SENDETERMIN So, 16.03.08 | 17:03 Uhr

Küstenschutz

Die Nordsee ist unerbittlich. Vor allem wenn sie von Stürmen aufgepeitscht wird, geht es der Westküste von Sylt an die Substanz. Jahr für Jahr reißen Wind und Wellen über eine Million Kubikmeter Sand mit sich fort. Strand, Dünen, Steilküste - nichts ist vor ihnen sicher.

Für Helge Jansen ist der Winter die härteste Zeit. Denn in der Sturmsaison leidet seine Insel besonders. Für den Landschaftszweckverband Sylt ist er in schwieriger Mission unterwegs: Die Küste schützen und den Strand erhalten – nicht nur für die vielen Tausend Sylt-Touristen.

Für Jansen ist der Strand eine Art Pufferzone, in der die Nordseewellen auslaufen und so einen Teil ihrer Energie verlieren. Und die, so Jansen, sei beträchtlich: Eine Welle kann bei einer Sturmflut bis zu 170 Tonnen auf einen Quadratmeter aufbringen und freisetzen. Und diese Zerstörungskraft werde durch den Strand, durch die Sandmengen abgepuffert.

Auf Sand gebaut

Trotzdem nagt jede Sturmflut an Sylt, wie beispielsweise im Süden der Insel, an der "Hörnumer Odde". Noch wenige Wochen vor unseren Dreharbeiten war dort nichts als Sand zu sehen. Nun kann Jansen nur staunen angesichts einer massiven Bunkeranlage aus dem Zweiten Weltkrieg. Der Wellengang von zwei mittleren Stürmen spülte dieses Relikt des sogenannten Atlantikwalls aus dem Zweiten Weltkrieg weitgehend frei.

Der Hauptgrund für die auf Sylt besonders starken Sandverluste: Die Westküste der Insel ist starken Strömungen ausgesetzt. Der Sand, den die vor dem Strand brechenden Wellen aufwirbeln, setzt sich nicht wie an anderen Küstenabschnitten weitgehend wieder ab. Stattdessen wird ein Teil von den Strömungen erfasst und zunächst entlang der Küste "abtransportiert". Auch an den Inselenden wird er nicht - wie in einer Bucht - aufgefangen, sondern nach und nach weiter gespült und geht schließlich über so genannte Tiderinnen verloren.

Meeresboden wird zu Strand

Ein bis zwei Meter Strand gingen so an der Westküste jedes Jahr verloren - bis die künstlichen Sandaufspülungen begannen. Rund 1,4 Millionen Kubikmeter neuen Sand hat eine dänische Firma allein im vergangenen Jahr auf die Strände gespült. In mindestens sieben Kilometern Abstand vom Ufer holen Saugbagger ihn vom Meeresboden aus vierzehn Metern Tiefe.

Unter hohem Druck wird ein Sand-Wasser-Gemisch dann durch große Rohrleitungen an die Küste transportiert. Bulldozer türmen die Pampe dort bis zu vier Meter hoch: Eine extrem teure Sisyphosarbeit, denn das Meer holt sich einen Großteil im nächsten Winter zurück.

Stärkere Abspülungen voraussehbar

Der Klimawandel wird das existenzielle Problem der Insel in Zukunft verschärfen: Stürme und Wellenenergie werden zunehmen und den Sand voraussichtlich immer schneller abtragen. Daher werden die Kosten für die Aufspülungen in Zukunft voraussichtlich deutlich steigen. Außerdem wird derzeit untersucht, was die dauernde Sandabsaugung vom Meeresboden langfristig für ökologische Folgen hat.

Elastische Wellenbrecher

Ein Team der Technischen Universität Hamburg-Harburg um Prof. Erik Pasche forscht deshalb mit einem neuen Ansatz: Die Kraft der Wellen soll schon vor dem Ufer geschwächt werden. Dazu experimentiert das Team derzeit mit künstlichen Riffen aus einem neuen Verbundstoff.

