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„Feuer“

Ron Leshem über Israel, Gaza und den 7. Oktober

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„Feuer“ - Ron Leshem über Israel, Gaza und den 7. Oktober | Video verfügbar bis 16.06.2025 | Bild: hr

Ron Leshem´s Buch über die Ereignisse und die Folgen des 7. Oktober ist schwer auszuhalten. Denn er beschreibt die grausamen Bilder, die die Hamas und Überwachungskameras aufgezeichnet haben. Er und viele Angehörige mussten sie ansehen, um herauszufinden, ob ihre Liebsten vielleicht noch am Leben sind.

 „Wie Millionen andere schauten wir uns Tausende von Videoclips an und suchten nach ihren Gesichtern. Unter den Geiseln, und unter denen, die auf Live-Videos hingerichtet oder gefoltert wurden“, erzählt Leshem. „Es war, als starre ein ganzes Land in die radioaktive Flamme von Tschernobyl. Du starrst mitten hinein und in diesem Moment weißt du: Du wirst nie wieder derselbe sein", erinnert sich der Autor.

Wie ein Live Ticker zum 07. Oktober

6:29 Uhr, der Beginn des Terrors. Leshem trägt zusammen, was Sekunde für Sekunde passierte. Unfassbare 24 Stunden lang dauerte das Morden, Vergewaltigen und Abschlachten. Danach sind 1.200 israelische Zivilisten tot und mehr als 250 entführt.

Ron Leshem erspart dem Leser wenig. Früher war er Journalist und davor israelischer Geheimdienstoffizier. Er will analysieren, wie es am 07. Oktober zum totalen Zusammenbruch des israelischen Sicherheitssystems kommen konnte.  Er nutzt investigative Recherche und Quellen beim Militär und er geht er in der Zeit zurück, beschreibt die gespaltene israelische Gesellschaft am Rande eines Bürgerkriegs und die Rolle Netanjahus bei alldem.

„Netanjahu hat die Hamas als Vorteil gesehen!“

Ein Ministerpräsident, der sein politisches Überleben über das Wohl des Landes stellt, der es unterstützte, dass monatlich viel Geld aus Katar zur Hamas floss und der glaubte diese Terrororganisation im Griff zu haben. Leshem meint, Netanjahu habe die Hamas als Vorteil gesehen und die säkularen Nationalisten im palästinensischen Lager als Last. „Weil er glaubte, solange mit der Hamas eine Terrorgruppe an der Macht ist, würde ihn die Welt nicht zur Zweistaatenlösung, zum Rückzug, und Friedensgesprächen drängen“, so der Autor.

Netanjahu glaubte die Lage in den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten im Griff zu haben, obwohl ihm und seinen Generälen anderes berichtet wurde. „Es gab viele Analystinnen im israelischen Geheimdienst, die Minute für Minute genau beschrieben, wie dieser Angriff ablaufen wird“, erzählt Leshem. Sie hätten davor gewarnt. „Aber Netanjahu ließ sich von der Hamas und ihren Partnern in den Golfstaaten überzeugen, dass es ihnen nur um finanziellen Wohlstand gehe. Dass, solange das Geld fließt und sich ihre Lebensqualität verbessert, sie nicht angreifen würden“, sagt der Buchautor.

Benjamin Netanjahu hat sich Ende 2022 rechtsextreme und ultrareligiöse Koalitionspartner gesucht. Sie lehnen eine Zweistaatenlösung grundsätzlich ab und tragen seine Pläne mit, die Justiz zu schwächen.

Das Ende Israels als realistisches Szenario

Leshem betont: „Um der strafrechtlichen Verfolgung wegen Korruption zu entgehen, hat er Israel in Richtung eines Bürgerkriegs getrieben.“ Ein Bürgerkrieg, in dem es aber nicht unbedingt um Links gegen Rechts oder aschkenasische gegen sephardische Juden gehe. „Im Kern geht es um eine Gruppe religiöser Extremisten, die zwar nur zehn Prozent des Landes ausmachen, aber trotzdem versuchen, mit ihren messianischen Ideen die Kontrolle zu übernehmen. Diese Leute glauben, dass die Demokratie abdanken und sich zu einem religiösen Königreich wandeln sollte“, erläutert der Autor weiter.

