SENDETERMIN So, 05.05.13 | 23:05 Uhr

Ägyptens Schatzhüterin

Wie Wafaa El Saddik das Kulturerbe ihres Landes beschützte

Ägyptens Schatzhüterin Wafaa El Saddik
Ägyptens Schatzhüterin Wafaa El Saddik | Bild: dpa Picture-Alliance

Die Archäologin Wafaa El Saddik leitete von 2004 bis 2010 als erste Frau das Ägyptische Museum in Kairo. Es beherbergt die weltweit größte und bedeutendste Sammlung ägyptischer Kunst. Zu den etwa 120.000 Exponaten aus 4.500 Jahren Kulturgeschichte gehören auch jene Schätze, die Howard Carter 1922 in der Grabkammer Tutanchamuns fand, darunter die berühmte Totenmaske des jungen Pharaos.

Korruption und Vetternwirtschaft

Das Ägyptische Museums in Kairo
Von 2004 bis 2010 war Wafaa El Saddik Direktorin des Ägyptischen Museums in Kairo. | Bild: WDRtv

Über die abenteuerlichen Arbeitsbedingungen dort, über Korruption und Vetternwirtschaft durfte sie unter Mubarak nicht sprechen. Doch als es in den Wirren nach seinem Sturz Ende Januar 2011 auch im Ägyptischen Museum zu Plünderungen kam, beschloss Wafaa El Saddik, ihr Schweigen zu brechen. Denn sie ist überzeugt, dass es kein Zufall war, dass Polizei und Sicherheitskräfte die antiken Stätten ungeschützt zurückließen: "Das war Sabotage, das war von Mubaraks Leuten geplant, damit die Welt denkt: Wenn Mubarak bleibt, ist Ägypten sicherer. Wenn ein Diktator an der Macht bleiben will, tut er alles, um Chaos zu erzeugen."

In ihrer jetzt erscheinenden Autobiografie "Es gibt nur den geraden Weg" packt Ägyptens Schatzhüterin aus. Sie berichtet nicht nur über ihren Werdegang zwischen Kairo, Wien und Köln, sondern auch von all jenen bizarren Interna und fragwürdigen Anweisungen der Antikenverwaltung, über die sie während ihrer Zeit als Museumsdirektorin Tagebuch geführt hat.

Augenzeugin der Revolution

Und sie blickt aus einer sehr persönlichen Perspektive auf die Geschichte ihrer Heimat von den Tagen Nassers bis zur Revolution 2011. Die Veränderungen der ägyptischen Gesellschaft in dieser Zeit waren ihr nicht verborgen geblieben: die wachsende Schere zwischen Arm und Reich ebenso wie der Virus der Korruption, der alle Schichten durchdrang, "die Abwanderung der Gebildeten ins Ausland; die Hinwendung der Chancenlosen zum Islam; die Abkapselung der Geldelite und die Frustration der Verlierer".

In Kairo wurde sie Augenzeugin, wie sich der Leidensdruck und die Perspektivlosigkeit ihrer Landsleute auf dem Tahrir-Platz entluden und schließlich zum Sturz des Regimes führten. Auch davon erzählt sie in ihren Erinnerungen.

Initialzündung Karnak

1950 im Nildelta geboren, wuchs Wafaa El Saddik in politisch unruhigen Zeiten auf. Mit ihrer Familie floh sie während der Suezkrise nach Kairo. Unter dem Eindruck des Sechstagekriegs 1967 und des Jom-Kippur-Kriegs 1973/74 wollte sie zunächst Journalistin werden. Sechs Semester studierte sie in Kairo, bis ein Besuch der Tempelanlage von Karnak die Wende brachte. Überwältigt vom Eindruck der imposanten Säulenhalle, spürte sie ihre Berufung zur Archäologin. "Dort liegt der Anfang meiner Karriere", sagt sie heute.

Zwischen Kairo, Wien und Köln

Wafaa El Saddik entdeckte als Studentin ihre Leidenschaft für die Archäologie.
Wafaa El Saddik entdeckte als Studentin ihre Leidenschaft für die Archäologie. | Bild: privat/Wafaa El Saddik

Die Eltern waren wenig begeistert von den Plänen der Tochter. Aber die junge Frau ließ sich nicht beirren. Sie studierte Ägyptologie an der Cairo University und promovierte in Wien. Mit Engagement und Durchsetzungsvermögen ging sie ihren Weg. Anders als manche ihrer Kollegen wollte sie nicht nur als Inspektorin die Grabungen ausländischer Wissenschaftler begleiten. "Das war für mich inakzeptabel. Ich habe dafür gekämpft, dass ich ein Teil ihres Teams wurde." Tatsächlich leitete sie später als erste Ägypterin überhaupt eine Ausgrabung in Karnak.

