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USA: Schönheitswettbewerb der Traditionen

PlayUSA: Schönheitswettbewerb der Traditionen in Gallup

Aysha Catron-Tsosie, Anwärterin "Miss Gallup": "Ich bin Aysha Catron-Tsosie vom Ufer-Clan."
Lani Rae Padilla, Anwärterin "Miss Gallup": "Mein Name ist Lani Rae Padilla."
Autumn Pilcher, Anwärterin "Miss Gallup": "Ich heiße Autumn Pilcher und vertrete Navajo, Mescalero-Apachen und Oglala-Lakota."
Tyneesha Charlie, Anwärterin "Miss Gallup": "Ich bin Tyneesha Charlie. Meine Sippe ist das Salzvolk."

Eines der ältesten Stammestreffen in den USA

USA: Schönheitswettbewerb der Traditionen in Gallup
USA: Schönheitswettbewerb der Traditionen in Gallup

Sie alle wollen die nächste Miss Gallup werden. Manche haben bereits mehrere Misswahlen hinter sich, nur für die 20-jährige Tyneesha Charlie ist es das erste Mal. "Ich bin aufgeregt. So viele Menschen." Seit 98 Jahren kommen in der Kleinstadt Gallup in New Mexico verschiedene indigene Völker zusammen. Eines der ältesten Stammestreffen in den USA. Die Misswahl gehört fest dazu. Tyneesha ist nervös, dabei muss sie sich jeden Tag in einer Männerwelt behaupten. Sie lernt Schweißerin, den Beruf ihres Vaters. Hier aber muss sie reden, vor Fremden, und das auch noch auf Navajo, der Sprache ihrer Vorfahren. Für die meisten die größte Hürde. Viele bewerben sich gar nicht erst.

"Wir versuchen zu erklären, wie wichtig wir sind. Genauso wichtig wie jede andere Rasse da draußen", so Tyneesha Charlie. Die Königin, die hier gesucht wird, muss ihre Kultur kennen und nicht etwa eine gute Figur im Badeanzug machen. Ein kurzes Gebet vor dem Wettbewerb. Die vier Konkurrentinnen müssen sich in einer traditionellen und in einer modernen Begabung beweisen, mit passender Kleidung. Sie erzählen, wie sie sich außerhalb des Reservats immer wieder als Menschen zweiter Klasse fühlen.

Ihr Leben, ein Spagat zwischen der indianischen und der weißen Welt. Tyneesha warnt davor, dass ihre Kultur auszusterben droht, auch weil gerade die Jungen immer wieder einen Grund finden, sich nicht für die eigene Sprache und die Traditionen zu interessieren.

"Es ist ein ständiger Kampf. Noch gibt es unser Volk. Wir müssen gegen den kulturellen Genozid ankämpfen. Für mich ist das etwas, das nicht länger ignoriert werden sollte", erzählt Tyneesha Charlie.

Vor der Jury wollen alle Kandidatinnen als Vorbilder bestehen

USA: Tyneesha Charlie legt den Schmuck ihrer Urgroßmutter um
USA: Tyneesha Charlie legt den Schmuck ihrer Urgroßmutter um

Aysha bindet die Haare zu einem traditionellen Knoten. Der soll, so die Überlieferung der Navajo, die Gedanken im Kopf zusammenhalten. Autumn zeigt einen Kampftanz der Apachen. Die Bewegungen seien verhalten, weil er von einer Frau vorgeführt werde. Vor der Jury wollen alle Kandidatinnen als Vorbilder bestehen. In Tyneeshas Familie hat die Navajo-Töpferkunst eine große Tradition. Die junge Frau hat das Töpfern von ihrem Vater und ihrer Großmutter gelernt. Wie das bei der Jury ankommt, weiß sie nicht, aber Tyneeshas Gefäße schaffen es am nächsten Tag auf die Titelseite der Lokalzeitung. Großmutter Suzie freut sich mit ihrer Enkelin. Ihr Erfolg ist Anerkennung für die ganze Familie.

"Gewinnen oder verlieren, das ist egal. Es geht einfach darum, es zu versuchen", so Suzie Charlie, Großmutter von Tyneesha. Tyneesha sagt, jetzt müsse sie nur die Sprache noch besser lernen. "Ich werde dir mehr beibringen. Du musst dich weiter bemühen", so Suzie Charlie.

Von ihrer Großmutter hat Tyneesha das Geld für die Bewerbungsgebühr bekommen. Die Älteren hoffen, dass die Misswahlen unter Indianern helfen, die junge Generation für Traditionen zu interessieren. Viele haben in den Reservaten die Sorge, dass das, was sie von der restlichen US-Bevölkerung unterscheidet, nach und nach verloren geht.

Zusammentreffen verschiedener Generationen

USA: Es gewinnt Autumn Pilcher – ihre Eltern gehören verschiedenen Indianerstämmen an
USA: Es gewinnt Autumn Pilcher – ihre Eltern gehören verschiedenen Indianerstämmen an

Großonkel Raymond ist extra gekommen, um Tyneeshas Haar auf alte Art zu richten. Ihre Mutter könne das nicht so gut, erklärt er. Der Familienzusammenhalt im Reservat ist sehr wichtig. Die junge Frau kann sich ein Leben außerhalb nicht vorstellen. "Ich hätte keinen Bezug mehr zu meiner Tradition, zu dem, was mich als Mensch, als indigene Frau ausmacht", sagt Tyneesha Charlie. Tyneesha wird erst am Abend erfahren, wer den Wettbewerb gewonnen hat. Für diesen besonderen Moment legt sie den Schmuck ihrer Urgroßmutter an. Die ganze Familie macht sich mit ihr auf den Weg. Tyneesha hat ihre Schüchternheit vor so vielen Fremden überwunden. Für sie ist allein das schon ein Erfolg.

Es gewinnt Autumn Pilcher. Ihre Eltern gehören verschiedenen Indianerstämmen an. Ideal für eine Königin, die nicht nur einen Stamm repräsentieren soll. Ihre Mitbewerberinnen wollen es wieder versuchen. Nur Lani hat mit 25 die Altersgrenze erreicht. Immerhin wurde sie zweite.

"Das war meine erste Erfahrung. Nur weil ich nicht erfolgreich war, gebe ich nicht auf. Die nächsten Schritte gehen einfach in eine etwas andere Richtung", so Tyneesha Charlie.

Schweißerin und Schönheitskönigin, das wäre was. Und als Tyneesha ihren Trostpreis sieht, ist die Niederlage schnell vergessen: Ein Tablet. Ein Teil der Welt, von der sie manche ihrer älteren Verwandten am liebsten fern halten würden.

Autorin: Claudia Buckenmaier

Stand: 03.11.2019 20:13 Uhr

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