SENDETERMIN Sa, 16.11.19 | 23:35 Uhr | Das Erste

Schatz aus der Vergangenheit

gesprochen von Christian Rommert (ev.)

PlayChristian Rommert
Christian Rommert: Schatz aus der Vergangenheit  | Bild: WDR

Meine gesamte Kindheit lang gab es nur eine Richtung auf der Autobahn. Richtung Osten. Kein Wunder, ich bin in Eisenach groß geworden. Sechs Kilometer von der Grenze zum Westen entfernt. Und dahin - in Richtung Westen - durften wir einfach nicht! Zu gefährlich. Wahr-scheinlich tödlich. Auf jeden Fall: Sehr große Schwierigkeiten! Bis zu dem Tag, an dem ich hier in mein Tagebuch geschrieben habe: 9. November ´89: "An-geblich soll man reisen können." 30 Jahre Mauerfall!

Vor einer Woche wurde das überall gefeiert. Unter Freunden haben wir in den letzten Tagen viel darüber gesprochen. Und dabei fiel es mir wieder ein: habe ich nicht Tagebücher aus der Zeit? Im Keller? In einer Kiste? Und dann die Überraschung: sie waren tatsächlich noch da! Hier - das ist das Tagebuch, dass ich im November 1989 geschrieben ha-be. Ich war damals 15. Teenager. Und ich habe da ganz normale Teenagersachen reingeschrieben: "Warum schreibt sie mir nicht?" "Heute war es schrecklich in der Schule!" So etwas... Und dann: 10. November: "14.40 Uhr Auffahrt BRD – wir fahren nach Westen!" Und: 16.33 Uhr: "Zwei Übergänge passiert! Zollkontrolle" "Gleich bin ich im Westen!" Ich erinnere mich: Wir weinten. Wir lachten. Wir träumten.

All das erschien mir damals wie ein riesiges Wunder: die Grenzen waren auf. "Gott sei Dank", schrieb ich in mein Tagebuch und meinte das genau so. Gott sei Dank! Dafür habe ich gebetet. Darauf habe ich gehofft! Dass ich irgendwann keine Angst mehr haben muss, weil ich Christ bin. Dass ich mich nicht mehr entscheiden muss: anpassen und lügen - oder ehrlich bleiben, nicht in die FDJ gehen und dann nicht studieren dürfen. Gott sei Dank! Das ist vorbei! Am 10. November 1989 war ich mit meiner Familie das erste Mal im Westen. Und irgendwann am Abend schrieb ich in mein Tagebuch: "Waren im Aldi in Eschwege!" Ich war 15 und das war das größte Wunder meines bisherigen Lebens! Und heute? 30 Jahre danach? "Waren im Supermarkt in Eschwege!" – das ist keinen Eintrag mehr wert im Tagebuch, das ist Alltag.

In meinem Tagebuch heute - eher Irritationen... An welcher Stelle haben wir verlernt? Verlernt, dieses Wunder zu bestaunen, das wir damals da gemeinsam erlebt haben ... und wann haben wir verlernt, für dieses riesige Geschenk dankbar zu sein? Als ich in meinem Tagebuch blätterte, da war sie wieder da, die Energie von damals. Diese Gefühle. Dieses Glück. Mein Tagebuch von damals erinnert mich daran: Das, was ge-schehen ist, das war ein Wunder. Es war ein Geschenk Gottes. Das glaube ich. Und solche Geschenke gibt es nicht ständig. Wunder sind selten. Wunder sind kostbar. Wahrscheinlich erlebe ich so etwas sogar nur ein einziges Mal in meinem Leben. Deshalb darf ich solch ein Geschenk nicht wegwerfen! Auch nicht irgendwo als Erinnerung verstauen und ausstellen! Sondern: einsetzen. Regelmäßig gebrauchen. Ich habe das in den vergangenen Tagen erlebt. Ganz klein. In meinem Freundeskreis.

Ich habe anderen von meinem wiederentdeckten Tagebuch erzählt. Und davon, wie das damals war für mich. Und dann haben mir meine Freunde ihre Geschichten erzählt und wie das war für sie. Und während wir uns voneinander erzählten, wurde klar, wie wunderbar, wie wertvoll, das für uns ist, was wir hier – heute - gemeinsam haben. Und am Abend? Da habe ich mein aktuelles Tagebuch aufgeschlagen. "Fühle mich beschenkt.", habe ich eingetragen. "30 Jahre Mauerfall! Gott, sei Dank! Auch wenn noch nicht alles perfekt ist."

Sendetermin

Sa, 16.11.19 | 23:35 Uhr
Das Erste

Produktion

Westdeutscher Rundfunk
für
DasErste