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Von wegen "blöde Kuh"!

PlayKühe im Stall des Leibniz Instituts
Von wegen "blöde Kuh"! | Video verfügbar bis 21.08.2026 | Bild: hr

Jahrzehntelang wurde die Kuh einzig auf Effizienz getrimmt: Wie es dem Tier mit der ständigen Leistungsoptimierung geht, war uninteressant. Und obwohl Kühe unsere ältesten Nutztiere sind, ist vieles über ihr Leben, ihr Sozialverhalten und ihre Bedürfnisse bis heute nicht bekannt. Wir haben Forschende getroffen, die mit Kühen arbeiten und wissenschaftlich ganz genau untersuchen. Die Erkenntnisse sind erstaunlich. Die Tiere sind viel schlauer, als wir gemeinhin denken.

Können Rinder stubenrein werden?

Pinkelnde Kuh im Forschungslabor
In einer Latrine lassen sich Harn und Kot voneinander trennen. | Bild: FBN Dummerstorf

Die Intelligenz der Tiere nutzen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Leibnitz-Institut für Nutztierbiologie in Dummerstorf. Sie bringen Kühen bei auf Toilette zu gehen. Das hat einen ernsten Hintergrund, die Ausscheidungen der Tiere, die sich überall im Stall verteilen, stellen eine Gefahr für die Umwelt dar. Durch die Verbindung von Stuhlgang und Urin entsteht nämlich Ammoniakgas, ein sehr schädliches Klimagas. In einer Latrine dagegen ließen sich Harn und Kot voneinander trennen, und so die Umweltbelastung minimieren. Und natürlich hat der Landwirt auch weniger zu tun, gingen seine Rinder auf die Toilette. Die Wissenschaftler haben Gruppen von acht bis zehn Rindern zusammengestellt, die bei Studienbeginn fünf Monate alt waren. Diese erhielten die Möglichkeit, eine mit einem durchlässigen, grünen Bodenbelag bedeckte Latrine aufzusuchen.

Wenn die Tiere sich nicht an dem dafür vorgesehenen Platz entleerten, wurden sie mit einer kurzen Wasserdusche bestraft. In der Latrine erhielten die Rinder hingegen ein kleines Leckerli, 40 Gramm Gerste, sobald sie den Ort auf die gewünschte Weise nutzten. Es dauerte maximal zehn Trainingstage, danach urinierten 76 Prozent der Tiere auf ihrer spritzgeschützten, neuen "Toilette".

Rinder sind verantwortlich für klimaschädliches Treibhausgas

Ammoniakgas ist ein indirektes Treibhausgas, das erheblich zur Luftverschmutzung beiträgt. Mehr als 90 Prozent der Ammoniak-Belastung in Deutschland stammt aus der Landwirtschaft. Rund 50 Prozent davon verursachen die Rinder. Ammoniakgas entsteht, wenn sich Urin und Kot der Rinder vermischen. Würden die Tiere überall getrennte Toiletten aufzusuchen, wäre dieses Problem gelöst, die Ammoniakgas-Entstehung würde deutlich reduziert.

Kühe kommunizieren miteinander

Wellenprofil der Kuh-Laute
Das Muhen haben Forschende in ein Wellenprofil übertragen. | Bild: hr

Am Leibnitz-Institut für Nutztierbiologie in Dummerstorf wurde den Rindern nicht nur beigebracht, auf Toilette zu gehen, die Forschenden haben auch herausgefunden, dass Rinder untereinander mit einer Art Sprache kommunizieren. Den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ist es sogar gelungen, eine Art "Übersetzer" zu bauen. Dabei wird ein Sender am Hals der Tiere angebracht und schickt die Laute der Kuh an ein speziell entwickeltes Computerprogramm. Hier wird das Muhen in ein Wellenprofil übertragen, rote Wellen bedeuten: Die Stimme ist eher tief und rau. Blaue Wellen, dass sie harmonisch klingt. Auch die Häufigkeit der Laute spielt eine große Rolle.
Das Ziel: die Tiere besser zu verstehen, um herauszufinden, was sie brauchen, um sich wohl zu fühlen. So lässt sich mit den Messungen zum Beispiel der optimale Besamungszeitpunkt viel genauer bestimmen, als es der Landwirt bislang kann. Das bedeutet, weniger Fehlversuche, also weniger Besamungs-Eingriffe und das bedeutet weniger Stress für die Kuh.

