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Philippinen: Leben auf dem Friedhof

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Philippinen: Leben auf dem Friedhof | Bild: Das Erste

Jeden morgen ein paar Kerzen entzünden – so pflegt Zenaida San Miguel den guten Draht zu ihren Mitbewohnern.

Die ältere Dame teilt sich ihr Schlafzimmer mit acht Toten.

Zenaidas Wohnung ist eine Gruft. Sie lebt auf einem Friedhof.

„Hier dieser Mann ist bei einem Autounfall gestorben.“ sagt Zenaida. „Und seine Ehefrau an einem Herzinfarkt. Sehr nette Leute.“

Meine erste Nacht in der Gruft war schrecklich. Ich habe immer so etwas wie Glas klirren gehoert. Irgendwann habe ich die Bilder der Toten zur Wand hin gedreht und auf einmal hörte das mysteriöse Geräusch auf. Seitdem kann ich hier bestens schlafen.

Der Nordfriedhof von Manila. Ein Friedhof wie es ihn kein zweites Mal auf der Welt gibt. 54 Hektar, voller Gräber und Gruften. Ein Stadtteil für sich.

Bürgermeister und Präsidenten, berühmte Schauspieler und Sänger – liegen hier begraben. Knapp 1 Million Menschen.

Und zwischen den Toten: die Lebendigen. Ganze Familien sind den engen, dreckigen Slums von Manila entflohen und haben sich hier ein neues Zuhause eingerichtet.

So wie Familie San Miguel, Großmutter Zenaida mit ihren acht Enkelkindern. Das Leben auf dem Friedhof hat viele Vorteile für sie: ein festes Dach. Keine Miete. Dazu jede Menge grün, viele Bäume, viel Schatten.

Keiner findet es schlimm, unter den Toten zu leben.

„Früher haben wir draußen in der Stadt gewohnt,“ meint Enkelin Ganda. „Aber seitdem wir auf den Friedhof gezogen sind, ist das Leben wunderbar. Hier sind so viele Menschen um Dich herum. Und wir sind alle wie Freunde.“

Einmal im Jahr wird es richtig aufregend zwischen den Gräbern.  Dann kommen die Angehörigen von überall her, um für die Toten zu beten.

Großmutter Zenaida und ihre Enkel haben schon früh ihr Hab und Gut gepackt.  Decken, Töpfe, Geschirr. Und auf dem Dach der Gruft zwischengelagert.

Herr Lim hat sich angekündigt, ihm gehört die Familiengruft. Wie jedes Jahr besucht er heute seine verstorbene Ehefrau.

Herr Lim:

»„Ist doch schön, dass ich hier in der Gruft auch lebendige Menschen treffe. Sie pflegen die Gräber und ich gebe ihnen ein bisschen Geld dafür. Irgendwann liege ich hier vielleicht auch. Neben meiner Frau und all die Leute hier sind um mich herum.“«

Schon kurz nach Sonnenaufgang ist Manilas Nordfriedhof vollkommen überfüllt. Die Lebendigen mischen sich mit den Toten, die Besucher mit den Bewohnern. Keine Trauerfeier – sondern ein fröhliches Fest.

Die Gräber werden zur Kochplatte, zum Babywickeltisch, zum Sofa.

Babies kommen auf Grabsteinen zur Welt
Babies kommen auf Grabsteinen zur Welt

Hunderttausende Besucher strömen auf den Friedhof und machen es sich irgendwie bequem zwischen all den Gräbern. Und ihren toten Vorfahren.

Es gibt Snackbuden, eine Karaoke-Bar, Eismänner mit Wägelchen.

Und zwischendrin geht das normale Leben der Friedhofsmenschen weiter.

Marie Jane Hombre lebt als Friseurin auf Manilas Nordfriedhof. In ihrem Open Air-Salon bedient sie alle Wünsche: Kurzhaarschnitt, Bartstutzen, Dauerwelle.

