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Die "lebende Kamera"

Stephen im Helikopter
Stephen, die "lebende Kamera" | Bild: colourFIELD

Der 36-jährige Stephen Wiltshire aus London ist ein ruhiger Mann mit einem sanften Lächeln und einer großen Leidenschaft fürs Zeichnen. Das Verblüffende: Beim Zeichnen verfügt Stephen über ein beinahe unfehlbares Gedächtnis. Er muss das Panorama einer Stadt nur einmal anschauen und kann jedes Detail exakt reproduzieren. Nicht umsonst ist sein Spitzname: "the living camera" - die lebende Kamera. Was steckt hinter dieser einmaligen Gedächtnisleistung?

Ein Stadtportrait aus dem Gedächtnis

Stephen sitzt vor einer noch fast leeren Leinwand und zeichnet Rom
Die ewige Stadt detailgetreu zeichnen - rein aus dem Gedächtnis | Bild: colourFIELD

Mit elf Jahren flog Stephen zum ersten Mal über seine Heimatstadt London. Und zeichnete danach ein exaktes Panoramabild der City – mit allen Straßen und Gebäuden. Aus dem Gedächtnis. Inzwischen hat er auch New York und Tokio aus der Luft gezeichnet.

Wir haben Stephen in Rom vor eine neue Prüfung gestellt: Er soll für uns zum ersten Mal in seinem Leben über die ewige Stadt fliegen. Und nach nur 45 Minuten Flugzeit ein fünf Meter breites Panoramabild des historischen Stadtkerns zeichnen – ohne einen einzigen weiteren Blick auf das Chaos der Stadt. Stephen hat dafür drei Tage Zeit. Drei Tage, in denen er sich jede Kuppel und jedes Fenster des historischen Zentrums ins Gedächtnis rufen und dann auf Papier bringen muss. 2.000 Jahre Geschichte machen Rom zu einer besonderen Herausforderung für die "lebende Kamera". Wird sich Stephen wirklich jeden Bogen des Kolosseums merken können? Jede Säule des Pantheon-Portals? Jede Gasse und jedes Fenster der römischen Paläste?

Die rätselhaften Savants

Kim Peek und Dustin Hoffman auf dem Set von "Rain Man"
Kim Peek war der "echte" Rain Man und Vorlage für den Hollywoodfilm | Bild: colourFIELD

Stephen ist einer von rund 100 Menschen weltweit mit geradezu übermenschlichen Fähigkeiten – sogenannten Inselbegabungen. Wissenschaftler nennen diese Ausnahmetalente Savants: die Wissenden. Mehr als die Hälfte aller Savants sind Autisten. Ihre Talente liegen auf ganz unterschiedlichen Gebieten. Sie können fünfstellige Zahlen im Kopf multiplizieren, 12.000 Bücher Seite für Seite auswendig lernen oder ganze Partituren nach einmaligem Hören am Klavier nachspielen. Sie können zu jedem Datum der Vergangenheit den Wochentag aus dem Ärmel schütteln – oder die exakten Wetterbedingungen des Tages. Sie sprechen ein Dutzend Sprachen – oder können wie Stephen nach einem kurzen Flug exakte Stadtpanoramen zeichnen. Alle Savants spulen ihre speziellen Begabungen so selbstverständlich ab, wie wir Rad fahren oder uns die Zähne putzen. Sie müssen sich nicht dafür anstrengen. Die Wunder gelingen ihnen wie im Schlaf.

Der Kinofilm "Rain Man" mit Dustin Hoffman hat Savants weltberühmt gemacht. Kim Peek, der echte "Rain Man", konnte bis zu seinem Tod im Jahr 2009 Tausende von Büchern auswendig – darunter ganze Lexikon-Bände. Nach einer einzigen Lektüre. Dem normalen Alltag aber war er nicht gewachsen. Kim musste Zeit seines Lebens von seinem Vater betreut werden. Er konnte sich morgens nicht allein anziehen. Und hätte auch den Weg in die Stadtbibliothek von Salt Lake City nie allein gefunden, obwohl er fast jeden Tag da war – auf der Suche nach neuem Lesefutter für sein unendliches Gedächtnis.

