SENDETERMIN So, 11.04.10 | 17:03 Uhr

Wenn die Landschaft unter Beton verschwindet

Ein Satellitenbild von der Ostküste der USA bei Nacht zeigt deutlich die netzartige Ausbreitung menschlicher Siedlungen. Der stark wachsende Flächenverbrauch ist typisch für die westlichen Industrienationen. Im dicht besiedelten Deutschland wird es deshalb immer enger. Jeden Tag verschwinden 120 Hektar unter Asphalt und Beton – eine Fläche von 150 Fußballfeldern.

Forschung aus der Vogelperspektive

Drei eingefärbte Luftbildaufnahmen zeigen die Ausbreitung der Gemeinde Besigheim
So hat sich Besigheim (rot eingefärbt) ausgebreitet | Bild: SWR

Aus der Luft kann Geograf Rüdiger Glaser den Landschaftsverbrauch gut erkennen. Seine Arbeitsgruppe vom Institut für Physische Geografie der Uni-Freiburg, hat die Veränderungen der letzten 60 Jahre in der Region zwischen Stuttgart und Heilbronn dokumentiert. Die Gemeinde Besigheim zum Beispiel, ist typisch für den stark gestiegenen Flächenbedarf in diesem Zeitraum. Aus der Vogelperspektive erkennt man gut den historischen, kompakt gebauten Ortskern. Um das Zentrum herum entstanden in den 50er Jahren die Ausbaugebiete für Aussiedler. Daran anschließend die weiteren Ausbauphasen der 80er und 90er Jahre. "Ein sehr typisches Beispiel für die Siedlungsentwicklung, für die Dynamik, für den voran schreitenden Flächenverbrauch der bei allen Kommunen dieser Region und darüber hinaus zu beobachten ist", meint Prof. Glaser. Luftbilder zeigen das rasante Wachstum Besigheims seit 1945. Das liegt natürlich an der gestiegenen Einwohnerzahl, aber ganz wesentlich auch daran, dass sich der Flächenbedarf pro Einwohner bis heute fast verdreifacht hat.

Platz sparender bauen

Siedlung mit Einzelhäuser von oben
So viel Platz nehmen Einzelhäuser ein | Bild: SWR

Besonders der Traum vom eigenen Häuschen im Grünen verschlingt viel Raum. Aus der Vogelperspektive gut zu sehen am großen Platzbedarf mit Garten und Mindestabstand zum Nachbarn. Doch Landschaft ist eine wertvolle Ressource mit wichtigen Funktionen für Klima und Grundwasserneubildung. Nach Meinung von Rüdiger Glaser müssen wir deshalb Platz sparender bauen. Das kompakt gebaute "Vauban-Viertel" in Freiburg macht es vor. Die Reihenhäuser sind bunt, individuell gestaltet - nicht die üblichen Betonburgen. Ein Pilotprojekt für zukünftiges Wohnen. Allerdings ziemlich teuer und ohne Subventionen für viele unerschwinglich. Trotzdem ist das, so meint Rüdiger Glaser, die Richtung, in die es gehen muss. Das Besondere an diesem Stadtviertel ist, dass es nach den Prinzipien der Nachhaltigkeit erbaut wurde. Das heißt, es ist architektonisch ansprechend, individuell, aber auch sehr kompakt, flächensparend und sehr Energie sparend, weil die Häuser mit Solarpanels und integrierten Wassersystemen ausgestattet sind.

Ökologischer Fußabdruck

Schematische Darstellung des Flächenbedarfs aller Einwohner Berlins
Die Fläche des ökologischen Fußabdrucks der Einwohner Berlins | Bild: SWR

Flächensparendes Bauen ist ohne Alternative. Denn wie eng es bei uns wirklich zugeht, zeigt der "ökologische Fußabdruck". Das ist die Fläche, die ein Mensch insgesamt beansprucht: für Wohnraum, Mobilität, aber auch für die Herstellung von Energie, Nahrung und Kleidung und die Müllentsorgung. Etwa vier Hektar pro Einwohner sind es in Deutschland. Danach bräuchten allein die Einwohner Berlins eine Fläche mit 500 Kilometern Durchmesser – das Doppelte der ehemaligen DDR. Diese Fläche haben wir nicht, und das hat Konsequenzen. "Das bedeutet, dass wir über unsere Verhältnisse leben. Das bedeutet aber auch, dass wir andere Länder ausbeuten, dass wir auf Kosten anderer Länder leben, die einen sehr viel geringeren ökologischen Fußabdruck haben. Man kann es so interpretieren, dass wir ökologische Schulden aufbauen die nachfolgende Generationen für uns übernehmen müssen", so Rüdiger Glaser und ergänzt, dass wir hochgerechnet auf die Weltbevölkerung drei Erden bräuchten. Wir leben also auf viel zu "großem (ökologischen) Fuß"!

Zerschneidung der Landschaft

Autobahnkreuz
Autobahnkreuze zerschneiden die Landschaft | Bild: SWR

Der ausufernde Flächenverbrauch zieht auch eine immer größerer Zerschneidung der Landschaft durch Bahnstrecken und Straßen nach sich. Typisch dafür sind die Hochgeschwindigkeitstrassen der Bahn, die zusammenhängende Flächen zerteilen und damit ein Problem für alle Tiere mit großräumigen Wanderbewegungen sind.
Das gilt auch für neue Straßen, die ständig gebaut werden müssen, um abgelegene Neubaugebiete an die Haupt-Verkehrsadern anzuschließen. Für Tiere auf Wanderschaft wird das wachsende Straßennetz immer mehr zum gefährlichen Hindernislauf. Die Zerschneidung der Landschaft gilt als eine der Hauptursachen für den Artenrückgang. Die Auswertung von Satellitendaten macht das deutlich.
Man sieht darauf nur noch wenige kleine Parzellen die weitgehend unzerschnitten sind, hauptsächlich im Osten der Republik. Großräumige, naturnahe Landschaften sind bei uns selten geworden.

Adressen & Links

Ökologischer Fußabdruck – was ist das genau?
www.footprintnetwork.org

Bei Global Footprint Network können Sie Ihren persönlichen ökologischen Fußabdruck berechnen

Literatur

Stefan Dech, Rüdiger Glaser, Robert Meisner:
Globaler Wandel – Die Erde aus dem All
Frederking & Thaler, September 2008)

Spektakuläres Bild der Erde – gezeichnet von Satellitenbildern. Viele der Aufnahmen sehen aus wie Kunstwerke der Natur. Dahinter verbergen sich aber auch unbestechliche Daten, die Auskunft über den Zustand unseres Planeten geben und die Veränderungen, die der Mensch herbeigeführt hat: Abholzung des Regenwaldes, Ausbreitung der Wüsten, das stetige Wachstum der Mega-Cities, die Ausbeutung der Meere. Das Buch zeigt die Schönheit der Erde, mahnt aber zugleich zukunftsweisende Modelle an und zeigt Perspektiven, die den Raubbau eindämmen.

Autor: Harald Brenner (SWR)

Stand: 08.09.2015 12:45 Uhr

Sendetermin

So, 11.04.10 | 17:03 Uhr

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