SENDETERMIN So, 27.11.11 | 17:03 Uhr

Gefährliche Ginkgo-Tees

Ginkgo-Tees als vermeintliche Konzentrationsstärker

Blatt vom Ginkgo-Baum
Gingkoblätter werden zu Tee verarbeitet. | Bild: HR

Stress, Hektik, Dauerbelastung - Alltag heute in vielen Büros. Es bleibt kaum Luft durchzuatmen. Und dann lässt nachmittags auch noch die Konzentration nach. Mancher greift da gerne mal zu einer Tasse Tee - Ginkgo-Tee. Der soll Gedächtnis und Konzentration wieder stärken, so zumindest die Werbeversprechen. Und das Geschäft boomt - nicht nur in Apotheken, auch in Reformhäusern und im Supermarkt kann man sich mit "Gedächtnistees" versorgen.

Aber ganz ohne sind die Ginkgo-Tees nicht - auch wenn sie noch so blumige Namen tragen wie "Quelle der Energie", "Japanischer Tempelbaum" oder "klarer Geist".

Gesundheitliche Gefahren durch Ginkgolsäure?

Verschiedene Ginkgo-Tee-Verpackungen
Verschiedene Marken bieten Ginkgo-Tees an. | Bild: HR

Gewonnen werden solche Tees überwiegend oder sogar ganz aus den Blättern des Ginkgobaums - wie auch bei arzneimedizinischen Produkten wie etwa Ginkgo-Tabletten. Die Hersteller müssen sich in letzterem Fall verpflichten, die in den Blättern enthaltene Ginkgolsäure "bis zum technisch Machbaren" aus dem Naturextrakt herauszufiltern. Denn Gingkolsäure steht im Verdacht, die Gesundheit zu gefährden.

Keine Vorschriften gibt es dagegen für die Ginkgo-Tees. Einige Experten warnen deshalb vor dem Konsum solcher Produkte. Doch wie viel Ginkgolsäure steckt in den Tees? Dazu soll eine labormedizinische Gemeinschaftspraxis für uns insgesamt sieben Gingko-Teefertigmischungen auf ihren Säuregehalt untersuchen. Grundlage für die Untersuchung ist das Deutsche Arzneibuch, in dem Grenzwerte für Gingkolsäuren in Arzneimitteln festgelegt sind: Bei fünf ppm (parts per million) sollte eigentlich Schluss sein - das entspricht einer Einnahme von maximal 1,2 Mikrogramm pro Tag.

900-fach über dem Grenzwert

Mann sitzt an Labortisch
Der Gingkolsäure-Gehalt wird in einem Labor untersucht. | Bild: HR

Die Ergebnisse unserer Untersuchung sind erschreckend, sagt Dr. Hans-Otto Frey von der labormedizinischen Gemeinschaftspraxis synlab in Leinfelden: "Zum Beispiel hat die japanische Tempelbaumkräuter-Teemischung eine Konzentration von über dem 900-fachen des erlaubten Grenzwertes. Alle anderen Teemischungen haben aber auch Konzentrationen an Ginkgolssäure, die etwa um das 100- bis 200-fache höher liegen als der in dem Arzneibuch angegebene Grenzwert." Damit bestätigt die Untersuchung Testergebnisse des Zentrallabors Deutscher Apotheker. Dort wurden schon vor drei Jahren ähnlich hohe Werte in den Tees festgestellt. Allerdings wurde bei den Tests im Labor der Tee auch mit Methanol und nicht - wie bei der normalen Zubereitung eines Tees - mit Wasser aufgegossen.

Toxische Wirkung der Gingkolsäure

Tasse mit Tee
Ginkgo-Tees können schwere Allergien und Magenschleimhautenzündungen hervorrufen. | Bild: HR

Welche Folgen kann der Konsum von zu viel Ginkgolsäure für den Menschen haben? Und vor allem: Lösen sich die Säuren auch in Wasser? Schließlich gießen wir Tee ja nicht mit Methanol auf wie im Laborversuch. Danach fragen wir Rüdiger Hillmann von der Giftinformationszentrale Hessen-Rheinland-Pfalz. Wie beurteilt der Toxikologe die gemessenen Werte? Er warnt: "Man muss davon ausgehen, dass die Ginkgolsäure eher schlecht wasserlöslich ist. Das heißt, in den Tees wird sicherlich nicht die ganze Ginkgolsäure, die gemessen wurde, enthalten sein. Aber trotzdem: Bei diesen massiv hohen Werten, die wir hier sehen, muss man davon ausgehen, dass doch toxische Mengen im Tee vorhanden sind."

Riskant sind diese Mengen Gingkolsäure in den Tees vor allem, wenn man sie auf Dauer und in hohen Mengen aufnimmt, erläutert Rüdiger Hillmann: "Die Ginkgolsäuren bewirken schwere Allergien, das ist das eine. Und zum anderen können sie schwere Magenschleimhautentzündungen hervorrufen. Wenn ich ständig meinem Magen mit Säuren befeure, dann wird er sich irgendwann schwer entzünden. Das gleiche gilt auch für die Niere."

Ginkgo-Tees bleiben auf dem Markt

Frau trinkt Tee
Besser für die Konzentration als Ginkgo-Tee: Raus an die Luft! | Bild: HR

Die Wirtschaftsvereinigung der Tee-Hersteller war auf Anfrage dennoch der Meinung, dass es keinen Grund gebe, die Produkte aus den Regalen zu räumen: "Ginkgo wird seit langem als Lebensmittelzutat verwendet", so ihr Statement. "Eine umfassende Bewertung der wissenschaftlichen Erkenntnisse - einschließlich der aufgezeigten Punkte - gibt keinen Anlass, die Produkte aus dem Markt zu nehmen."

Wer Konzentration und Denkvermögen steigern möchte, kann das auch anders tun: Mit regelmäßigen Pausen und einem Spaziergang an der frischen Luft. Das wirkt nachweislich, birgt keine Risiken - und ist zum Nulltarif zu haben!

Autor: Dirk Kunze (HR)

Stand: 03.11.2015 14:42 Uhr

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So, 27.11.11 | 17:03 Uhr