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Frostig – Eisgiganten und Klimaforschung

PlayEisformation in der Eisriesenwelt
Frostig – Eisgiganten und Klimaforschung  | Video verfügbar bis 13.08.2026 | Bild: WDR

Auf 1.600 Metern Höhe im österreichischen Tennengebirge befindet sich ein gigantisches Loch im Berg. Es ist der Eingang zur Eisriesenwelt Werfen. Im Innern zieht sich über Hunderte von Metern eine einzigartige Landschaft aus meterhohen Eisfiguren und eingefrorenen Wasserfällen. Jedes Jahr wagen sich 160.000 Besucher mit Lampen und Fackeln in die unbeleuchtete Höhle, um die Eisriesen aufzuspüren. Aber wie konnte in einer Höhle überhaupt eine solche Eislandschaft entstehen?

Der dynamischer Kamineffekt

Grafik: Querschnitt Eishöhle/Kamineffekt
Im Winter steigt die warme Höhlenluft durch Risse nach oben, dieser Kamineffekt lässt den Eingangsbereich der Höhle abkühlen. | Bild: WDR

Damit Eis entsteht, braucht es zwei Dinge: Wasser und Kälte! Die Eisriesenwelt hat wie alle Höhlen zahlreiche Risse und Spalten im Gestein. Wenn im Frühling der Schnee auf den Bergen schmilzt, dringt das Wasser durch diese Risse in die Höhle ein und gefriert dort zu Eis. Dass es dafür trotz aufblühenden Frühlings kalt genug in der Höhle ist, liegt am sogenannten Kamineffekt. Hunderte Meter weiter oben im Berg, hat die Eishöhle Öffnungen. Im Winter, wenn die Luft der abgeschirmten Höhle wärmer und somit leichter ist als die eisige Winterluft draußen, steigt sie durch diese Öffnungen auf und entweicht – so wie ja auch der Rauch eines Feuers durch einen Kamin aufsteigt und entweicht. Am Höhleneingang dafür kalte Winterluft von draußen reingesogen. Sie kühlt die Höhle so stark ab, dass es in ihr selbst im Frühling noch Null Grad kalt ist – zumindest den ersten Kilometer, die restlichen 40 Kilometer des Höhlensystems erreicht nicht mehr genug Kälte. Am Eingang aber kann jetzt Wasser gefrieren. Die Eisfiguren wachsen. Bis zum nächsten Winter werden sie zwar auch wieder etwas schrumpfen, aber dann geht das ganze Spiel wieder von vorn los. Die Eisriesenwelt gilt daher als "dynamische Eishöhle".

Kampf gegen ausuferndes Eis

Höhlenarbeiter pickeln Eis von Weganlagen
Die Wege in der Höhle müssen vom Eis befreit werden. | Bild: WDR

Die Betreiber der Eisriesenwelt sind ein Team aus jungen Männern, geleitet von Franz Reinstadler. Der 26-Jährige hat die Aufgabe, die Eishöhle zur Sommersaison sicher begehbar zu machen. Deshalb kommt er gegen Ende des Frühlings mit großen Gerätschaften zur Höhle. Denn das Eis hat erfahrungsgemäß viele der Weganlagen überwuchert. Reinstadler und sein Team befreien mit Pickeln und Motorsägen eingefrorene Wege vom Eis und schießen fragile Eiszapfen vorsorglich von der Höhlendecke. Eine Sisyphusarbeit, denn das Eis wächst immer weiter. Die Höhlenarbeiter versuchen, das eindringende Wasser so umzuleiten, dass es die Wege verschont. Indem sie kleine Wasserstraßen ins Eis pickeln oder mit Gerüsten sogar neue Eistunnel entstehen lassen. Bislang waren sie damit immer erfolgreich. Bis heute hatte es innerhalb der Eishöhle keine schweren Unfälle gegeben.

Forscher auf den Spuren verschwundenen Eises

Klimatologe Spötl sucht nach Kalzitkristallen
Kalzitkristalle sind Zeugen früherer Vereisungen. | Bild: WDR

Ob die Eislandschaft der Eisriesenwelt früher mal größer gewesen ist, dafür interessiert sich der Geologe und Klimatologe Christoph Spötl von der Uni Innsbruck. Das Problem: Höhleneis, das einmal verschwunden ist, hinterlässt keine Spuren – dachte man jedenfalls lange! Bis den Forschern winzige Kristalle auffielen, die Spötl auch in der Eisriesenwelt entdeckt hat – sogenannte kryogene Karbonate. Früher wurden sie als vermeintlicher Sand nicht weiter beachtet. Inzwischen ist klar: Diese Kristalle haben sich in Pfützen ehemaliger Eisflächen gebildet. Für den Klimatologen aus Innsbruck war das der Durchbruch. Denn die Eiskristalle verraten ihm nicht nur, wo die Eisriesenwelt früher mal vereist war, sondern auch wann. Ihr Alter lässt sich nämlich sehr präzise bestimmen. Ergebnis: In der letzten Eiszeit hatte die Eisriesenwelt nicht bloß einen Höhepunkt der Vereisung, sondern mehrere Phasen großer Vereisungen. "Die letzte große Vereisung war vor 12.000 Jahren. Die Tour eines Höhlenführers wäre damals fünf Mal so lang gewesen", erklärt Spötl.  

Niedergang der Eishöhlen?

Eingang der Eisriesenwelt
Der Höhleneingang liegt ungewöhnlich hoch in den Alpen. | Bild: WDR

Die Eisriesenwelt war also schon mal größer. Aber wie sieht die Zukunft der Eishöhlen aus? Oberirdische Gletscher schrumpfen wegen der Klimaerwärmung bereits seit Jahrzehnten massiv. Bei den meisten Eishöhlen sehe es laut Spötl ähnlich aus. Von den ehemals 1.200 Eishöhlen Österreichs gebe es einige, die bereits komplett abgeschmolzen seien. Genau beziffern kann er das Ausmaß nicht, dafür werden die Höhlen in den Bergen zu selten aufgesucht.

Immerhin ist die Eisriesenwelt wegen ihrer touristischen Bedeutung in den letzten 100 Jahren immer wieder vermessen worden. Die überraschende Erkenntnis: Das Eis scheint stabil! Es hat sich zwar verschoben, insgesamt aber nicht abgenommen. Wie ist das möglich? Klimatologe Spötl sieht mehrere Gründe: Zum einen sind die Eisriesenwelt und ihre Kamine bedeutend größer als andere Eishöhlen, was zu einem besonders starken Sog von Winterluft führt. Und die ist in diesen alpinen Höhen immer noch eiskalt. Außerdem werden trockene Hitzesommer häufiger. Für Gletscher ist diese Hitze tödlich. Für abgeschirmte Eishöhlen hingegen ist viel relevanter, dass es keinen Sommerregen gibt. Denn der bringt die meiste Wärme in die Höhle. Das alles könnte die Widerstandskraft der Eisriesenwelt erklären. Immer wärmere Winter könnten ihr langfristig zwar auch zusetzen, aber für die nächsten Jahrzehnte sind der Klimatologe und die Höhlenbetreiber optimistisch: Das Naturspektakel der Eisriesen kann weiter bewundert werden!

Autor: Patrick Jütte (WDR)

Stand: 12.08.2021 16:00 Uhr

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