Stress ohne Ende für Turbokühe

Auch am Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie in Groß Kreutz geht es darum, Stress für die Kühe zu reduzieren. Jahrzehntelang wurde die Kuh einzig auf Effizienz getrimmt: von der Größe des Brustkorbs, der Winkel der Hinterbeine bis zur Form der Euter und ihrer Milchleistung. Wie es dem Tier mit der ständigen Leistungsoptimierung ging, stand dagegen im Hintergrund. Eine deutsche Milchkuh gibt im Schnitt knapp 8.500 Kilogramm Milch pro Jahr. Vor zehn Jahren gab sie noch durchschnittlich 7.000 Kilogramm pro Jahr, in den 1990er-Jahren knapp 5.000 und in den 1950er-Jahren nur 2.350 Kilogramm.

Die Hochleistungstiere sind im Dauerstress und anfällig für Krankheiten. Mit fünf Jahren sind solche Milchkühe meist so ausgepowert, dass sie zum Schlachter kommen. Dabei sind sie mit fünf Jahren gerade erst richtig erwachsen. Die Lebenserwartung einer Milchkuh beträgt normalerweise 20 Jahre.

Schon geringe Hitze bereitet Kühen Probleme!

Die Wissenschaftlerinnen in Groß-Kreutz suchen nach einem Kompromiss zwischen Milchleistung, die den Bauern das Überleben ermöglicht und dem Wohl der Tiere. Wie wirkt sich zum Beispiel die Temperatur im Stall auf das Befinden der Milchkühe aus? Mit Hilfe ihrer Untersuchungen haben sie auch herausgefunden, dass Milchkühe sich bei niedrigen Temperaturen deutlich wohler fühlen als bei hohen. So machen zum Beispiel 0 Grad einer Kuh nichts aus. Aber ab 16 Grad wird es unangenehm für die Tiere, da empfinden sie schon Hitzestress. Als Ergebnis dieser Forschung wurden im ganzen Stall Lüftungsschläuche installiert, die kühlende Luft zu den Tieren bringen. Das hat den Rindern nachweißlich mehr Entspannung gebracht. Eine Technik, die für die Landwirt recht einfach ohne allzu hohe Kosten umsetzbar wäre.

Suche nach dem Kuh-Stall der Zukunft

Windkanal im Leibniz Institut Potsdam
Wie muss der Stall der gestaltet sein? Ein Windkanal gibt Aufschluss. | Bild: hr

Das Wissenschaftsteam hat sogar einen Windkanal gebaut. Mit dem erproben sie, wie der Stall der Zukunft gestaltet werden sollte. Wichtig dabei: die Stalllage zur Windrichtung, damit die Tiere die besten Belüftungs- Luft- und Klimaverhältnisse haben. Ebenfalls entscheidend: die Ausrichtung zur Sonne, um den richtigen Lichteinfall zu bekommen.

Die Forschenden beider Institute sind sich einig: Die ruhigen Tiere werden oft unterschätzt und sind sogar intelligenter als bislang gedacht. Für das Wohlergehen der Tiere wäre es ein enormer Gewinn, wenn die Erkenntnisse beherzigt werden würden. Denn sie würden sich wohler fühlen, wären gesünder und sogar noch leistungsfähiger, was wiederum den Menschen zugutekäme.

Autor: Christof Dörr (HR)

Stand: 19.08.2021 15:30 Uhr

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