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USA - Gutmenschen oder gute Rechner

Wachsende Wirtschaft durchs Teilen

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USA - Gutmenschen oder gute Rechner | Bild: WDR

San Francisco. Die Stadt, in der Träume zu Trends gedeihen. Wir sind im Mekka des Sharings, des Teilens. In Deutschland noch Spielerei, hier ein Milliarden-Geschäft.

Phil Zakhour lebt von der Sharing Economy, seitdem er seinen Job verloren hat. Sein Auto, sein Haus – alles, was früher für den amerikanischen Traum stand, teilt er mit wildfremden Menschen.

Seine Kunden finden ihn per App – ein Klick auf Sidecar, und sein Auto wird zum Taxi, das günstiger fährt als die Klassiker.

OT Phil Zakhour

»Ein super Job. Ich muss mich an keine Dienstzeiten halten, fahre los, wann immer ich Lust habe. Verdiene gutes Geld – ohne jegliche Verpflichtungen.«

Vom Software-Ingenieur zum Taxifahrer – Phil liebt die große Freiheit.

Marissa hat’s eilig – ein geschäftlicher Termin. Ob’s ihr nicht mulmig zumute ist, in das Auto eines wildfremden Menschen einzusteigen, frage ich sie.

Marissa Seridakis

»Von Taxis höre ich immer Horror-Geschichten. Ich fühle mich sicherer, wenn ich jemanden übers Telefon bestelle als an der Straßenecke heranzuwinken.«

Elf Dollar, per Klick von ihrer Kreditkarte abgebucht. Phil bekommt fünf Sterne – Bestnote.

Phil

»Wir bewerten uns gegenseitig. Wenn sich die Kunden mal daneben benehmen, dann gebe ich ihnen weniger Sterne – die meisten Fahrer nehmen sie dann nicht mehr mit.«

mit Airbnb hat in San Francisco das große Teilen angefangen
mit Airbnb hat in San Francisco das große Teilen angefangen | Bild: WDR / WDR

Rosinen-Picken nennen das die Profis, die Tag und Nacht im Einsatz sind. Bis zu 40 Prozent weniger verdienen sie, seitdem es die Taxi-Apps gibt. Einige Städte haben die Apps verboten, zu unklar, wer bei einem Unfall haftet.

»Wir nennen sie professionelle Diebe. Jeder kann eine App schalten und losfahren. Aber wenn das Taxi kommt, weiß man nie, wer drinsitzt. Wir haben eine Lizenz, müssen Fingerabdrücke abgeben, unser Hintergrund wird genau gecheckt. Diese Typen brauchen das alles nicht.«

»Nehmen sie ein anderes Beispiel: Kann jemand in seinem Garten ein Restaurant eröffnen? Nein, weil man in einem Privathaus kein Gewerbe betreiben darf. Es ist illegal. Warum dürfen diese Leute dann das Gesetz umgehen?«

Privat oder professionell, die Sharing Economy kennt diese Grenzen nicht. Das gilt auch für Airbnb, der Zimmervermittlung, mit der in San Francisco das große Teilen angefangen hat.

»Ich zahle 210 Dollar, für nur 40 Dollar mehr hätte ich dieses Loft mieten können. Und bei Phil wäre ich sehr viel günstiger untergekommen, 78 Dollar, inklusive Küche und Gartennutzung.«

Früher war das einmal das Zimmer seiner Tochter. Jetzt schlafen hier Touristen aus der ganzen Welt. Aber möglicherweise nicht ganz legal – in New York müssen Gastgeber wie Phil jetzt erstmals Geldstrafen zahlen.

Phil

»Natürlich könnte man sich auch hier um die Sicherheit sorgen. Aber ich habe das Gefühl, die Leute haben wieder mehr Vertrauen. Vielleicht hilft uns da Facebook, wo die Menschen ja auch gerne privates öffentlich machen.«

Phil Zakhour
Phil Zakhour | Bild: WDR / WDR

In San Francisco wird die Sharing Economy als große Geld- und Jobmaschine gefeiert – die Stadt gilt als Zentrum der Kreativen und drückt bisher ein Auge zu, wenn’s um Regeln geht, erzählen mir zwei, die seit Jahren Airbnb nutzen. Und nicht nur gute Erfahrungen gemacht haben.

Mike North

»Ich hatte einen Gast, der mir die ganze Bude auf den Kopf gestellt hat, erzählt Mike. Alles Wertvolle war weg, die Wände zerkratzt, mindestens 8000 Dollar Schaden. Gruselig. Die Polizei hat versucht, die Täter anhand der E-Mails zu finden, aber erfolglos.«

Steven Jones glaubt nicht mehr an die heile Welt des Teilens, und nicht erst, seitdem Airbnb Mike mit seinem Problem alleingelassen hat. Die Zimmer, die Mikes Hausgemeinschaft auch weiter vermietet, seien durchaus vergleichbar mit Hotelzimmern. Nur dass Airbnb nicht die 14,5 Prozent Hotelsteuern zahlen wolle, so wie es die Stadt mittlerweile fordert.

Steven Jones

»Die haben eine Millionen-Geschäft daraus gemacht“, so der Lokaljournalist. „Das ist großartig, auch für die Nutzer und Vermieter. Aber ist dieses Modell so cool, dass es alle Steuergesetze außer Kraft setzt?«

Ein Unternehmen, das 150 Millionen Dollar im Jahr umsetzt, Steuerhinterzieher?

Jung, cool, kreativ - Airbnb, eine Erfolgsgeschichte, die mit einer Luftmatraze in Nathans Wohngemeinschaft begann.

300.000 Angebote, 10 Millionen Übernachtungen weltweit –Doch was ist mit den 2 Millionen Dollar Hotel-Steuern, die Airbnb offenbar der Stadt San Francisco schuldet, will ich von dem Mitgründer wissen.

Nathan Blecharcyk

»Viele der Regeln sind Jahrzehnte alt. Wir befinden uns aber in einem neuen Zeitalter. Die Stadt macht es uns schwer, Steuern zu zahlen. In den Gesetzen gibt es nur Vorschriften für Hotels. Das was wir machen, hat zwar Ähnlichkeiten damit, ist aber nicht das gleiche.«

Sein Auto wird zum Taxi
Sein Auto wird zum Taxi | Bild: WDR / WDR

Die Gesetze hinken hinterher, wenn’s um innovative Ideen geht, wie Sidecar oder Airbnb, sagt auch Phil.

Phil

»Es ist doch lächerlich, dass die Stadt Airbnb eine Hotelsteuer aufbrummen will. Airbnb ist kein Hotel, genauso wenig wie ich ein Hotel betreibe. Ich vermiete nur ein Zimmer, das ich nicht brauche – damit ich meinen Hauskredit abbezahlen kann. Ich habe doch kein Unternehmen, das große Profite macht.«

Auf nach Hause – die Hausgäste kommen zum Dinner.

Ein Prosit auf die Sharing Economy – Das neue Teilen sichert Phil nicht nur sein Einkommen. Es hat ihm jede Menge neuer Freunde beschert.

Autorin: Marion Schmickler, ARD Studio Washington

Stand: 15.04.2014 11:16 Uhr

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