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Handelsrouten in der Steinzeit

Ötzi
Die Gletschermumie Ötzi ist ein Sensationsfund. | Bild: BR

Es war eine archäologische Sensation, als am 19. September 1991 die Mumie eines Mannes im schmelzenden Eis des hinteren Ötztals entdeckt wurde. Anfangs glaubte man noch, einem Verbrechen aus jüngster Vergangenheit auf der Spur zu sein. Doch schnell stellte sich heraus: Der Mann aus dem Eis ist 5.300 Jahre alt.

Ötzi, wie die Gletschermumie von den Medien damals getauft wurde, starb in der Jungsteinzeit. Sein Leben endete - unter bis heute nicht völlig geklärten Umständen - auf 3.200 Metern im Hochgebirge.

Ötzi - nicht der einzige, der hoch hinaus wollte

Ein in Fellen gekleideter Mann steht auf einem Gebirgsgrad
Was trieb Steinzeitmenschen ins Hochgebirge? | Bild: BR

Ötzi warf viele Fragen auf. Er wurde zu einem einmaligen interdisziplinären Forschungsprojekt, das bis heute andauert. Aber alleine der Fundort der Gletschermumie machte schon früh eines deutlich: Ötzi war bestimmt nicht der erste und nicht der einzige, der in der Steinzeit durchs Hochgebirge streifte. Wahrscheinlich waren es die Menschen von damals gewohnt, in den Hochlagen unterwegs zu sein. Und wenn dem so ist, hatten sie dort vermutlich auch Stützpunkte wie Lager- oder Wohnstätten. Irgendwo im Hochgebirge müssen sich also noch Spuren dieser frühgeschichtlichen Siedlungen befinden.

Archäologen der Universität Innsbruck machten sich bald nach dem Fund von Ötzi auf die Suche nach diesen Spuren. Früh entdeckte Professor Walter Leitner Lagerstätten im Ötztal. Zum Beispiel bei Vent, am sogenannten Hohlen Stein, befand sich eine Lagerstätte, die Ötzi und seine Zeitgenossen benutzt haben. Seitdem stoßen die Forscher auf immer mehr Zeugnisse der Siedlungsgeschichte in den Bergen.

Schutz auf dem Krahnsattel

Der Hexenfels auf dem Krahnsattel
Der Hexenfels auf dem Krahnsattel. | Bild: BR

Im Tiroler Rofangebirge über dem Achensee werden die Archäologen auf der Suche nach Spuren von Lagerstätten wieder fündig. Mittlerweile wissen sie auch genau, wo sie suchen müssen. Die Jäger und Sammler der Steinzeit waren im Hochgebirge auf natürlichen Schutz angewiesen. Den fanden sie zum Beispiel unter überhängenden Felsen. Am Krahnsattel, auf 2.000 Meter Höhe im Rofangebirge, liegen viele solcher Felsen. Ein Bergsturz hat sie einst über die Hochebene verteilt. Das größte natürliche Dach bietet dabei der "Hexenfels".

Schon die erste Grabung zeigt: Der Hexenfels ist ein Volltreffer! Denn über die Jahrtausende ist dieser Platz immer wieder von den verschiedensten Kulturen besiedelt worden. "Die Siedlungskontinuität am Krahnsattel ist wirklich einzigartig", erklärt Walter Leitner. "Bei unseren Grabungen haben wir verschiedenste Kulturschichten entdeckt, die von der Mittelsteinzeit - also vom sechsten Jahrtausend vor Christus - über die Jungsteinzeit, das Zeitalter des Ötzi, über die Bronze- und Eisenzeit bis in die Neuzeit reichen." Bei jeder weiteren Grabung bestätigt sich die reiche Vergangenheit auf dem Krahnsattel und damit die Einzigartigkeit des Fundortes.

Spuren aus der Vergangenheit

Eine Wissenschaftlerin bei den Grabungen
Die Wissenschaftler werden fündig. | Bild: BR

In den oberen Schichten kommen mehr und mehr Keramikfragmente aus der Hallstattzeit - der frühen Eisenzeit - zum Vorschein. Auch verschiedene Feuerstellen tauchen auf. Gleichzeitig stoßen die Forscher immer wieder auf Knochen von Schafen und Ziegen - 2.500 Jahre alte Zeugen eisenzeitlicher Vieh- und Almwirtschaft. Aus einzelnen Knochen schnitzten die Hirten sogar Schmuck. Und dann entdecken die Archäologen auch Relikte aus der Bronzezeit: Einzelne Keramik-Fragmente zum Beispiel - und insgesamt drei Bronze-Nadeln. Zum ersten Mal gelingt den Innsbrucker Forschern damit der Nachweis für eine bronzezeitliche Siedlung in den Tiroler Alpen.

