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Russland: Neues Leben auf alter Krim

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Russland: Neues Leben auf alter Krim | Bild: WDR

Nur Fähren verbinden das russische Festland mit der Krim, die geplante Brücke wird noch Jahre auf sich warten lassen. Ein Nadelöhr, kilometerlange Staus russischer Urlauber, die früher durch die Ukraine zur Krim fuhren. Die Nerven liegen blank.

Russische Urlauber im Stau
Russische Urlauber im Stau

»Frau:
„Los, erklären Sie mir, wohin fahren Sie denn?“«

»Fahrer:
„Zur Krim, nachhause. Seit zwei Tagen schon.“«

Die Lastwagen sitzen fest, denn die Urlauber haben Vorrang.

»Fahrer:
„Die versprechen immer wieder Fähren, aber nichts passiert!“«

Die versprochenen billigen Flugtickets für russische Krim-Urlauber sind längst verkauft – es waren viel zu wenige.

»Mann im Auto:
„Ja, seit zwei Tagen unterwegs Und wie lange schon hier im Stau? Seit halb sechs, morgens. Siebeneinhalb Stunden Ist das zumutbar? Nein, nicht auszuhalten.“«

Auf der Krim-Seite scheint es auch nicht besser zu laufen.

Nur Fähren verbinden das russische Festland mit der Krim
Nur Fähren verbinden das russische Festland mit der Krim

»Fahrer:
„Zehn Stunden haben wir da im Stau gewartet. Die Schlange ist länger als die hier Erholt haben wir uns toll. Das Warten nervt natürlich. Aber solche Unannehmlichkeiten überleben wir schon…“«

Stolz und Patriotismus statt Kritik und Gejammer – die Krim ist Verheißung, auch für ein Heer von Abenteurern und Investoren, für Oberschicht und Unterwelt.

»Fahrer:
„Da entstehen jetzt doch Investitionsmöglichkeiten. Da entwickelt sich doch etwas.“«

Sechs Millionen Touristen machten im vergangenen Jahr auf der Krim Urlaub, nur ein Viertel davon Russen, der überwiegende Teil Ukrainer. Die aber bleiben in diesem Jahr der Krim genauso fern wie die Kreuzfahrtschiffe aus Europa.

Auch vor Jalta gehen keine Touristen aus dem Westen mehr vor Anker. Damit die Touristensaison trotzdem kein totales Debakel wird, will der Kreml, dass russische Staatsunternehmen ihren Angestellten billige Pauschalreise auf die Krim anbieten.

Denn Wladimir Putins erfolgreiche Annexion der Insel, von der Mehrzahl der Russen bejubelt, soll eine Heldentat bleiben, die „freundlichen Menschen“ mit Masken und Waffen gibt´s schon für Zweijährige. Ein Verkaufsschlager.

»Frau:
„Drei Hundert und Fünfzig Rubel, acht Euro“«

Versteckt ganz hinten die T-Shirts in den ukrainischen Farben. Die gehen jetzt kaum noch.

Auch die Währung hat gewechselt: Rubel statt Griwna, und auf einmal wird alles teurer, heißt es. Um wie viel sind die Preise gestiegen, wollen wir wissen:

»Verkäufer:
„Um´s eineinhalb bis zweifache.“«

Fleisch, Gemüse – fast alle Lebensmittel kamen bisher aus der Ukraine, waren deutlich billiger als russische Produkte.

»Verkäufer:
„Das Kilo Schnitzel kostet jetzt 50 Prozent mehr. Die Hälfte der Leute kauft überhaupt kein Fleisch mehr bei diesen Preisen.“«

»Frauen:
„Aber dafür kann sich auch ein Rentner jetzt Speck kaufen, widersprechen sie. Die Renten, auch meine, haben sich doch verdreifacht.“«

»Verkäufer:
„Nichts ist hier teurer geworden, alles ist in Ordnung.“«

Ein Markt, zwei Wahrheiten: Kritik gilt als Verrat, nur wenige berichten uns von Grenzschikanen, die den Import ukrainischer Waren behindern.

»Verkäuferin:
„Natürlich steigen die Preise, und die Leute leiden. Die Russen schicken uns doch kein Fleisch mit der Fähre. Wie denn auch. Aber schlimmer noch: Es gibt hier auch keine Käufer mehr. Fast gar keine.“«

Leere Liegestühle, eine halbe Stunde von Jalta entfernt, und nur wenige Passagiere gehen an Bord für eine Küstentour. Drei bis vier Millionen Ukrainer werden der Krim in diesem Jahr fehlen.

Jalta - leere Strände
Jalta - leere Strände

»Ladenbesitzer:
„Normalerweise haben wir hier zwei bis dreitausend Leute an dieser Promenade. Und wie viel sind es jetzt? Fünfzig, gerade mal fünfzig. Die Ukrainer wollen nicht mehr kommen, die Russen noch nicht. Die Ukrainer kommen aus Prinzip nicht. Ich bin selbst aus Kiew, und meine Freunde sagen: Wir kommen auf keinen Fall.“«

Er bietet Urlaubern seit Tagen vergeblich seine Privatwohnung an – für viele Einheimische war das bisher eine wichtige Einnahmequelle. „Wir sind zuhause - Glückwunsch Krim-Bürger“ – große Plakate feiern den Anschluss, doch der Erfolg der „freundlichen Menschen“ aus Russland könnte für die Krim-Bewohner einen hohen Preis bedeuten.

Eine provisorische Wasserpumpe, Generatoren – die Obst- und Gemüsebauern der Krim leiden besonders unter der politischen Situation. Nur einen kleinen Teil ihrer Anbauflächen können sie notdürftig bewässern, erklärt uns Eskander, die übrigen Feldersehen so aus: Vertrocknet. Denn die Ukraine hat der von Russland geraubten Krim, so die Kiewer Sicht, das Wasser gesperrt.

»Eskander:
„Wasser ist doch die Basis allen Lebens. Mit Wasser dürfen Politiker doch auf keinen Fall Politik machen.“«

Eskander hat ein paar bewässerte Möhren ausgerissen und zeigt uns dann die vertrockneten daneben. Die Ernte wird ein Disaster auf der Krim. Der tatarische Gemüsebauer zeigt uns den Kanal, durch den früher das Wasser aus der Ukraine für seine Felder kam. Doch ängstlich vermeidet Eskander jede Kritik an Russland, an Wladimir Putin. Wie viele hier hat auch er Angst vor dem Zorn des neuen Hausherrn der Krim.

Autor: Udo Lielischkies/ARD Moskau

Stand: 05.01.2015 09:29 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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