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Der falsche Monet

Das Wallraf-Richartz-Museum in Köln hat eine der größten Gemäldesammlungen impressionistischer Kunst in Deutschland. Eines der bekanntesten Werke ist das "Seine-Ufer bei Port-Villez". Im renommierten Wildenstein-Verzeichnis wird das Gemälde dem impressionistischen Künstler Claude Monet zugeordnet (1840 bis 1926). Doch ein Forschungsprojekt des Museums in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Köln hat das Gemälde als Fälschung entlarvt.

Das Ölgemälde soll 1885 entstanden sein. Ein anderes Werk von Monet – ebenfalls von 1885 - zeigt dasselbe Motiv: das "Seine-Ufer bei Port-Villez". Dieses Gemälde gilt allerdings seit Jahrzehnten als verschollen. Von ihm existiert immerhin ein Foto. Es wurde erstmals 1903 in einer englischen Kunstzeitschrift abgedruckt.

Das Gemälde, das im Bestand des Kölner Wallraf-Richartz-Museums ist, taucht Anfang der 20er Jahre bei einer englischen Kunsthändlerin auf. Danach ist es im Besitz einer Galerie in Berlin und wird 1935 an einen Sammler verkauft. 1954 kommt es als Schenkung in den Besitz des Kölner Wallraf-Richartz-Museums. Experten schätzten den Wert des Ölgemäldes zuletzt auf ein bis zwei Millionen Euro.

Der Kunstexperte John House meldet erstmals Zweifel an der Echtheit des Kölner Monet an. House stellt einige stilistische Ungereimtheiten fest. Ihm kommt es merkwürdig vor, wie die Farbe aufgetragen wurde und wie das Bild koloriert ist.

Die Restauratorinnen des Wallraf-Richartz-Museums wollen dem Gemälde deshalb auf den Grund gehen: In Zusammenarbeit mit dem "Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft" der Fachhochschule Köln. Das gemeinsame Forschungsprojekt trägt den Titel "Maltechnik des Impressionismus und Postimpressionismus". Die Experten analysieren 75 Gemälde der Kölner Sammlung, darunter das Monet-Gemälde.

Ein Fälschertrick macht die Wissenschaftler misstrauisch

Bereits die Maße des Bildes sind ungewöhnlich. Das Format 67 x 83 Zentimeter war in Frankreich damals kein Standard. Einen ersten wichtigen Hinweis liefert der Rahmen. Er wurde mit einer bräunlichen Lasur gefärbt, ebenso die Ränder der Leinwand. Ein typischer Fälschertrick, mit dem Materialien auf alt getrimmt werden.

Infrarotaufnahmen entlarven einen unsicheren Maler

Bei der Untersuchung mit Infrarot-Licht kommen noch mehr Details zum Vorschein. Die Umrisse der Motive wurden mit einem blauen Stift sorgfältig vorgezeichnet. Auch die Hügel und Wolken. Das zeugt von einem unsicheren, suchenden Maler und ist deshalb untypisch für Monet. Ihm genügte es, seine Motive mit wenigen Kohlestrichen zu skizzieren. Das hat die Untersuchung mehrerer Monet-Werke ergeben.

Der Schriftzug wurde übermalt

Ungewöhnlich ist auch, wie die Farbe auf die Leinwand aufgetragen wurde. Der Erschaffer des Werkes verteilte die Farben mit Spachtel und Pinsel und verwebte sie miteinander. Beim Spachteln selber kratzte er immer wieder Farbmaterial ab. Auch das gilt als Indiz für einen unsicheren Maler.

Gewissheit bringt die Untersuchung der Signatur des Werkes. Die ersten drei Buchstaben des Vornamens "Claude" wurden zuerst mit grauer Pinselschrift zaghaft aufgetragen und der gesamte Schriftzug anschließend mit brauner Farbe übermalt.

Monet pflegte zwar auch seinen Namenszug zu überpinseln, tat dies aber aus künstlerischen Gründen. Er suchte die Farben sorgfältig aus und setzte sie in Bezug zu seinem Werk. Bei dem Gemälde "Fischerboote am Strand von Etretat" erzielte er zum Beispiel einen flimmernden Effekt. Die braune Signatur des untersuchten Werks sticht dagegen aus der Farbgebung des Gemäldes heraus.

Die Analyse der Farbpigmente bringt eine Überraschung

Experten entnehmen dem Werk neun Pigmentproben und untersuchen sie. Dabei entdecken sie unter anderem Bleiweiß, Chromgelb, Zinnober und Chromdioxidgrün. Alles Farbmittel, die aus Monets Zeit stammen. Sie entdecken allerdings auch ein Eisenoxidrot, das bei bisher keinem Monet-Gemälde festgestellt wurde. Dafür fehlt eine Farbe, die Monet besonders mochte: Cobaltblau.

Nach alle diesen Indizien steht für die Wissenschaftler fest: Das Bild ist eine Fälschung.

Der falsche Monet wird zum Publikumsrenner

Das Wallraf-Richartz-Museum geht mit seinem falschen Monet sehr offen um. Es lässt ihn nicht im Keller verschwinden, sondern präsentiert das Gemälde in einer eigenen Ausstellung. Die dokumentiert, wie die Experten dem falschen Monet auf die Spur gekommen sind.
Der Beliebtheit des Werkes tut das keinen Abbruch. Seitdem das Werk als Fälschung enttarnt wurde, zieht es mehr Besucher an als zu den Zeiten, als es noch ein vermeintlich echter Monet war.

Und dann taucht plötzlich das Original-Gemälde auf

Kurz nach seiner Enttarnung taucht überraschend das Zwillingsbild bei einer Versteigerung des New Yorker Auktionshauses "Sotheby’s" auf. Erstaunlich ist, dass das Original – im Vergleich zur Fälschung – frischere und klarere Farben hat.

Doch dafür gibt es eine Erklärung. Der Fälscher hat - zu Monets Lebzeiten – das Werk offenbar von einem Foto kopiert. Dieses Foto wurde erstmals 1903 in einer britischen Kunstzeitschrift veröffentlicht. Die Foto-Qualität war damals noch nicht besonders gut. Das Foto hat einen Gelbstich – den der Fälscher für sein Werk kurzerhand übernahm.

Literatur

Iris Schaefer, Caroline von Saint-George, Katja Lewerentz
"Impressionismus – Wie das Licht auf die Leinwand kam"
Skira, Genève-Milano, Januar 2008
238 Seiten, 29,00 Euro

Der Katalog ist anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln, vom 29. Februar bis 22. Juni 2008 und im Palazzo Strozzi, Florenz, vom 11. Juli bis 28. September 2008, erschienen.

Autor: Michael Karhausen

Stand: 18.01.2013 15:59 Uhr

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