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USA: Drei Jahre nach der Ölkatastrophe

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USA: Drei Jahre nach der Ölkatastrophe | Bild: WDR

Im BP Werbespot ist die Welt wieder in Ordnung. 23 Milliarden Dollar für Aufräumarbeiten und Schadensersatz machen es möglich. Die Golfküste wieder ein Urlaubsparadies - BP hat sich verpflichtet. Und Wort gehalten....

Jorey Danos:

»Das macht mich verrückt. Wie kann sich der Kerl da hinstellen und arrogant behaupten, dass hier alles wieder ok ist? Hallo? Hier soll es wieder sicher sein? Sauber? Die Touristen zurück? Wie kann man so lügen? Und das im Fernsehen?«

Dr. Mike Robichaux behandelt Jorey
Dr. Mike Robichaux behandelt Jorey


Eigentlich ist Jorey ein sanfter Mensch. Doch die heile Welt von BP klingt für ihn wie Hohn. Wie viele Fischer hatte Jorey nach der Katastrophe bei Aufräumarbeiten geholfen. Seitdem ist der 32 jährige ein Wrack.

Angstzustände, Krampfanfälle, rätselhafte Blutungen – Jorey ist bei jedem Schritt auf Hilfe angewiesen. Heute begleitet ihn eine Nachbarin zum Arzt.

BP hatte Fischer wie ihn damals aufgefordert, ohne Atemmasken zu arbeiten. Hätte er darauf bestanden, hätte er den Job nicht bekommen. Das konnte sich Jorey nicht leisten. Heute ist er arbeitsunfähig und fassungslos, was mit ihm passiert ist.

Jorey:

»Ich habe dafür keine Worte. Man kann viel beschreiben, aber nicht was es bedeutet, mit Chemikalien vergiftet worden zu sein. Ich bin sprachlos.«

Küste von Louisiana
Küste von Louisiana

Früh morgens an der Küste von Louisiana. Wo eigentlich Hochbetrieb herrschen sollte, liegen die Kähne am Pier. Fischer laufen hier nicht mehr aus, seit der Ölkatastrophe.

Dean Blanchard nimmt uns dennoch mit raus. Die Gewässer vor Grand Isle waren ein Paradies für Tiere. Delfine begleiten uns – und auch sonst scheint auf den ersten Blick wieder alles wie früher. Doch Einheimische wie Dean wissen, dass der schöne Schein trügt.

Dean Blanchard, Krabbenfischer:

»Wenn BP in der Werbung behauptet, die Küste hier sei wieder offen, ist das eine Lüge. Hier ist noch alles gesperrt. Wir hier nennen BP britisch Pinocchios, weil die immer die Unwahrheit sagen. In Grand Isle gibt keine Fischer mehr. Für die war die Ölkatastrophe das Todesurteil.«

Förderplattform Deepwater Horizon geht in Flammen auf
20.4.2013 Förderplattform Deepwater Horizon geht in Flammen auf

20. April 2010 – die Förderplattform Deepwater Horizon geht in Flammen auf. Mehr als 12 Wochen ergießt sich Öl ins Meer. BP ist hilflos.

Solche Bilder sollten nicht mehr zu sehen sein. Nicht gut fürs Geschäft.

Mit Chorexit, einer hoch giftigen Chemikalie wird das Öl aufgelöst und verschwindet – zumindest oberflächlich. Die Folgen waren zuvor nicht ausreichend geprüft worden.

Dean Blanchard:

»Wollte BP uns umbringen? Die haben uns aus der Luft direkt mit diesen Chemikalien besprüht. Und jetzt wollen sie ständig unsere Blutwerte wissen. Ich fühle mich wie eine Laborratte«

An der Küste von Louisiana gibt es eine Zeit vor und eine nach der Ölkatastrophe. Es sieht wieder romantisch aus, doch die Touristen kommen nicht zurück, wie in der Werbung behauptet. In den Fischrestaurants am Hafen bleiben viele Tische leer. Ein paar unerschrockene machen dennoch Ferien. Auch weil die Preise gefallen sind. Doch Fisch kommt bei den wenigsten Gästen auf den Teller und auch sonst klingt unbeschwertes Urlaubsfeeling anders.

