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Verkehrskonzept Straßburg

PlayParkautomat in Straßburg

– Straßburger ÖPNV-Modell entlastet Umwelt und Verkehrschaos in der Innenstadt 
– Revival der Straßenbahnen erübrigt Fahrverbote
– Ticket für Park-and-Ride-Plätze ist gleichzeitig Fahrschein für die Tram
– Wirtschaft beteiligt sich an Kosten

Unsere Städte ersticken im Stau. Feinstaub und Stickstoffdioxid verpesten die Luft. Drohende Fahrverbote machen die Leute kirre. Wie könnte man das Umsteigen auf Bahn und Bus erleichtern? Nur wenige Schritte hinter der französischen Grenze, im Elsass, kann man ein kundenfreundliches Konzept besichtigen. Simpel – wenn man es konsequent durchzieht.

Straßburg. Das Zentrum mit dem berühmten Münster. Wer hier parken will, muss oft lange suchen. Und die Parkgebühren sind extrem hoch. Wie in vielen Innenstädten.

Straßburg, Frankreich, Öffentlicher Nahverkehr, Tram
In Straßburg funktioniert der Öffentliche Nahverkehr vorbildlich.

Familie A. wohnt auf dem Land. Die Region hat rund eine halbe Million Einwohner. Wer etwas Besonderes einkaufen will, muss nach Straßburg fahren. Lysianne A. weiß: "Wenn man in der Innenstadt parken möchte, erstens ist das manchmal unmöglich – zum Beispiel während der Weihnachtszeit; die Stadt ist gesperrt. Und wenn man endlich einen Parkplatz in der Stadt findet, ist es sehr teuer."

Die gute, alte Tram fährt wieder

Doch sie muss nicht in der City parken. Es gibt 6 Straßenbahnen- und 32 Bus-Linien. Denn in den letzten 20 Jahren hat die Stadt das Tram-System energisch ausgebaut.

Ursprünglich hatte Straßburg den Straßenbahn-Verkehr 1960 komplett eingestellt. Zu Gunsten des Autos. Wie viele Städte damals.

Seit einem Jahr fährt die Tram jetzt sogar über den Rhein bis nach Deutschland – in die Grenzstadt Kehl.

Das Wichtigste: Verkehrsdrehscheiben mit großen "Park-and-Ride-Plätzen" vor den Toren der Stadt. Bis zu 24 Stunden kosten gerade mal 4 Euro 10. Und: Der Parkschein ist gleichzeitig das Straßenbahn-Ticket. Bis zu sieben Personen dürfen mit dem einen Ticket fahren. Lysianne Aubertin ist begeistert.

Lysianne A.: "4,10 Euro für das Parken und für eine Hin- und Rückreise für bis zu sieben Personen. Das lohnt sich. Wirklich."

Wirtschaft finanziert OPNV-System mit

Das gibt es in Deutschland so nirgends.  An acht Parkplätzen und Parkhäusern rings um Straßburg kann man vom Auto in ein gut funktionierendes System von Bahnen und Bussen umsteigen. Gut für das Stadtklima. Oft werden auch abschließbare Stellplätze für Fahrräder angeboten und Mieträder. Verkehrsdrehscheiben eben und zwar für jeden Bedarf.

Der Weg dahin war nicht geradlinig und nicht billig, sagt Roland Ries. Er war in den 1990er Jahren zuständig für den Bau der ersten beiden Straßenbahn-Linien – und ist heute Oberbürgermeister. Auch die Wirtschaft wurde zur Kasse gebeten – mit einer speziellen Verkehrsabgabe, der "versement transport".

Parkautomat in Straßburg
Parkautomat in Straßburg

Roland Ries, Oberbürgermeister Straßburg: "Die Abgabe beträgt etwa zwei Prozent der Lohnsumme. Die Unternehmen ab einer bestimmten Größe finanzierten einen Teil der Investitionen und des Unterhalts der öffentlichen Verkehrsmittel, weil ihre Beschäftigten damit zu den Arbeitsplätzen transportiert werden und die Kunden zu den Geschäften.

Ich weiß, das ist eine Ausnahme in Europa, das existiert nirgends, nicht einmal in Deutschland. Aber das ist berechtigt, denn ohne Verkehrsabgabe hätten wir das heutige Straßenbahn-Netz in Straßburg nicht."

Straßburger Modell statt Fahrverbot

Die Wirtschaft profitiert von der Infrastruktur. Deshalb muss sie auch zahlen.

Familie A. auf dem Rückweg. Jetzt noch schnell die 4,10 Euro zahlen und dann wieder ins Auto und ab nach Hause.

Das Modell Straßburg wäre überall machbar. Moderner öffentlicher Verkehr statt Fahrverboten, günstige Park-and-Ride-Tickets statt Abzocke. Und die Unternehmen zahlen eine Verkehrsabgabe. Dafür müssen sie für ihre Mitarbeiter und Kunden viel weniger Parkplätze vorhalten als in anderen Städten.

Das Modell löst sicher nicht alle Verkehrsprobleme unserer Städte, aber die Richtung stimmt. Also lasst uns von positiven Beispielen wie Straßburg etwas lernen. Je schneller, desto besser.  

Ein Beitrag von Hermann Abmayr

Weitere Informationen zum Thema:

Straßburg mit den Öffentlichen

https://moovitapp.com/index/de/%C3%96PNV-Strasbourg-1023

Zürich – pendeln à la Suisse (SWR, odysso)

https://www.swr.de/odysso/integrierte-taktung-im-nahverkehr/-/id=1046894/did=21451538/nid=1046894/ychnw8/index.html

Die Wiener "Öffis" kosten nur einen Euro am Tag (SZ, 2018)

https://www.sueddeutsche.de/auto/sz-serie-nahverkehr-weltweit-die-wiener-oeffis-kosten-nur-einen-euro-am-tag-1.3854634

Stand: 11.01.2019 08:56 Uhr

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