Marie Jane Hombre:

»„Wenn ich Kunden suche, gehe ich einfach von Grab zu Grab. Irgendjemand braucht immer einen Haarschnitt.«

Bei uns spielt sich ja das ganze Leben zwischen den Toten ab. Meine besten Freunde haben auf dem Friedhof geheiratet. Ihr Kind ist auf einem Grabstein zur Welt gekommen. Und wenn wir Mittag machen, ist der Grabstein unser Ess-Tisch.“

Und auch den Besuchern schmeckt es heute ausgezeichnet - inmitten der Gräber.

13 Millionen Menschen leben in Manila. Die Stadt platzt aus allen Nähten. So ziehen immer mehr Einwohner aus den Wellblechsiedlungen auch hierhin auf den Friedhof. 6000 Familien leben hier zwischen den Toten.

Doch auch für die Verstorbenen ist der Platz rar und kostbar.

Letzte Ruhestätte für diesen Toten ist eine Plastiktüte.

Marie-Jane Hombre:

„Keine Ahnung, wer das ist. Mein Vater hat die Knochen hier irgendwo gefunden. Vielleicht ist die Grabmiete abgelaufen und dann haben sie die Knochen einfach rausgeholt. Hier liegen überall Knochen rum, aber dies hier ist ein komplettes Skelett. Ein ganzer Mensch. Wir haben nachgezählt.“

An normalen Tagen gibt es um die 20 Beerdigungen auf dem Nordfriedhof. Und für die Friedhofsmenschen fällt viel Arbeit ab.

Die Männer verdienen Geld als Totengräber. Die Jungs tragen die Särge. Die Frauen pflegen die Gräber mit frischen Blumen. Die Mädchen kratzen die Kerzenreste von den Grabsteinen und verkaufen das Wachs an den Kerzenhändler. 10 Pesos gibt’s für ein Kilo, ungefähr 20 Cents. Es lässt sich überleben auf dem Friedhof.

Der Priester ist gekommen. Den Toten spendet er seinen Segnen und den Lebendigen ein wenig Trost.

Marjohn Abaincia findet, diese Riesenstadt Manila ist überfordert mit den vielen Armen und Obdachlosen. Auch die Friedhofsmenschen bräuchten viel mehr Hilfe.

Marjohn Abaincia:

»„Kann es sein, dass Menschen auf einem Friedhof leben müssen? Als Kind hätte ich ja so Angst. Aber sie nennen das ihr Zuhause. Dabei fehlt es an so vielem. Die Kinder können ja nicht mal regelmäßig zur Schule gehen.«

Es ist dunkel geworden in der Stadt der Toten. Bei Zenaida und ihren acht Enkelkindern gibt es jetzt bald Abendessen.

Die Besucher sind gegangen.

Die Friedhofsmenschen haben ihre Gruften und Gräber wieder für sich alleine.

Zenaida San Miguel:

»„Wenn es dunkel wird, hören wir manchmal, wie jemand zwischen den Gräbern umherläuft und schwere Ketten hinter sich herschleppt. Einmal ist sogar jemand ohne Kopf an uns vorbeigegangen. Wir gucken dann einfach weg.«

Wir haben sowieso eher Angst vor den Lebenden, den ganzen Dieben. Deswegen schließe ich die Gruft immer ab vor dem Schlafengehen.“

„Mir gefällt es hier,“ sagt Gandas Bruder. „Aber eins fehlt: ein kleiner Fernseher. Dann könnten wir hier abends in der Gruft sitzen und fernsehen gucken. Wir sind ja die einzigen hier, ohne Fernsehen.“

Abendessen bei Kerzenschein.

Abendessen in der Gruft
Abendessen in der Gruft

Alle in der Familie haben hart dafür gearbeitet: Särge schleppen, Grabsteine putzen, Kerzenwachs sammeln. Und trotzdem: Ganz so schlecht haben sie es nicht getroffen in der sonst so überfüllten Stadt Manila, findet Enkelin Ganda.

Sie will noch viele Tage Ihres junges Lebens hier verbringen - unter all den Toten.

Philipp Abresch, ARD Studio Tokio

Stand: 15.04.2014 10:55 Uhr

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