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Mit dem Fahrrad in den Himmel

Keine Staus, keine Umwege, keine Parkplatzsorgen. Markus Müller hat das, wovon Millionen Pendler träumen – nämlich ein Verkehrsmittel, das fliegt und fährt: Sein fliegendes Fahrrad, genannt Flyke, hat der Tüftler selbst entwickelt.

Durch die Luft bewegt das Gefährt sich an einem Gleitschirm, nach der Landung wird es zum dreirädrigen Liegerad.

Jenseits der Blechlawinen

Gebaut wird der Drahtesel der Lüfte in einer kleinen Firma in Bissendorf bei Hannover. Hier tüftelt Markus Müller gemeinsam mit Geschäftspartner Michael Werner an immer neuen Flug- beziehungsweise Fahrzeugen.

Die Leistungsdaten ihres fliegenden Fahrrads hängen von diversen Faktoren ab, erklärt Michael Werner: "Man ist so mobil mit einem Flyke wie man selber als Radfahrer fit ist. Es ist halt ein Fahrrad. Ungefähr vergleichbar mit einer Rikscha, weil es wiegt ja ein bisschen mehr. Man kommt immer besser vorwärts, wenn man fliegt. Da schafft man im Schnitt so 45 km/h. Und wenn man Rad fährt, dann schafft man halt wie gesagt keine 20 km/h. Aber wenn das Wetter schlecht ist und bevor man gar nicht fliegt fährt man halt Rad und dann kommt man immer noch vorwärts. Und wenn du fünf Stunden Rad fährst bist du auch 100 km weit gekommen."

Vom Strand bis weit ins Land

Die Kombination "Fahren" und "Fliegen" funktioniert auch auf der Langstrecke. Das belegten die fliegenden Tüftler unter anderem mit einer 400 Kilometer-Tour: Vom Ostseestrand bei Rostock ging es über Umwege bis nach Bissendorf. Einer der Höhepunkte war die Zwischenlandung der fliegenden Fahrräder auf dem Flughafen Hamburg Fuhlsbüttel.

Die Fluglotsen im Tower hatten Sorge, die beiden seltsamen Flieger könnten die Landebahn verfehlen.

Landen und weiterfahren

Doch Flykes lassen sich sehr exakt manövrieren. Die Präzision der Landung verblüffte selbst die Fluglotsen. Und die Mobilität der eigenwilligen Gefährte stellte die Flughafen-Bürokratie regelrecht auf den Kopf, erinnert sich Michael Werner: "Man zahlt auf einem Flugplatz normalerweise Landegebühr. Das haben wir auch gewollt. Da hat er (Anm. d. R.: der Flugplatzmitarbeiter) seinen Rechner hochgefahren und hat dann eintragen wollen, dass wir irgendwann wieder wegfliegen sollen. Und ich hab gesagt, wir fliegen nicht weg, wir fahren jetzt durch das Tor. Wir fahren nämlich nach St. Pauli auf die Reeperbahn."

Daraufhin stürzte der Computer ab. Flugzeuge, die landen und dann zum Tor hinaus fahren - das war einfach zuviel. Vorteil für die Flykepiloten: Weil sie keine Abfluggebühr bezahlen konnten, kamen sie auch um die Landegebühr herum.

Kurzer Abstecher in die Umgebung

Markus Müller macht seinen Flyke wieder startklar. Er muss noch zu einem Zuliefererbetrieb in der Nähe. Natürlich durch die Luft. Die kürzeste Entfernung zwischen zwei Punkten ist schließlich eine Gerade. Testweise zieht er den Schirm hoch.

Der Wind hat zugenommen – und das ist nicht gut wie Müller erklärt: "Die Problematik mit Wind besteht eigentlich darin, dass er nicht zu stark sein soll. Wir sind ja im Grunde genommen Teebeutelflieger. Und wenn der Wind über drei Windstärken kommt, dann hört der Spaß langsam auf."

Markus Müller wagt es dennoch. Er positioniert sein Flyke vor dem Gleitschirm. Die Trag- und Steuerleinen befestigt er am Rahmen. Dann gibt er Gas. Der Schirm füllt sich durch den Propeller und den Gegenwind mit Luft. Wenn er senkrecht über dem Pilot steht, muss der Vollgas geben.

Anfällig für Turbulenzen

In der Luft lenkt Markus Müller den Schirm über zwei Handgriffe an denen die Steuer-Leinen befestigt sind. Die Straßen und Ortschaften bieten eine gute Orientierung. Das Navigationsgerät, das zwischen seinen Knien angebracht ist, zeigt ihm den genauen Weg.

Das Flyke ist anfällig für Turbulenzen. Der Pilot ist Wind und Wetter ausgeliefert.

Dafür ist es wohl die günstigste Art des motorisierten Fliegens. 10.000 Euro kostet das komplette Fluggerät. Rund 2.000 Euro der nötige Ultra Light Flugschein. Starten und landen darf man eigentlich nur auf zugelassenen Wiesen.

Doch wenn das Wetter umschlägt, oder der Pilot plötzlich auf Toilette muss, kann er überall landen. Und das tut Markus Müller jetzt auch lieber. Denn der Wind wird zu stark.

Kurz umgebaut

Schnell den Schirm gepackt und schon ist der Himmelsradler straßentauglich. Ab jetzt mit Muskelkraft. Markus Müller demonstriert wie man das Fluggerät in ein Straßenfahrzeug verwandelt: "Man hat hier Pedalen, mit denen man dann voran kommt." Damit das Flyke auch gelenkt werden kann, gibt es auch eine pfiffige Lenkvorrichtung: "Wir haben da eine Lenkstange. Das ist eine sogenannte Knicklenkung, die lenkt im Prinzip hinter mir", erklärt Müller. Das sei eine der Schwierigkeiten bei der Konstruktion gewesen. Da bei dem Liegefahrrad die Kette mit nach hinten läuft, kann man mit dem Vorderrad nicht lenken.

Ein Leichtgewicht mit Nachteilen

Das Liegerad allein wiegt schon stolze 25 Kilogramm, durch den Motor kommen noch mal 45 Kilogramm dazu. Längere Distanzen bergauf gehen also kräftig in die Beine. Da bemüht sich der Pilot schon, einen Berg lieber zu überfliegen als zu überstrampeln.

Weitere Alternative: Auch am Boden den "Hilfs-Motor" einsetzen. Das ist durchaus möglich, im Straßenverkehr nur streng verboten. Aber auf Feld- und Privatwegen darf der Pilot auch mal die Schubkraft des Propellers nutzen. Markus Müller hat sich extra eine einsame Route ausgesucht. Erst wenn Fußgänger oder Radfahrer auftauchen, muss er wohl oder übel strampeln. Immerhin: Mit einer 14 Gang Nabenschaltung ist das Liegerad auch für den Muskelbetrieb gut gerüstet.

Das Flyke ist eben ein Schönwetter- Fluggerät und schon deshalb nicht das Verkehrsmittel der Zukunft. Aber es ist derzeit das einzige, bezahlbare Gefährt, das Mobilität in der Luft und am Boden bietet.

Autor: Björn Platz

Stand: 12.04.2013 12:39 Uhr

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