Hundertausende Israelis protestierten, sie fürchten, dass ihre Regierung die Demokratie aushöhlen wird. Aus Sicht von Ron Leshem ist klar: „Für meine Generation war die Existenz Israels immer ein Fakt. Jetzt müssen wir feststellen, dass ein Ende Israels ein realistisches Szenario ist. Ich fühle mich, als würde ich einem Zugunglück in Zeitlupe zusehen – oder einer Nation, die Suizid begeht.“

Ein jahrelang geplanter Vernichtungsfeldzug

Diese Schwächesituation nutzt die Hamas. Der jahrelang geplante Vernichtungsfeldzug soll genau jetzt beginnen. Und eine Regierung, der die Abwehr von Feinden das höchste Staatsziel war, ist unvorbereitet, machtlos.

Die Chronik, die Leshem zusammenträgt, erzählt wie in einem Live Ticker davon, wie die israelische Armee zum Beispiel im Kibbuz Be´eri 24 Stunden lang die angegriffenen Zivilisten sich selbst überlässt, nicht eingreift.

Leshem sagt, der brutale Terror der Hamas sollte die folgende Reaktion Israels provozieren. Das Ziel der Hamas bei dieser Attacke sei es gewesen, Israel zu einer möglichst brutalen Reaktion zu zwingen. „Damit die muslimischen Länder eingreifen und dadurch ein noch größerer, ewiger Krieg entsteht“, sagt er.  

„Feuer“ – auch eine persönliche Geschichte

Eigentlich wollte sich Ron Leshem schreibend nur noch der Fiktion widmen. Er schreibt Drehbücher für HBO und Romane und lebt jetzt in Boston. Doch der 7. Oktober und wie er in der Welt interpretiert wurde, das zwang ihn, sein Buch „Feuer“ zu schreiben. Auch für seine kleine Tochter. „Ich hatte das Bedürfnis, ihr zu erklären, woran wir geglaubt und wofür wir gekämpft haben. Warum wir Israel vor elf Jahren verlassen haben“, erklärt der Autor. „Damit sie eines Tages unseren Weg versteht – und das, was falsch gelaufen ist. Ich weiß nicht, welche Art von Geschichte sie einmal lesen wird, ob das dann schon die Post-Wahrheits-Ära sein wird“, betont Leshem.

So ist sein Buch auch eine sehr persönliche Geschichte.  Seine Tante Orit, eine langjährige Friedensaktivistin, wurde am 07. Oktober von der Hamas exekutiert. Sein Cousin Itai als Geisel verschleppt. Nach 99 Tagen habe die Hamas ein Video von ihm veröffentlicht, auf dem er sehr geschwächt und blass war und um seine Freilassung bettelte, so der Autor. Leshem erinnert sich an die Worte: „Sie sagten - wie in einer Reality-Show: ‚Morgen werden wir verkünden, ob er lebt oder tot ist!‘ Am nächsten Tag schickten sie uns ein weiteres Video von ihm, gefesselt und mit Schusswunden. Er war tot.“

Zweistaatenlösung und Humanismus als Lösung

Ron Leshem hat Tante und Cousin in den Videos der Hamas gesehen. Es habe ihn aufgewühlt, dass weltweit viele die Echtheit des Massakers in Zweifel ziehen. Er hat recherchiert, wie gezielt Fake-Profile und digitale Aktivisten die Wirkung des Terrorangriffs gesteuert und Fake News verbreitet haben. „Ich denke, wir leben schon jetzt in einer Zeit, in der die Wahrheit stirbt. Und es wird noch schlimmer, weil Deepfakes und KI eine Realität schaffen, in der wir einen Clip sehen und sagen können: Ich entscheide mich, das nicht zu glauben“, meint Ron Leshem.

In Gaza sind bislang wohl 36.000 Menschen getötet worden. Israelische Geiseln sind immer noch gefangen. Ron Leshem plädiert dafür, die Spirale der Rache zu durchbrechen. Sein Buch ist empathisch für beide Seiten und ein Appell, nach politischen Lösungen zu suchen. „Die Zweistaatenlösung und der Humanismus sind die einzige Lösung des Konflikts. Und solange auf einer der beiden Seiten ein religiös-extremistisches Regime herrscht, wird es mit Völkermord enden“, findet der Autor.

Autorin: Grete Götze

Stand: 16.06.2024 19:58 Uhr

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