Picco von Groote ist Hansi Burg

Nach sieben Jahren im Londoner Exil: Hansi Burg vor der Villa von Hans Albers am Starnberger See.
Nach sieben Jahren im Londoner Exil: Hansi Burg vor der Villa von Hans Albers am Starnberger See. | Bild: NDR/Zeitsprung Pictures / Michael Ihle

Nahezu jeder kennt Hans Albers, beinahe niemand kennt Hansi Burg. Wie spielt man eine Frau, über die so gut wie nichts bekannt ist, die aber eine so große Bedeutung für Hans Albers hatte?

Auf der einen Seite gibt es einem viel Freiheit, auf der anderen Seite natürlich eine enorme Unsicherheit. Aber zum Glück gibt es eine Reihe von Briefen von Hansi Burg an Hans Albers. Aus diesen Briefen lässt sich ihre Haltung, ihre Gemütslage während der Phase der Trennung, während des Londoner Exils recht genau rekonstruieren. Spannend wird es, als sie sich entscheidet, zu ihm zurückzukehren. Hier liegt für mich das große Wagnis, aber eben auch eine der zentralen Stärken des Films: bekannt ist, was Hansi vor ihrer Rückkehr durchlebte und durchlitt. Bekannt ist, dass sie bei ihm blieb. Bekannt ist auch, dass sie eine selbstbewusste, willensstarke Frau war. Es war ihre Entscheidung, nach Deutschland zurückzukehren. Es war ihre Entscheidung, bei Hans Albers zu bleiben – obwohl er ja tatsächlich zwischenzeitlich mit einer anderen Frau zusammenlebte.

Die Leerstellen zwischen den Überlieferungen, den belegten Anekdoten und der schlichten Tatsache, dass sie am Ende bleibt, zu füllen, war schauspielerisch die Herausforderung.

Sie erwähnten es bereits: Hans Albers lebte in seiner Villa mit seiner Geliebten zusammen. Er schien Hansi Burg also nicht so sehr zu vermissen, wie sie ihn. Ist das Verhalten von Hansi Burg nicht zu unterwürfig? Wäre es für Sie vorstellbar, genauso zu handeln, wie es Hansi Burg getan hat?

Naja, ich möchte das gar nicht ausschließen, weil es einerseits wahnsinnig romantisch ist, andererseits auch eine große Stärke bedeutet. Ich bin mir sicher, dass die Verbindung zwischen Hans und Hansi gleichermaßen stark gewesen ist. Und Hansi sich darüber im Klaren war, dass es nach Außen bestimmt anders wirkt. Als unterwürfig würde ich sie überhaupt nicht bezeichnen. Nur gehen sie eben mit ihrer Sehnsucht anders um. Für Hansi kommt kein anderer Mann in Frage. Für Hans ist die Sehnsucht ebenso groß, aber er kann eben nicht alleine sein. "Das kann doch bestimmt auch Hansi nicht gewollt haben" wird er sich gedacht haben…

Abgesehen davon…

Man muss die Besonderheit der Situation betrachten. Hansi Burg war die große Liebe von Hans Albers gewesen, bevor sie 1938 nach London floh. Und es war ja nicht nur eine ro - mantische Liebe, sondern eine geradezu symbiotische Beziehung. Sie war sein Kraftfeld, sein Ruhepol. Und er war ihre Lebensaufgabe, nachdem sie mit der Schauspielerei aufgehört hatte und ihn managte. Ich glaube, dass sie herausfinden musste, wieso Hans damals so gehandelt hat, ihr so viel zugemutet hat, nicht offensiv in den Widerstand gegangen ist. Sie musste es verstehen! Und ich trau ihr so viel Stärke zu, dass sie ihn nach der Klärung all dieser Punkte auch verlassen hätte, wenn es für sie nicht denkbar gewesen wäre zu bleiben. Außerdem war Hansi nach dem Krieg allein. Ihre Eltern waren tot. Hätten diese noch gelebt – wer weiß, was passiert wäre.