Als sie für eine Ausstellung nach Köln reiste, lernte sie ihren späteren Mann Azmy kennen. 1989 heiratete das Paar und gründete eine Familie in der Domstadt. Hier erschloss sich Wafaa El Saddik, inzwischen Mutter von zwei Kindern, ein neues Arbeitsfeld: die Museumspädagogik. Dass in diesem damals noch jungen Fach für Ägypten eine enorme Chance steckte, war ihr schnell klar: Nur wer das kulturelle Erbe seines Landes kennen und wertschätzen gelernt hat, wird es auch bewahren, so ihre Überzeugung.

Zurück nach Kairo

Als ihr 2003 die Direktorenstelle des Ägyptischen Museums angeboten wurde, zögerte sie lange. Sollte sie wirklich für eine korrupte Regierung arbeiten? Ein Freund der Familie überzeugte sie schließlich, dass sie einen Weg finden werde, sich für das Kulturerbe einzusetzen, ohne sich dabei vom Regime instrumentalisieren zu lassen.

Im April 2004 trat sie ihr Amt an. Ihr war bewusst, dass viele nur auf ihr Scheitern warteten. Doch Wafaa El Saddik stürzte sich unerschrocken in die neue Aufgabe. Sie machte sich daran, in den Katakomben unter dem Museum aufzuräumen und die einzigartigen Bestände erstmals zu inventarisieren. Sie motivierte ihre unterbezahlten Mitarbeiter, realisierte gegen alle Widerstände ein Kindermuseum. Und erreichte damit das, was ihr vor allem am Herzen lag: nicht nur Touristen, sondern auch ihre Landsleute ins Museum zu locken.

Den Staatsanwalt im Nacken

Bei ihrer Arbeit wurde sie stets argwöhnisch von den Sicherheitsleuten Mubaraks beobachtet. Es herrschte ein Klima des Misstrauens und der latenten Bedrohung. "Jede Unterschrift konnte mich vor den Staatsanwalt bringen", so Wafaa El Saddik. Hinzu kamen die finanziellen Kämpfe. Zwar war das Museum als Publikumsmagnet eine Goldgrube, doch ein Großteil der Gelder floss in die Staatskasse des Regimes. Ganze 2.000 Dollar standen für Restaurierungsmaßnahmen im Jahr zur Verfügung, selbst für Papier fehlten oft die Mittel.

Ägypten nach Mubarak

Auch im Ägypten nach Mubarak bleibt die Bewahrung des Kulturerbes Wafaa El Saddiks zentrales Anliegen. Doch die Rahmenbedingungen dafür haben sich nicht verbessert. Dem Land fehlen die Einnahmen aus dem Tourismus. Hier sieht sie jene europäischen Institutionen in der Pflicht, die mit den Schätzen ägyptischer Kunst Tag für Tag Besuchermassen anziehen: den Louvre, das Britische Museum oder auch das Berliner Ägyptische Museum. Es müsse nicht gleich die Rückgabe etwa der Nofretete sein. Aber schon ein kleiner Aufschlag auf die dortigen Eintrittskarten könnte den Museen und archäologischen Stätten in ihrer Heimat helfen, meint sie.

Als Frau, die sich in einer von Männern dominierten Disziplin erfolgreich durchgesetzt hat, hofft Wafaa El Saddik im Hinblick auf die Zukunft ihres Landes vor allem auf ihre Geschlechtsgenossinnen: "Ich glaube, die Frauen spielen eine ganz große Rolle", sagt sie. "Sie werden es nicht zulassen, dass uns die Früchte der Revolution vorenthalten werden. Sie werden notfalls wieder auf die Straße gehen."

Buchtipp

Wafaa El Saddik: Es gibt nur den geraden Weg.
Mein Leben als Schatzhüterin Ägyptens
Kiepenheuer & Witsch 16.05.2013, Preis: 19,99 Euro

Stand: 29.05.2013 17:02 Uhr

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