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Laos: Heuschrecken gegen den Hunger

UN und EU setzen auf Insektenzucht

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Laos: Heuschrecken gegen den Hunger | Bild: WDR

Mit Bambusstange und Plastiktüte macht sich Billy auf die Jagd.
Sein Vater Goi ist eigentlich Reisbauer. Doch 2 bis dreimal die Woche werden die beiden zu Insektenjägern!

Nach links und Rechts schwingen. Wie tanzen sei das, erzählt uns Goi.

Die aufgeschreckten Hüpfer haben kaum eine Chance. Schon nach wenigen Minuten füllt sich die Tüte.

Goi Khaovong, Reisbauer:

»Das ist ein Geschenk der Natur. Umsonst, gesund - und ganz ohne Chemie!«

Grillen zum Mittag
Grillen zum Mittag

Seine Beute kann sich blicken lassen! Grashüpfer, Grillen und Heuschrecken. Frischer geht’s nicht! Die Laoten haben eine eher unverkrampfte Beziehung zu Krabbeltieren.
Fast jeder hat schon mal Insekten verspeist.
Käfer, Grillen, Ameisen oder Mehlwürmer - nichts ungewöhnliches auf einem Wochenmarkt in Laos.
Frau Chansamai sorgt für den Nachschub. Sie ist einer der ersten Insektenzüchterinnen in Laos.
Zwischen Eierkartons haben sich die Grillen eingenistet.
Chansamai sorgt für Wasser und Hühnerfutter. Und sie wartet auf den richtigen Moment. Denn nach ein paar Wochen fangen die Grillen an zu singen. ... Fünf Tage später kann sie ernten.

Chansamai Norlintha, Insektenzüchterin:

»Die Insekten haben es sehr gut bei mir, zweimal am Tag gibt es Futter. In der Natur müssen sie das selbst suchen. Hier gibt es Vollverpflegung. Die sind gut gemästet und glücklich!«

Millionen Grillen tummeln sich in den Betonbecken. Ein geschlossener Kreislauf - vom Schlüpfen bis hin zur Ernte.

»Du brauchst schon ein gutes Händchen, damit die Eier schlüpfen. Am Anfang hat das nicht immer geklappt.«

Eine Massentierhaltung - ganz ohne Skandal. Und ein Beitrag zum Klimaschutz. Scheiden die Grillen doch deutlich weniger schädliches Methan aus als Rind oder Schwein.
Ihre kleine Insektenfarm hat sich rumgesprochen ....
Das Kilo frischer Grillen gibt es für 50.000 Kip - weniger als 5 Euro.

Von dem Gewinn kann Chansamei ganz gut leben. Sie verdient deutlich mehr als früher, als sie noch in einer Textilfabrik gearbeitet hat.

Chansamai Norlintha, Insektenzüchterin:

“Das mach ich für mich und meine Kinder. Mein Mann arbeitet auf einer Baustelle im Ausland. Ich verdiene mir hier Geld dazu, um die Kinder auf die Schule zu schicken.”

Nahrhafte Insekten
Nahrhafte Insekten

Laos gehört mit seinen rund 6 Millionen Einwohnern zu den ärmsten Ländern der Welt.
Die Hälfte der Laoten lebt von weniger als einem Euro pro Tag. Reis, Obst und Gemüse anbauen - das bedeutet in Laos noch immer Knochenarbeit. Und oft fehlt der Zugang zu sauberem Trinkwasser.
Gerade die Kleinsten leiden unter Eisen-, Salz- und Vitaminmangel. Fast die Hälfte aller Kinder und 5 Jahren ist chronisch unterernährt.
Insekten essen - für viele ist das kein exotisches Vergnügen, sondern eine Notwendigkeit.
Zu Besuch bei Familie Samounhy. Drei bis vier Mal die Woche gibt es Grillen zum Mittag. Schwein oder Huhn leisten sie sich nur bei ganz besonderen Anlässen.

Nali Samounhy, Mutter:

»Das geht schnell. Waschen, kurz kochen und dann frittieren. Dazu ein paar Gewürze. Das war’s. So mögen wir sie am liebsten!«

Dazu gibt es Klebereis, Zitronenblätter, und ein wenig Chili. Ein Essen, das preiswert ist und eine gesunde Alternative. Die Grillen sind reich an ungesättigten Fettsäuren, Ballaststoffen und Vitaminen.

Frittiertes Insekt
Frittiertes Insekt

Auch wenn’s eklig aussieht - hiermit kann man Hunger bekämpfen! Im Forschungslabor der National-Universität arbeiten sie an dieser Vision. Hier wird getestet, wie sich am Insekten sich am besten halten und vermehren lassen.

Die Studenten: 30 laotische Hausfrauen.
Auf dem Lehrplan heute: Kreatives kochen mit Krabbeltieren.

Die Insektenforscherin Dr. Yupa hat ein paar neue Rezepte mitgebracht. Kritische Blicke. Nach Kochbuch haben die meisten von ihnen noch nie Essen zubereitet.

Das erste Rezept: Chilipaste - mit kleingehackten Grillen. Das hier vor allem Frauen die Schulbank drücken - kein Zufall.

Yupa Hanboonsong, Entomologin, Khon Kaen University Thailand:

»Es sind doch die Frauen, die für die Familie kochen. Ihnen müssen wir erklären, wie nahrhaft Insekten sind, welche Proteine und Vitamine in ihnen stecken und wie man daraus gesundes Essen macht. Deshalb müssen wir die Frauen als Erstes erreichen!«

Auch sie ist seit kurzem eine stolze Insektenfarmerin. Eines Tages sogar ein eigenes Restaurant aufmachen - mit Mitte 60 - das ist Traum von Frau Thongdee.

Thongdee Outhachak, Insektenfarmerin:

»Ich will lernen, wie man ganz unterschiedliche Sachen aus den Grillen machen kann. Nicht nur das züchten, sondern das weiterverarbeiten - das interessiert mich.«

Kreatives Kochen mit Krabbeltieren
Kreatives Kochen mit Krabbeltieren

Die Möglichkeiten sind vielfältig - Rezepte ganz ohne Fleisch und ein Genuss mit gutem Gewissen. Die Chilipaste -  nicht nur schön scharf - sondern auch noch CO2-neutral!!!

Dr. Yupa Hanboonsong, Entomologin, Khon Kaen University Thailand:

»Wenn wir diesen Wissen nicht weitergeben, dann ist es unwiderruflich verloren. Insekten als Nahrung - das ist nicht mal wirklich neu. Die Menschheit hat Insekten gegessen lange bevor sie überhaupt Rinder und Schweine gezüchtet und gegessen hat.«

Am Abend treffen wir noch einmal Reisbauer Goi und seinen Sohn Billy. Für Feinschmecker empfiehlt er eine Nachtsafari. Nur dann lassen sich die ganz dicken Grashüpfer fangen. Zuhause muss er nur noch die Flügel ausreissen. Ab in die Pfanne - und fertig ist sein Leib- und Magengericht.

Autor: Norbert Lübbers
ARD Studio Singapur

Stand: 22.04.2014 13:54 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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