Ihre Rückkehr geschah also nicht nur aus Liebe, sondern auch aus Einsamkeit?

Das glaube ich nicht. Sie hatte sich in London etwas aufgebaut. Freunde dort gefunden und wieder gefunden. Vielleicht eine Mischung aus verschiedenen Sehnsüchten, nach Hans, nach dem Leben vor dem Krieg (mittlerweile war sie ja auch morphiumsüchtig ) und das Bedürfnis nach Klärung. Aber man darf nie vergessen: es war ihre Entscheidung. Das ist ja der Ausgangspunkt der Überlegungen, die zu diesem Film geführt haben: was muss in der Zeit zwischen ihrem Eintreffen in der Albers-Villa und ihrer Entscheidung, dort zu bleiben, geschehen sein. Sicherlich kein trautes Händchen halten. Dafür war zu viel geschehen und dafür war Hansi Burg zu selbstbewusst und streitbar. Ein Akt der Unterwerfung war es also mit Sicherheit nicht.

Hansi Burg wirkt zu Beginn des Films ziemlich hart, als sie die Albers-Geliebte kurzerhand aus dem Haus wirft...

...eine kontrovers diskutierte Szene. Aber eine sehr ehrliche. Denn die Geliebte von Hans Albers wusste von der Existenz Hansi Burgs. Und Hansi Burg kannte ihren Hans gut genug, um mit dieser unliebsamen Überraschung umzugehen. Und wir zeigen ja auch, dass beide Frauen einander mit Respekt behandeln. Auf diese Weise erzählt die Szene sehr viel über den Charakter von Hans Albers.

Es gibt auch eine Liebesszene mit Ihnen und Ken Duken.

Ja, und zwar ziemlich schnell. Ich könnte mir vorstellen, dass sie sich vorgenommen hatte, dass ihr das nicht passiert. Bis zu dem Zeitpunkt verläuft das Wiedersehen zwar etwas holperig, aber im Großen und Ganzen so, wie sich Hans Albers das vorstellt: die Anziehung wächst, die Erregung auch – und bricht sich schließlich Bahn. Der Mann denkt: Sex = Versöhnung. Also: alles wieder gut. Aber für Hansi beginnt hier und jetzt die Aufarbeitung der Trennung und all dessen, was in den vergangenen Jahren geschehen ist. Aus dem Sex entwickelt sich für Hans Albers ein ziemlich anstrengender Abend und eine sehr lange Nacht. Denn wenn Hansi erstmal anfängt, den Dingen auf den Grund zu gehen, hört sie so schnell nicht wieder auf – wenn ihr die Sache wichtig ist. Und Hans Albers ist ihr wichtig. Das ist der wunderbare psychologische Kniff dieses Films: ein gnadenloser Seelenstrip – aus Liebe. Für Männer vielleicht schwer nachzuvollziehen.

Ein Frauenfilm also?

Gar nicht! Ein mutiger Film über ein Thema, das uns allen auf den Nägeln brennen sollte: Haltung! Wir Deutschen sitzen doch seit über einem halben Jahrhundert warm und trocken in einem Land, dem es wirtschaftlich hervorragend geht, wir nehmen Freiheit, Demokratie und Wohlfahrtsstaat als Selbstverständlichkeit und lassen zu, dass populistische und politisch radikale Kräfte unsere Freiheit und unser System verhöhnen, verachten und zu zerstören versuchen. Wir müssen dringend raus aus unserer Komfortzone und uns jeden Tag, zu jeder Zeit und an jedem Ort fragen, ob wir das Richtige tun. Wenn ein fremd aussehender Mensch im Bus oder auf der Straße angepöbelt wird. Wenn Frauen bedrängt oder belästigt werden, wenn anitsemitische Äußerungen gemacht werden und und und... Wer heute kneift, wird später bereuen. Das ist die Kernaussage des Films.

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