USA: Blaue Augen auf Bestellung

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USA: Blaue Augen auf Bestellung | Bild: WDR

Noahs Leben kommt aus einem solchen Tank – 150.000 Dollar haben seine Eltern für ihn bezahlt – nochmal so viel für seinen Bruder Tristan – aufgeweckte, gesunde Kinder. Zusammen mit ihren homosexuellen Eltern David und Georges bewohnen sie mitten in Manhattan ein schickes Townhouse. Ihre Mutter haben sich ihre Eltern im Katalog ausgesucht bei CT Fertility. Zusammen zeigen sie uns, wie das damals funktioniert hat. Per Video stellen sich die Eispenderinnen persönlich vor. 8000 Dollar bekommen sie von CT Fertility für ihre Eier. "Hallo, ich bin die Courtney", sagt die Spenderin in ihrem Video, "und ihr wollt bestimmt viel über mich wissen, warum ich Eispenderin werden möchte."

Herkunft, Religion, Bildung, Krankheiten – die Frauen geben alles von sich preis. Der Kunde ist König: "Wir wollten Kinder mit blauen Augen, so wie wir sie haben", sagt Georges Sylvestre, "und wir wollten eine Mutter, die klug ist, sie sollte großgewachsen sein und kerngesund sein."

In den USA erlaubt, in Europa eine Straftat

Dr. Michael Doyle ist der Arzt, mit dem David und Georges ihre Kinder gezeugt haben. Doyle hat mit dem Samen der Väter Embryos im Labor vorproduziert und diese in die Gebärmutter einer Leihmutter eingepflanzt. Das ist in den USA vielerorts legal, in Europa etwa in Dänemark und Deutschland ein Straftatbestand – wird bei uns mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft.

Ein Kindergesicht mit blauen Augen
Blaue Augen auf Bestellung. Bis zu 150.000 US-Dollar legt man in den USA für sein Wunschbaby hin.

Deshalb ist Carsten aus Dänemark nach New York gekommen. Doyle macht das, was in seinem Land so nicht erlaubt ist. Carsten ist nervös – gleich wird er die Ergebnisse der genetischen Tests erfahren. "Natürlich geht es uns darum, genetisch vorbedingte Erbkrankheiten auszuschließen, aber wir wollten auch das Geschlecht vorherbestimmen", sagt der Däne. "Wir wollen männliche Embryos, bei uns in der Familie gibt es schon genug Mädchen." Die im Labor gezeugten 15 Embryos sind vorsortiert worden. Nur das Beste Genmaterial soll der Leihmutter eingepflanzt werden. Doyle überbringt das Ergebnis der Gentests: "Wir haben zwei wunderbare männliche Embryos ausgewählt, die wir einsetzen wollen“, informiert der Arzt den Kunden. – "Gut, das ist genau, was wir wollten", meint der erleichtert.

Selektion "lässt sich nicht vermeiden"

Doyle weiß, dass es Kritiker gibt: "Ich weiß, einige Leute glauben, wir begeben uns da auf eine gefährliche Reise, wo wir menschliches Leben vorherbestimmen. Unsere Philosophie lautet: Unseren Kunden so viele Informationen, soviel Auswahlmöglichkeit wie möglich zu geben, das führt zu Selektion – das lässt sich nicht vermeiden."

Werbe-Anzeigen für Babys nach Wunsch gibt es in den USA überall: Wähle aus, bestimme das Geschlecht deines Kindes. In Deutschland und Dänemark ist diese genetische Selektion verboten – auch in den USA ist sie umstritten. Arthur Caplan von der NYU Medizinethik kritisiert: "Das Geschlecht ist doch keine Krankheit, keine gefährliche Anomalie, warum ermöglichen es Ärzte ihren Patienten, ihre Präferenzen, ja ihren Sexismus zu verwirklichen.“

Die angesehene NYU Universität in New York – an Hochschulen wie dieser suchen sich die Anbieter bevorzugt das Ausgangsmaterial. Eizellen von möglichst klugen, möglichst schönen Frauen. Je renommierter die Uni, umso mehr wird gezahlt. Die Spenderinnen müssen sich einer starken Hormonbehandlung unterziehen – sie birgt erhebliche Risiken – um sich dann in einer Operation möglichst viele Eizellen entnehmen zu lassen. "Bei uns regiert der freie Markt- die Reichen bekommen, was sie wollen und die Europäer machen bei uns das, was bei Ihnen zuhause verboten ist", meint Caplan.

Fremde Frauen – die eine Spenderin, die andere Leihmutter

Ein Finger mit einem Handschuh deutet auf ein Ultraschall-Bild
Die Eizellen werden von einer Leihmutter ausgetragen: Sie bekommt dafür etwa 30.000 US-Dollar.

Carsten begrüßt Tracia – Für rund 30.000 Dollar ist sie bereit, als Leihmutter zu dienen. Ihr werden gleich die befruchteten Eier einer fremden Frau eingesetzt werden. Vertraglich hat sie zugesichert, die von ihr ausgetragenen Kinder an Chris abzugeben. Doyle klärt die beiden über die bevorstehende OP auf. Tracia soll männliche Zwillinge zur Welt bringen. Hier werden ihr die beiden vorselektierten – genetisch getesteten, männlichen Embryos eingepflanzt. Carsten freut sich: "30 Sekunden und nun sind wir schwanger."

Falls die Schwangerschaft schief geht – kein Problem. In der Kühlbox liegen noch zwölf weitere Embryos von Carsten. Das Geschäft mit den Wunschbabys – es boomt in den USA. Inzwischen ein Vier-Milliarden-Dollar-Markt. "Ja, die Behandlung kostet sehr viel Geld und dieses Geld haben viele nicht. Aber so ist das im Leben nun mal. Nicht jeder kann sich alles leisten.", meint Doyle.

Noah und Tristan sind Wunschkinder – in einer glücklichen sehr wohlhabenden New Yorker Familie. Aber was passiert, wenn sich der so sorgfältig vorgeplante Erfolg für sie nicht einstellt? Medizinethiker Caplan blickt in die Zukunft: "Sie haben das tolle Erbgut einer jungen Studentin eingekauft und das Kind wird Verkäufer im Supermarkt. Klagen sie dann über die minderwertige Ware, oder behandeln sie ihr Kind wie einen Menschen?" Schon klagen in den USA die ersten unzufriedenen Kunden vor Gericht.

Autor: Markus Schmidt

Stand: 10.07.2019 06:29 Uhr

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