Es handelt sich hier um ein Komposit aus Polyurethan und Stein, wie Erik Pasche beschreibt. Polyurethan wirke wie ein Kleber, der die Steine zu einem festen System verbindet. Dieses Gebilde sei aber sehr offenporig und elastisch. Dadurch reagiere das Material ganz anders, als wenn Steine mit Beton zu einem Riff vergossen werden und die Wellenenergie einfach reflektieren. Das offenporige Testriff lässt Wasser durch und kann sich beim Aufprall der Brandung leicht verformen. Den Wellen wird so die ihre Energie genommen.

Erste Planungen

Um die Haltbarkeit ihrer Konstruktion zu testen, macht das Team mit einer Mess-Zange Ausreißversuche an einzelnen Steinen. Erst bei 1,4 Kilo-Newton gibt ein Stein schließlich nach. Das gesamte Riff müsste demnach den bis zu acht Meter hohen Wellen vor Sylt trotzen können.

Pasche und sein Team haben die mögliche Lage der Riffe vor Sylt in einer "Seekarte" eingezeichnet. Eine regelrechte Kette von einzelnen Riffen würde etwa 300 bis 400 Meter vom Ufer entfernt in die Nordsee gebaut werden. Zwischen den Riffen befänden sich Lücken, durch die das Wasser sich einen Weg bahnen könnte.

Insulare Skepsis

Uferbefestigungen aus dem neuen Material gibt es bereits, wie beispielsweise auf der Wattseite Sylts in der Munkmarscher Bucht. Doch ob feste Bauwerke im Meer der Insel helfen können? Die Erfahrungen auf Sylt sind bislang eher negativ. Der Versuch, die Küste mit Hilfe von Betonwellenbrechern, so genannten Tetrapoden, zu schützen, ist bereits vor Jahren fehlgeschlagen. Viele der Tetrapoden sind wieder entfernt worden. Die, die noch da sind, betrachtet Helge Jansen mit einem unguten Gefühl. Zeigen sie doch, wie wirkungslos feste Bauwerke an einer sandigen Küste sein können.

Von den drei Lagen der Betonklötze, die ursprünglich aufgestellt wurden, ist die Hälfte schon im Sand versunken. Außerdem haben die Tetrapoden die Sandverwirbelung nicht effizient stoppen können. Das Problem der festen Wellenbrecher: Auf ihrer Windseite lagert sich zwar Sand ab, aber im Windschatten entstehen Wasserwirbel. Die verstärken die Erosion und vernichten Strand.

Die Insel als Wellenfänger

Sandaufspülungen sind für Helge Jansen deshalb mittelfristig die einzig geeignete Schutzmethode für die Sylter Westküste. Manche Naturschützer dagegen sind eher der Ansicht, dass die Insel den Naturgewalten überlassen werden sollte. Das ist für Jansen völlig undenkbar: schließlich sorge Sylt dafür, dass die riesige Wellenkraft bei einem Sturm nicht ungebremst aufs Festland einrollt. Und von daher sei es fürs Festland auch eine sehr wichtige Frage, ob es Sylt gibt oder nicht.

Die nächste Kostprobe ihrer Naturgewalt liefert die Nordsee ganze drei Tage nach unseren Dreharbeiten: Das Sturmtief Emma fegt über Sylt hinweg und peitscht die Brandung wieder bis zu Dünen und Steilküste. Der gerade erst frei gelegte Bunker wird dabei unterspült und stark zerstört. Was Sprengmeistern trotz mehrerer Versuche nicht gelang, das erledigt die Nordsee mit nur drei Stürmen.

Autorin: Britta Eisenhuth

Adressen & Links

Landschafts-Zweckverband Sylt (LZV)

Ansprechpartner: Helge Jansen
C.-P.-Hansen-Alle 9
25980 Sylt Ost/Keitum

E-Mail: helge.jansen@ads-rantum.de

Institut für WasserbauTU Hamburg-Harburg

Ansprechpartner: Prof. Erik Pasche
Denickestraße 22
21073 Hamburg

E-Mail: pasche@tu-harburg.de
Internet: http://www.tu-harburg.de/wb/

Stand: 27.11.2012 12:20 Uhr

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So, 16.03.08 | 17:03 Uhr

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