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Tunesien: Friedensnobelpreis für ein verletztes Land

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Tunesien: Friedensnobelpreis für ein verletztes Land | Bild: WDR

Für seinen Kampf für die Demokratie erhält Houcine Abassi, Tunesiens mächtiger Gewerkschaftsführer, den Friedensnobelpreis. Aber gleichzeitig wird sein Land immer mehr vom Terror bedroht. Und so richten sich im Gewerkschaftshaus alle Blicke auf Abassi – welche Antworten hat er auf diese Gefahr? "Wir wollen eine offene Gesellschaft", sagt uns Houcine Abassi im Interview, "die Terroristen das genaue Gegenteil. Das sind zwei völlig verschiedene Gesellschaftsmodelle, ein Dialog ist mit Terroristen nicht möglich."

Die Zeit läuft davon

Protestierende Menschen
Viele ehemalige Hotelangestellte sind aufgebracht, sie haben ihren Job verloren.

Tunesien läuft die Zeit davon. Bei der Versammlung kippt nach dem ersten Applaus schon schnell die Stimmung. Ihren Job in den Hotels hätten sie verloren, rufen sie, nun gebe es keinerlei Hilfe – Abassi beschwichtigt. Doch die Gemüter lassen sich nur schwer beruhigen – nach den Terroranschlägen ist der Tourismus völlig zusammengebrochen. "Die Lage für Hotelangestellte ist katastrophal", sagt Whalid Rhini, der selbst betroffen ist, "wir haben keine Jobs mehr, aber es gibt keine Unterstützung für uns."

Whalid und sein Freund Karim nehmen uns mit an den Strand von Sousse – sie beide haben in einem Hotel gearbeitet und miterlebt, wie 38 Touristen genau hier von einem Terroristen kaltblütig erschossen wurden. Diesen Tag im Juni werden Whalid und Karim nie mehr vergessen. "Der Terrorist hatte die Kalaschnikow in einem Sonnenschirm versteckt, dann feuerte er wahllos auf die Menschen, als er von dort hinten angerannt kam", erzählt Rhini. Handy-Aufnahmen zeigen den Attentäter – ein tunesischer Animateur aus einem Tanzclub. "Es ist unfassbar, wie konnte er nur all diese Menschen ermorden, hier draußen am Strand", meint der Hotelangestellte weiter.

Die Touristen bleiben weg

Ein Strand in Tunesien ohne Menschen
Leere Strände, die Touristen bleiben weg nach den Terroranschlägen in Tunesien.

16 große Hotels in Sousse haben nach diesem Anschlag dichtgemacht, die Besucherzahlen sind in Tunesien um eine Million zurückgegangen. Auch in den Wintermonaten war Tunesien ein beliebtes Urlaubsziel, aber damit ist es nun vorbei – eine Katastrophe für diejenigen, die bislang von Tourismus gelebt haben. Karim Bouafio weiß nicht mehr, wie er die Medikamente für seine kranke Frau bezahlen soll: "Was sollen wir denn nur machen: entweder nach Lampedusa flüchten oder zum Daesh, also dem Islamischen Staat überlaufen. Irgendwie müssen wir doch sehen, wie wir unsere Familien ernähren können."

Wenige Stunden nach diesem Interview tötet ein Selbstmord-Attentäter mitten in Tunis zwölf Elitesoldaten. Der Terror trifft problemlos auch das Zentrum der Macht  – das ist die Botschaft.

Am nächsten Tag stehen noch viele Menschen am Tatort, verunsichert, betroffen. Gewerkschaftsführer Houcine Abassi legt Blumen nieder. Er ist zu einer moralischen Instanz geworden. Aber auch ihm merkt man die Fassungslosigkeit an: "Tunesien befindet sich im Krieg, das hat die Welt wohl verstanden. Aber wenn wir zusammenstehen, werden wir diesen Kampf gewinnen."

Tunesien bleibt bedroht

Tunesien bleibt ein bedrohtes Land, das spüren wir in Sousse. In den noch offenen Hotels sind die Sicherheitsvorkehrungen nicht wirklich verschärft worden. Im Restaurant verlieren sich ein paar Urlauber, meist sind es deutsche Rentner, die hier überwintern wollen – jetzt erst recht.

Am anderen Ende der Stadt bringen uns Whalid und Karim zu einer Familie, die in Kellerräumen lebt. Wafa Ramdani und ihr Ehemann hatten bis zum Sommer in einem Hotel gearbeitet, dann verloren sie beide ihren Job. Wie sie nun ihre Kinder ernähren sollen – sie wissen es nicht. Noch haben sie in einem Raum Kleider gesammelt, die sie Stück für Stück verkaufen. Aber wie lange noch?

Wie ausweglos ihnen ihre Lage erscheint, sieht man auf diesem Video. Es zeigt Wafa Ramdani vor einigen Wochen in Sousse vor der Tourismus-Behörde: sie hatte sich mit Benzin übergossen und wollte sich selbst verbrennen. In letzter Minute konnte sie daran gehindert werden: "Ich wollte mich umbringen, weil ich nicht mehr weiter wusste", erzählt die verzweifelte Frau, "keiner hat uns geholfen. Da habe ich mich eben mit Benzin übergossen – wir haben doch keine Zukunft mehr." Ihr Mann ist froh, dass Wafa überlebt hat – aber die Hoffnungslosigkeit bleibt.  

Auch die tunesische Revolution begann vor fünf Jahren mit einer Selbstverbrennung – nun zeigt sich die gleiche Verzweiflung wieder im Gewerkschaftshaus. Der Friedensnobelpreisträger Abassi kann nur zuhören. Er spürt: Tunesien läuft die Zeit davon.

Autor: Stefan Schaaf

Stand: 10.07.2019 06:29 Uhr

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