Regisseur Ben von Grafenstein

Martha (Britta Hammelstein) schafft es mit ihrem Sohn in letzter Minute auf die „St. Louis“. Sie will zu ihrem
Szene aus dem Film: Martha schafft es mit ihrem Sohn in letzter Minute auf die "St. Louis" zu kommen. Sie will zu ihrem Mann, der bereits auf Kuba ist. | Bild: NDR/ARD Degeto / David Dollmann

»Ein Schiff, ein Kapitän, über 900 zurückgewiesene heimatlose Flüchtlinge – eine Odyssee auf dem Atlantik. Als ich diese Schlagworte hörte, sprang ich direkt auf den Stoff an. Sofort blätterte sich vor meinem inneren Auge eine archetypische, große und emotionale Geschichte auf. Dieser Stoff ist aktueller denn je, in der filmischen Umsetzung eine große Herausforderung. Filmisch interessant fand ich, die hochdramatische Reise der "St. Louis" ausschließlich aus der Perspektive der Menschen auf dem Schiff zu erzählen. Die "St. Louis" – ein Ort der Zuflucht, im Laufe der Handlung aber auch eine Art Gefängnis für die Passagiere. Der Ozean – ein Bild für Hoffnung, Zukunft, Leben, aber auch Trauer und Tod.

Ziel war es, den Zuschauern filmisch selber auf die Reise ins Ungewisse mitzunehmen. Dabei wollte ich ein Kammerspiel erzählen, in dem der Zuschauer beide Konfliktparteien, die Passagiere, sowie den Kapitän, emotional begreifen und verstehen kann. Bei der Inszenierung war mein Ziel, wirklich in die Haut von Martha Stern und Kapitän Schröder zu schlüpfen. Ihre Ängste, ihre Trauer und Wut zu verstehen und sie den heutigen Zuschauerinnen und den Zuschauern zugänglich zu machen. Ich wollte, abgesehen von den faktisch genau recherchierten Szenen und Begebenheiten, die Wahrheit durch eine wichtige Komponente erweitern: die der emotionalen Erfahrbarkeit.

Auf meinem Weg dorthin habe ich in Ulrich Noethen, Britta Hammelstein sowie unserem portugiesischen Cast herausragende Partner gefunden. Um die Nähe zu den Figuren zu verstärken, wurde die Erzählung durch die Ebene der Voice-Over Marthas und die des Kapitän Schröders erweitert. Unmittelbar konnten so Gedanken, Ängste Gefühle formuliert und transportiert werden. Dabei habe ich Schauspielerinterviews so inszeniert, dass der Zuschauer direkt von den Protagonisten angesprochen wird. Die völlige Auflösung der Distanz zwischen Zuschauern und den Figuren wird so herbeigeführt, die Nähe zu den Protagonisten verstärkt.

Mit Kameramann Raphael Beinder habe ich eine bewegte "atmende" Kamera gewählt, die unseren Schauspielern physisch sehr nahe kommt. Es wird das Gefühl verstärkt, selber Teil der ausweglosen Situation auf dem Schiff zu sein. Die Filmmusik beschränkt sich nicht auf eine klassische Instrumentierung mit Streichern und Piano; vielmehr übernehmen Klanggeräusche und metallische Sounds die Verstärkung der Emotionen. Ziel war es, mit dieser Noise-Instrumentalisierung den Horror und die Ausweglosigkeit der Passagiere auf dem Schiff nahbar und physisch erlebbar zu machen. Der Film basiert auf wahren Begebenheiten. Das macht ihn stark.

Als Beleg dafür kommen Archivmaterialien sowie Zeitzeugenaussagen zum Einsatz. Diese haben damals selber die Reise als Kinder und junge Menschen miterlebt. All das, die emotionale Handlung, das intensive Schauspiel, die Bildmontagen sollen Geschichte greifbar, vor allem aber menschlich erfahrbar machen. Der Film soll erinnern an couragierte Menschen, Schicksale und Begebenheiten, die nicht vergessen werden dürfen, "damit sich Grausamkeit und Unmenschlichkeit, wo es auch immer sei, nie wieder breit machen können". Kapitän Schröder hätte es, damals wie heute, nicht besser ausdrücken können.«

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