Die ersten Worte: Stift und Papier

Stephen und Schwester Annette
Stephens Schwester Annette begleitet ihn ständig | Bild: colourFIELD

Auch bei Stephen haben Ärzte schon im Alter von drei Jahren Autismus diagnostiziert. Bis zu seinem fünften Lebensjahr sprach er kein Wort. Und die ersten Worte, die er herausbrachte, waren nicht "Mama" oder "Papa", sondern "Stift" und "Papier". Als Klein-Stephen zu zeichnen anfing, war er Schüler auf einer Sonderschule für geistig zurückgebliebene Kinder im Londoner Stadtteil Fulham. Die Jurymitglieder von Zeichenwettbewerben, die Stephen damals regelmäßig gewann, wollten lange nicht glauben, dass die Bilder tatsächlich von einem Kind gezeichnet waren. Denn Stephen hat von Anfang an perspektivisch korrekt gezeichnet. Heute hat der Zeichen-Star unter den Savants einen Galeristen. Stephens Bilder werden in der ganzen Welt ausgestellt. Und er wird auf der Straße erkannt.

Doch seine genialen Fähigkeiten sind, wie bei fast allen Savants, auf enge Felder begrenzt. Viel redet Stephen immer noch nicht, aber er ist offen und freundlich. Manche Wissenschaftler befürchten sogar, dass er sein magisches Talent als "lebende Kamera" verlieren könnte, je besser seine sozialen Fähigkeiten werden. Bei anderen Savants ist das bereits geschehen: Je besser sie sich im normalen Alltag zurechtfinden, desto mehr schwinden die verblüffenden Inselbegabungen. Doch noch braucht Stephen in vielen Dingen, die für uns selbstverständlich sind, Hilfe. Erst recht, wenn er sich außerhalb vertrauter Zonen bewegt. Wenn er reist, ist seine Schwester Annette immer bei ihm. Auch in Rom.

Exakt bis auf den letzten Säulenbogen

Links: Foto vom Petersdom, rechts die Zeichnung
Perfekt bis aufs Detail: der Petersdom | Bild: colourFIELD

Nach drei Tagen Zeichenmarathon hat Stephen das fünf Meter breite Panoramabild der ewigen Stadt vollendet. Aber wie genau war sein Erinnerungsvermögen? Eine Überprüfung des Bildes kann Stephens Spitznamen nur bestätigen: Selbst eins der kompliziertesten Gebäude, das Kolosseum, zeichnet Stephen exakt bis auf den letzten Säulenbogen.

Steckt in jedem von uns ein Savant?

Stephen vor der fertigen Panoramazeichnung von Rom
Sind wir alle potenzielle Savants? | Bild: colourFIELD

Was genau Stephen zur lebenden Kamera macht, ist unklar. Experten glauben, dass Savants ungefilterten Zugang zu bestimmten Gedächtnisbereichen haben. Sie speichern alle Informationen und Sinneseindrücke und können sie automatisch abrufen, ähnlich wie wir unser Wissen über das Radfahren. Wir dagegen vergessen den Großteil der täglichen Datenflut – aus gutem Grund. Denn nur so kann man sich auf das Wesentliche konzentrieren und sich in der Umwelt zurechtfinden. Doch Dr. Darold Treffert, seit den 60er Jahren einer der größten Experten für Savants weltweit, ist überzeugt: "Savants gewähren uns einen Einblick in die erstaunlichen Fähigkeiten des menschlichen Gehirns. Wenn sie sich unendlich viel merken können, gibt es dieses Potential auch in jedem von uns? Solange wir das Savant-Syndrom nicht verstehen, werden wir niemals verstehen, wie unser Gehirn funktioniert."

Autorin: Francesca D´Amicis (WDR)

Stand: 30.10.2015 14:14 Uhr

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