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Denis Scheck kommentiert die Top Ten Belletristik

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Denis Scheck kommentiert die Top Ten Belletristik | Video verfügbar bis 27.03.2027 | Bild: DasErste.de

Platz 10) Edgar Selge: "Hast Du uns endlich gefunden"

Ein autobiographisches Schauspielerbuch – und doch mehr, nämlich ein Beitrag zur Psychopathologie einer ganzen Generation, der Elterngeneration des 1948 geborenen Edgar Selge.

Platz 9) Susanne Abel: "Stay away from Gretchen"

Die Liebesgeschichte zwischen einem schwarzen amerikanischen Besatzungssoldaten und einer weißen Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg – und die wirklich unter die Haut gehende Beschreibung eines auch heute keineswegs überwundenen Alltagsrassismus, mit dem sich die Liebenden auseinandersetzen müssen.

Platz 8) Juli Zeh: "Über Menschen"

Juli Zeh versteht es, Antagonismen zu inszenieren. In "Über Menschen" trifft Stadt auf Land, woke Urbanisten auf AFD-wählende Landeier, linke Hipster auf Dorfnazis, und es knallt richtig schön. Ein wohltuend beunruhigender Roman.

Platz 7) Michel Houllebecq: "Vernichten"

Houllebecq ist der Dichter der Einsamkeit. Sein neuer Roman zeigt den Prozess dieser Vereinsamung in westlichen Gesellschaften im Leben und im Sterben in schärfster Eindringlichkeit. Wir schreiben das Jahr 2027. Was wie ein Thriller über neue Formen von Terrorismus beginnt, mit Innenansichten aus dem französischen Politikbetrieb fasziniert entwickelt sich überraschend zu einem Familien- und Eheroman. "Vernichten" ist Michel Houllebecq zärtlichster Roman.

Platz 6) Carsten Henn: "Der Buchspazierer"

Carsten Henn ist Schriftsteller, aber auch Weinkritiker. Sein Roman über einen 72 Jahre alten Buchhändler und dessen philosophische Gespräche mit einem neunjährigen Mädchen ist eine unerträgliche Plörre, zusammengepanscht aus Rührseligkeit und den übelsten Klischees über Literatur, versehen mit einer möpselnden Dosage Schmalz. Wohl bekomm’s!

Platz 5) Bernhard Schlink: "Die Enkelin"

Auch Bernhard Schlink wählt sich für seine deutsch-deutsche Ehegeschichte einen Buchhändler als Helden, der nach dem Selbstmord seiner Frau um ein im völkischen Milieu aufgewachsenes Kind kämpft. Bieder, aber nicht blöd.

Platz 4) Nino Haratischwili: "Das mangelnde Licht"

Zugegeben: In Zeiten des Krieges lese ich diesen Roman anders als in Zeiten des Friedens. Nino Haratischwilis Vollfett-Stufe des Erzählens ist mir normalerweise zu kitschig, zu sentimental, zu kalkuliert – zu viel Simmel, zu wenig Annie Ernaux. Aber von allen adjektivlastigen Romanen, die ich bislang von Haratischwili gelesen habe, ist diese Geschichte einer Freundschaft zwischen den vier jungen Mädchen Ira, Nene und Dina und der Erzählerin Keto im postsowjetischen Georgien der bislang beste: weil er historische Hintergründe transportiert, psychologisch schlaue Einblicke gewährt und wirklich sehr süffig zu lesen ist. Aus der ästhetischen Ferne zugerufen: Respekt!

Platz 3) Laetitia Colombani: "Das Mädchen mit dem Drachen"

Wie würde Rudyard Kipling heute über Indien schreiben? Wohl so wie die Französin Laetitia Colombani, die aus "white man’s burden" flugs "white women’s burden" macht und über die Gründung einer Frauenschule schreibt – den imperialistisch herablassenden europäischen Blick aber konsequent beibehält. "Ein Ort wie ein Ameisenhaufen", schreibt ihre Erzählerin: "Die Unberührbaren gelten immer noch als Paris, als unreine Menschen, sie sind aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Und Mädchen betrachtet man als minderwertig gegenüber Jungen." Feministische Reiseführerprosa.

Patz 2) Yasmina Reza: "Serge"

Ein heiterer Roman über den Besuch einer jüdischen Familie in Auschwitz: das gelingt in unserer Gegenwartsliteratur niemand so stilsicher wie Yasmina Reza. Innerfamiliäre Konflikte und welthistorische Bruchlinien ambivalent, komplex und doch unterhaltend darzustellen: Das schafft große Literatur. Bravo!

Platz 1) Wolf Haas "Müll"

Er ist wieder da, der unverwechselbare Erzähler aus Wolf Haas Brenner-Romanen mit seinem süchtig machenden Duktus: "Beim Müll geht es ja immer um das Trennen. Darum sag ich, Müll beste Schule für das Denken. (…) Weil du darfst eines nicht vergessen. Ohne die Wiederverwertung wäre die Welt schon längst untergegangen." Ein Leichenfund auf einem Recyclinghof steht am Anfang des neuen Brenners: genialer Krimi Hilfsausdruck!

Stand: 27.03.2022 19:53 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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