Interview mit Maria Furtwängler

Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler)
Maria Furtwängler in ihrer Rolle als Charlotte Lindholm. | Bild: NDR / Christine Schroeder

Zur Rolle

Charlotte Lindholm ist angeschlagen. Nach einem privaten und beruflichen Desaster muss sie das Landeskriminalamt verlassen. Zwar läuft ihr Widerspruchsverfahren und sie hofft, dass der Abschied nur vorübergehend ist, aber jetzt heißt es erst einmal neu anfangen: in Göttingen. Neue Kollegen, neue Vorgesetzte: eine echte Herausforderung für eine Ermittlerin, die sehr von den eigenen und weniger von den Fähigkeiten der anderen überzeugt ist. Pech, wenn man dann den Schreibtisch mit einer ähnlich selbstbewussten Kollegin teilt. Auch der Fall geht der alleinerziehenden Mutter nahe, die ihren heftig pubertierenden Sohn in der Obhut ihrer Mutter in Hannover zurücklassen muss. Lindholm hat es mit einer verschwundenen 15-Jährigen zu tun, die vermutlich ein Kind entbunden hat. Aber keiner scheint etwas von einer Schwangerschaft bemerkt zu haben, nicht einmal die eigene Familie. Wer ist der Vater des Kindes? Und lebt es noch? Zwischen Mitgefühl und Rückschlägen für ihr Ego führt Lindholm einen Kampf gegen die Zeit – und ein bisschen gegen die neue Kollegin.

»Die Kraft der Bilder, die wir produzieren, ist enorm, und dadurch haben wir auch eine große Verantwortung«

Gespräch mit Maria Furtwängler

Sie haben oft bemängelt, dass im Fernsehen ein normiertes Frauenbild transportiert wird. Nun haben Sie eine toughe, dunkelhäutige Ermittlerin an Ihrer Seite. Ist das eine längst überfällige Entscheidung?

Auf jeden Fall. Jede Form größerer Diversität im Fernsehen ist gut, egal ob es nun das Alter, Aussehen oder die Hautfarbe betrifft, und das wird auch dem Rundfunkauftrag gerecht. Filme sollen ein Abbild unserer Gesellschaft sein und nicht immer nur einen kleinen Ausschnitt zeigen. Abgesehen davor war es auch auf der rein menschlichen Ebene ein Gewinn, Florence kennenzulernen. Sie ist eine sehr ernsthafte, sehr genaue und professionelle Kollegin, die aus einer ganz anderen Ecke kommt. Das war befruchtend und spannend.

Charlotte Lindholm ist bekannt für ihre Alleingänge. Wie kommt sie denn mit der neuen Kollegin klar?

Das ist tatsächlich nicht einfach. Charlotte hat sich immer schon als nicht sehr teamfähig dargestellt. Sie ist eine Einzelgängerin, und in diesem "Tatort" kommt ihre damit verbundene Überheblichkeit so richtig zutage. Diese Seite zu spielen hat mir beim Drehen auch sehr viel Spaß gemacht. Eigentlich ist sie strafversetzt worden, ihr Königreich ist ihr abhanden gekommen, und jetzt bleibt nur noch diese gewisse Arroganz übrig. Sie zeigt der neuen Kommissarin Anaïs Schmitz deutlich, ich bin Euch überlegen und auch bald wieder weg. Das lässt die natürlich nicht mit sich machen. Deshalb ist die Landung in der Realität ziemlich ungemütlich für Charlotte. Ich denke, das Problem ist, dass wir beide absolute Alpha-Geschöpfe sind und gewohnt, den Ton anzugeben. Da ist das Drama, die Kompetition, vorprogrammiert. Ohne Reibungen wird das nicht gehen.

Die erste Begegnung zwischen den beiden verläuft ja nicht gerade glücklich.

Das stimmt. Ich mag den Moment sehr gerne. Natürlich bedient er erst einmal ein Klischee. Aber das ist genau das, was mich in meiner Arbeit antreibt, wenn ich Frauenbilder und Männerbilder im Fernsehen und Kino untersuche und was ich auch im eigenen Leben ständig erlebe. Wir unterliegen permanent unbewussten Vorurteilen und treffen Vorannahmen. Und das ist eine ganz klassische Vorannahme, die davon ausgeht, klar, du bist schwarz, du bist eine Putzfrau. Das darf man zwar nie sagen, aber diese Bilder sind tief in uns verwurzelt. Und deshalb ist es so wichtig, diese schwarze Kommissarin zu erzählen und sie eben so oft zu erzählen, bis wir nicht mehr automatisch davon ausgehen, dass die Schwarze in dem Kittel die Putzfrau ist oder Drogen verkauft und kein Deutsch spricht. Das klingt sehr plakativ, beschreibt aber leider die Wirklichkeit. Die Kraft der Bilder, die wir produzieren, ist enorm, und dadurch haben wir auch eine große Verantwortung. Wir können neue Möglichkeitsräume eröffnen und wir müssen das auch.

Was hat Sie an dem Fall der jungen Julija interessiert?

Für mich waren an diesem Fall die unterschiedlichen Bilder von Mutterschaft reizvoll. Anaïs Schmitz, die furchtbar gerne Mutter wäre, hat eine idealisierte Vorstellung von Mutterschaft. Vielleicht ein bisschen so wie: Wenn ich ein Kind hätte, würde ich nie wieder in meinem Leben unglücklich sein. Dann haben wir mit Charlotte eine nicht ideale, aber doch gelebte, moderne Single-Mutter-Variante. Beide Kommissarinnen treffen auf Julija, die diese Mutterrolle überhaupt nicht angehen will und so überfordert ist, dass sie die Schwangerschaft verleugnet und eine dramatische Entscheidung trifft. Durch ihre Vorgeschichte sind Charlotte und Anaïs auf unterschiedliche Weise von dem Fall berührt, und das beeinflusst auch die Art, wie sie ermitteln. Diese Spannbreite, die der Film auffächert von der idealisierten Mutterschaft bis zur Mutter, die nicht Mutter sein will, finde ich spannend, auch, weil es kaum ein Land gibt, in dem ein so überhöhtes Mutterideal vorherrscht wie in Deutschland.

Wie geht es weiter mit den beiden Kommissarinnen?

Ich finde, diese Konkurrenz und dieses sich-eigentlich-nicht-grün-sein ist erzählerisch reizvoll. Die Anaïs Schmitz ist richtig tough. Mir gefällt das, nicht zu sagen, jetzt sind wir super politisch korrekt, das ist eine nette schwarze Kommissarin, die beiden vertragen sich sofort, sondern das geht auch schief und die Anaïs Schmitz hat auch ein echtes Aggressionsproblem. Daraus kann man noch viel Spannendes entwickeln, weil man das auch nicht so häufig sieht, dass es zwei Alphafrauen gibt, zwei Frauen, die sich nicht ankuscheln, sondern ganz handfest verschiedene Arten haben, an eine Sache heranzugehen, die ein unterschiedliches Temperatur haben, ohne jemals zickig oder hysterisch zu sein.

Wünschen Sie sich eine größere Präsenz von solchen Frauen im Fernsehen?

Ich freue mich über mehr Filme mit einer weiblichen Perspektive auf die Welt. Es werden einfach zu selten die Geschichten von Frauen erzählt. Auch die Heldenreisen von Frauen fehlen. Frauen können auch Heldinnen sein, obwohl sie Hausfrauen waren und in ihrem Leben vielleicht "nur" Kinder bekommen haben. Auch das kann eine erzählenswerte Geschichte sein. Natürlich gibt es schon gute ermutigende Beispiele, aber das muss selbstverständlicher werden.

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