Roter Feuerstein - heiß begehrt!

Ein Fundstück aus rötlichem Feuerstein
Ein Fundstück aus dem "typischen" rötlichen Feuerstein.

Doch den wahren archäologischen Schatz entdecken die Forscher in tieferen Erdschichten. Hier stoßen sie auf eine Fülle von fertigen Werkzeugen steinzeitlicher Jäger und Sammler, darunter verschiedenartige Pfeilspitzen, scharfe Klingen und viele andere Werkzeuge, wie Schaber, Bohrer und Schleifsteine.

Eines ist jedoch seltsam an diesen Funden: Normalerweise finden die Archäologen an solchen Plätzen Steinwerkzeuge und -fragmente verschiedenster Herkunft. Die unterschiedlichen Materialien sind meist durch Tauschgeschäfte weit gereist. Aber unter dem Hexenfels sind fast alle Funde aus einem bestimmten rötlichen Feuerstein, einem Radiolarit. Aus früheren Beschreibungen des Rofangebirges wissen die Forscher, dass dieser Feuerstein nur im Rofan vorkommt.

Nicht weit vom Hexenfels entfernt, an der "Gruberlacke", entdecken die Archäologen die Quelle des Materials. Hier löst die Verwitterung einzelne Radiolarit-Brocken, sogenannte Knollen, aus den Felsen. Das Material ist einzigartig: Es ist hart, aber zugleich elastisch. Und es lässt sich sehr fein bearbeiten. Ein wahrscheinlich äußerst begehrter Rohstoff im steinzeitlichen Tirol. Alle Erkenntnisse zusammen legen eines nahe: "Die mittelsteinzeitlichen Jäger und auch die jungsteinzeitlichen Hirten und die Menschen der Bronzezeit sind hier herauf gekommen, um Feuerstein zu brechen", sagt Walter Leitner. "Wahrscheinlich war diese Gegend lange Zeit die zentrale Versorgungsstelle für die frühzeitlichen Menschen im gesamten Unteren Inntal."

Das Sommerquartier im Rofangebirge

Die Feuerstelle mit Steinplatten
Die Feuerstelle zeugt von längeren Aufenthalten. | Bild: BR

Und dann entdecken die Archäologen noch eine kleine Sensation: eine Feuerstelle, die mit Steinplatten unterlegt ist. Sie wurde eindeutig für einen langen Aufenthalt präpariert. Ein Fund, der nur eines bedeuten kann: Die Menschen haben hier unter dem Hexenfels also nicht nur kurz gerastet, sondern sie haben sehr wahrscheinlich in den Sommermonaten hier gelebt. Der Lagerplatz ist schließlich strategisch äußerst gut gelegen. Von hier aus konnten die Menschen ausgedehnte Jagdzüge innerhalb des Rofangebietes unternehmen. Sie konnten sich in der Zeit, in der sie hier oben waren, mit Fleisch, mit Fellen und vor allem auch mit Radiolarit versorgen, also Vorräte sammeln. Und im Herbst sind sie wieder in die Tallagen abgestiegen, um dort unten den Winter zu verbringen, so die Einschätzung der Archäologen.

Ötzis Nachfolger: der Rofan-Mann?

Die Funde der Innsbrucker Forscher zeugen von einer Siedlungsgeschichte im Hochgebirge, die in ihrem Ausmaß bislang weitgehend unbekannt war. Die Archäologen glauben sogar, dass sie unter den anderen überhängenden Felsblöcken am Krahnsattel weitere Siedlungsplätze entdecken werden. Wahrscheinlich ging es hier in vorgeschichtlichen Sommern zu wie in einem kleinen Dorf. Und wer weiß: Vielleicht finden die Forscher hier irgendwann ähnliche Zeugen wie den Ötzi. Vielleicht finden sie eines Tages auch den Rofan-Mann am Krahnsattel.

Autor: Herbert Hackl (BR)

Stand: 10.11.2015 14:21 Uhr

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