Touristin:

»Seit der Ölkatastrophe esse ich keine Krabben mehr. Vieles nicht, was ich vorher gemocht hatte. Mein Sohn liebt Meerestiere. Aber ich erlaube das nicht. Ich kaufe die noch nicht mal mehr.«

Dabei stammen die Delikatessen gar nicht mehr aus den heimischen Gewässern. Nur das wissen die wenigsten.

Dean Blanchard:

»Diese Krabben kommen aus Texas. Glauben sie es oder nicht, aber wir müssen die Dinger aus Texas holen…«

Wir treffen Jorey wieder. Einmal in der Woche muss er zur Kontrolle. Dr. Mike Robichaux behandelt hunderte von Patienten mit ähnlichen Symptomen. Alle waren mit Öl und dem Lösungsmittel Chorexit in Berührung gekommen. Erst die Verbindung beider Stoffe mache das Problem so dramatisch, weiß der Doktor. Viele seiner Patienten sind arbeitsunfähig. Jorey ist ein besonders dramatischer Fall.

Dr. Mike Robichaux:

»Als ich ihn zum ersten mal gesehen habe, dachte ich, der überlebt das nicht. Zum Glück geht es ihm etwas besser heute. Jorey ist kein Einzelfall. Wir haben hier ein gigantisches Gesundheitsproblem. Nicht nur hier, sondern in allen betroffenen Bundesstaaten entlang der Küste«

Jorey hat uns zu sich nach Hause eingeladen. Seitdem er nicht mehr arbeiten kann, lebt die Familie von Sozialhilfe. Ihr Vater sei so verändert und schnell reizbar geworden, erzählen uns die Kinder, während der schweren Angstzustände am Anfang habe er stets eine Waffe bei sich getragen.

Auch Jolene, seine Frau geht nicht mehr arbeiten. Sie traut sich nicht, ihren Mann unbeaufsichtigt zu Hause zu lassen. Es sei, als habe sie plötzlich 5 Kinder zu versorgen.

Jolene Danos:

»Ist das normal? Mein Mann ist 32 und ich kann ihn keine Sekunde mehr alleine lassen. Aus Angst dass er das Haus in Brand setzt. Weil der Herd an ist und er plötzlich wieder einschläft?.... Und noch immer ist es nicht sicher hier. ….. Die Chemikalien, das Dreckzeug, sind noch immer in der Luft«

Was die Fischerfamilien ahnen, vielen Urlaubern scheint es kaum Sorgen zu bereiten.

Dabei warnt auch die Rikki Ott, eine renommierte Toxikologin vor den giftigen Rückständen. Allgegenwärtig und unscheinbar das Gemisch aus Öl und Chemikalien.

Schon eine kleine Welle lässt die Wissenschaftlerin ausweichen....

Rikki Ott, Toxikologin, Meeresbiologin (und Buchautorin):

»Ich will dieses Wasser nicht an mir haben...«

entschuldigt sich Rikki.

giftige Rückstände
giftige Rückstände

Weil der Cocktail aus Öl und Chemie nun tief unten am Meeresboden schwimmt, fast unsichtbar, aber hoch giftig, scheint das Urlaubsparadies wieder hergestellt. Doch diese Illusion sei nicht lange aufrechtzuerhalten.

Rikki Ott, Toxikologin, Wissenschaftlerin:

»Das Schlimmste liegt noch vor uns. Das Öl ist ja nicht weg. Es schwächt das Immunsystem, es zerstört die Fortpflanzung der Tiere, die Atemfunktionen der Fische, Die Delphine vermehren sich nicht mehr normal. Schon bald kann niemand mehr übersehen, dass dieses Ökosystem kollabiert.«

Sich das Meer mit den Ölplattformen zu teilen, daran war man gewöhnt, an de Küste Louisianas. Doch nicht an eine unsichtbare Zeitbombe. Krabbenfischer, wie Dean Blanchard und seine Freunde werden hier nicht mehr arbeiten, so wie noch ihre Großeltern und Eltern. Zu erst stranden die Boote und später vielleicht, eine ganze Kultur an der Küste.

Autorin: Tina Hassel

ARD Studio Washington

Stand: 22.04.2014 13:48 Uhr

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