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Verlust des 6. Sinns: Wenn alltägliche Bewegungen zum Problem werden

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Verlust des 6. Sinns: Wenn alltägliche Bewegungen zum Problem werden  | Video verfügbar bis 28.11.2025 | Bild: WDR

Ist unser 6. Sinn, die sogenannte Propriozeption, eingeschränkt oder gar nicht mehr vorhanden, schwindet das Gefühl für den eigenen Körper – genauer: das Wissen über die aktuelle Position der Körperteile. Und wer nicht mehr spüren kann, wo sich seine Hände oder Füße gerade befinden, kann sie auch schlecht steuern. Die Folge sind zum Beispiel Störungen bei alltäglichen Bewegungsabläufen wie Gehen oder auch nur der Griff nach einem Wasserglas.

Verlust des 6. Sinns als Folge von Krankheiten oder Unfällen

Eine mögliche Ursache für den Verlust des 6. Sinns: Schlaganfälle, bei denen genau die Regionen im Gehirn betroffen sind, die die propriozeptiven Reize verarbeiten. Auch nach einem Knochenbruch oder einer anderen tiefergehenden Verletzung – also immer dann, wenn Nervenbahnen verletzt sind – kann der 6. Sinn eingeschränkt sein. Kleinere Verletzungen am peripheren Nervensystem heilen dagegen in der Regel wieder.

Wenn aber durch Erkrankungen wie Parkinson oder Multiple Sklerose Nervenzellen im zentralen Nervensystem geschädigt sind, ist damit auch die Verbindung zu den Informationen aus den Körperteilen gekappt, beziehungsweise stark eingeschränkt. Parkinson oder Multiple Sklerose sind nur zwei Beispiele für viele Krankheiten, die den 6. Sinn beeinträchtigen können.

Weltweit sind nur wenige Fälle bekannt, bei denen der 6. Sinn von Geburt an komplett fehlt. In diesem Fall fehlen infolge von Mutationen des PIEZO2-Gens in den Zellmembranen genau die Sensoren, die die Informationen über Druck und Bewegung erfassen und weitergeben. Das hat eine internationale Forschungsgruppe erst vor wenigen Jahren herausgefunden.

Vorübergehende Einschränkung des 6. Sinns: eingeschlafene Arme und Beine

Peripheres Nervensystem als Grafik.
Unser 6. Sinn ist überall im Körper lokalisiert. | Bild: WDR

Doch auch ohne Unfall, Erkrankungen oder Gen-Mutation erleben wohl die meisten von uns ab und an zumindest vorübergehend den Verlust ihrer Propriozeption: und zwar immer dann, wenn ein Körperteil "einschläft". Meist war dann ein Bein oder ein Arm über einen gewissen Zeitraum so positioniert, dass Nervenverbindungen eingeklemmt wurden – etwa wenn beim Sitzen die Beine zu lange überschlagen wurden. Durch eine Änderung der Position normalisiert sich das meist schnell wieder von selbst. Es lässt aber zumindest erahnen, wie es Menschen ergeht, die dauerhaft die Positionen ihrer Körperteile nicht spüren.

Ein Leben mit Friedreich-Ataxie – ein Leben ohne 6. Sinn

Die 25 Jahre alte Medizinstudentin Nadine Kleine etwa leidet seit ihrer Jugend unter fortschreitenden Bewegungsstörungen. Erst seit einem Jahr weiß sie, was der Grund dafür ist: Sie hat die Friedreich-Ataxie, die häufigste erbliche Störung der Bewegungskoordination. In Deutschland sind etwa drei bis vier Menschen pro 100.000 Einwohner betroffen.

Ursächlich für die Friedreich-Ataxie ist ein Fehler im FXN-Gen, was den Energiehaushalt der Zellen stört. Die Folge: Zellen mit besonders hohem Energiebedarf, wie Nervenzellen, sterben; Nervenbahnen zwischen Gehirn und Rückenmark werden geschädigt und können Informationen über die Position der Körperteile nicht mehr weitergeben. Gut ein Prozent der Menschen in Deutschland tragen diese Gen-Mutation in sich, ohne es zu merken. Denn die Friedreich-Ataxie wird autosomal-rezessiv vererbt. Das heißt: Nur wenn beide Elternteile diese Mutation in sich tragen und vererben, kann die Friedreich-Ataxie bei den Nachkommen in Erscheinung treten.

So helfen die Augen bei Störungen der Propriozeption

Eine Frau stützt sich an einer Wand ab.
Die Friedreich-Ataxie ist die häufigste erbliche Störung der Bewegungskoordination. | Bild: WDR

Nadine Kleine ist durch die Friedreich-Ataxie im Alltag stark eingeschränkt. Sie muss ihren Körper steuern, ohne die Position ihrer Gliedmaßen zu spüren. Das geht nur, indem sie ihren Sehsinn zur Hilfe nimmt. Wenn sie zum Beispiel geht, muss sie die Position ihrer Beine stets im Blick haben. Ihre Balance kann Nadine nur mit geöffneten Augen und mittels Fixpunkten halten. Wenn sie die Augen schließt, fällt sie sofort um, sagt sie. Und wenn sie sich – wie beim Lernen für das Medizinstudium – an  einen Tisch setzt, muss sie mit ihren Augen sofort kontrollieren, wie sie ihre Füße abgestellt hat. Denn andernfalls könnten diese abgeknickt sein. Nadine Kleine würde das zunächst überhaupt nicht spüren – wohl aber die Schmerzen, die dann ein paar Minuten später entstehen würden.  

Im Freien kann sich Nadine Kleine mit ihrem Rollator relativ sicher bewegen. Sollte das irgendwann zu gefährlich werden, wird sie auf einen Rollstuhl angewiesen sein. Kein Drama, sagt sie. Ihr Ziel: Nach dem bestandenem Medizinexamen und dem praktischen Jahr will sie Neurologin werden – und seltene Erkrankungen erforschen.

Autorin: Clarissa Juse (WDR)

Stand: 27.11.2020 12:53 Uhr

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