Gespräch mit Andreas Kleinert

Regie

Borowski (Axel Milberg) stattet Peggy Stresemann (Katrin Wichmann) einen Besuch im Supermarkt ab.
Borowski stattet Peggy Stresemann einen Besuch im Supermarkt ab. | Bild: NDR / Christine Schroeder

Sie haben schon einmal ein Drehbuch von Sascha Arango für den "Tatort“ verfilmt. Passen seine psychologischen Studien ins "Tatort"-Format?

Bei Sascha Arango weiß man immer sehr schnell, wer der Täter ist. Das ist das Besondere bei ihm. Die Spannung entsteht nicht durch die Suche nach dem Mörder, sondern sie liegt in der Betrachtung des Umfelds und der menschlichen Schicksale. Das ist das, was auch mich interessiert. Wir erzählen von Menschen wie der Supermarktkassiererin Peggy, die sonst in den Medien nicht so präsent sind. Es ist ein bisschen wie ein Märchen inszeniert, es gibt die Reiche und die Arme so wie Schneeweißchen und Rosenrot, aber wir versuchen, den psychologischen Hintergrund auszuleuchten. Da ergänzen wir uns gut. Sascha Arango bringt mehr Bitternis in den Film und ich zeige das Böse oft verführerisch, so dass man als Zuschauer sogar Verständnis hat in bestimmten Momenten. Peggy ist nicht einfach böse, sondern man merkt, wie sie in das Ganze hineingeschlittert ist. Schritt für Schritt wird das Unglück größer. Am Anfang hatte sie alles, was man zum Glücklichsein braucht, und am Ende hat sie nichts.

Wenn Peggy alles hat, warum entwickelt sie diesen bohrenden Neid auf das Paar gegenüber?

Es ist eben auch ein politischer Stoff in einer Zeit, in der die Vergleichbarkeit im Fokus steht. Viele Menschen posten Bilder auf Instagram von der Familie, tollen Inselurlauben. Wer nicht einen Karibikstrand zu bieten hat, muss sich schon als Loser fühlen. Wenn man ein Kind hat, das nicht schlank und hübsch, sondern vielleicht ein bisschen dick ist, muss man schon Angst haben, dass es sich umbringt, weil diese Gesellschaft so viele Normen setzt, was heute schön und wertvoll ist. Es ist ein Wettbewerb um das Glücklichsein entstanden, der aber nur unser Konsumverhalten widerspiegelt. Mit dieser Polemik spielen wir ganz stark. Peggy hat eigentlich einen liebevollen Mann und ein ganz schönes Haus mit Garten, aber sie guckt, wie kann ich mich noch optimieren. Da werden Sehnsüchte geweckt, die sich nicht umsetzen lassen, und dadurch kommt die Unruhe in die Menschen. Alle wollen sich optimieren und dadurch rennen wir im ewigen Kreislauf dem vermeintlich Besseren hinterher.

Geht es um Geld oder Achtung?

Natürlich geht es auch um Achtung und gesellschaftliche Hierarchien. Als Peggy bei ihrem Einbruch von dem Nachbarn Thomas Dell überrascht wird, gibt er sie der Lächerlichkeit preis. Diese Demütigung ist der Auslöser für ihren Ausraster. Das ist auch diese Arroganz, dass die Nachbarn sie nicht mal registrieren. Sie ist eben nur die Kassiererin, ein Funktionselement, wie ein Requisit. Für jeden Menschen ist das Schlimmste, was passieren kann, wenn man nicht wahrgenommen wird. Peggy will ihre Arbeit mit Liebe machen, aber es gibt keine Resonanz darauf und die Abräumer sind andere.

Und dann lehnen diese anderen auch noch das Sammeln von Treuepunkten ab …

Das ist ein ironisches Element in dem Film. Diese Treuepunkte haben für Peggy eine hohe Wertigkeit und dann kommen die Nachbarn, die das offenbar nicht nötig haben. Auch das macht Peggy wütend. Sie reagiert sehr aus dem Bauch heraus und deshalb macht sie einen Fehler nach dem anderen. Diesen Weg zu begleiten, bereitet große Lust beim Zuschauen. Die Figur hätte auch schnell ins Klischee abrutschen können, aber die Schauspielerin Katrin Wichmann gibt ihr eine große Komplexität und Wärme und so eine Wahrhaftigkeit, dass es sehr berührt, wie sie Peggy darstellt.

Warum haben Sie sich für diese spektakuläre Szene am Anfang entschieden?

Das war eine der größten Kraftaktgeschichten in dem ganzen "Tatort". Wir haben an dieser einen Filmminute zwei Tage lang gedreht, viele Trick und Special Effects eingesetzt. Wir wollten eine Frau zeigen, die völlig außer sich ist. Jedem Menschen kann jederzeit etwas Furchtbares passieren, und wenn sich die Grundkoordinaten des Lebens komplett verändern, kann jeder so extrem reagieren.

In dem "Tatort“ gibt es auch viele heitere Szenen.

Das haben Sascha und ich immer gerne. Es gibt so viele Krimis im Fernsehen, da möchte man sich absetzen, indem man eine andere Stimmung erzeugt. Saschas Bücher sind deshalb so originell, weil sie eine emotionale Achterbahnfahrt sind, manches ist tragisch, aber eben auch total skurril, überspitzt und lustig. Selbst dieser Mord hat eine Skurrilität. Trotzdem ist ein Mord ein Mord. Wir haben ihn auch sehr brutal und direkt gezeigt, denn da wird ein Mensch vernichtet. Das wollten wir auch nicht verniedlichen. Das ist ja kein Computerspiel, in dem man mal schnell jemanden umbringt. Im Gegensatz dazu hat die Geschichte selbst oft eine Leichtigkeit oder Komik. Ich finde, es tut gut, wenn man abends vor dem Fernseher mal durchgerüttelt wird und viele Wendungen mitmachen muss.

Warum verfolgen Klaus Borowski und seine neue Kollegin völlig unterschiedliche Ansätze bei ihrer Ermittlung?

Da treffen zwei Temperamente aufeinander, zwei verschiedene Arten zu denken und zu leben – die Wildheit und Spontaneität der Mila Sahin und die Ruhe und Erfahrung des Klaus Borowski. Dadurch entsteht auch oft die Komik zwischen den beiden, zum Beispiel, wie sie sich im neuen Büro verhalten, erst die Tische auseinander- und dann wieder zusammenschieben. Das ist ihr zweiter gemeinsamer Fall und da müssen sie erst zusammenfinden. Ich versuche immer zu vermeiden, dass man im Krimi schlecht gelaunte Kommissare hat, weil mir das selber bei Filmen auf die Nerven geht, wenn sie sich dauernd anschreien und Stress verbreiten. Das ist filmisch oft uninteressant. Ich tue alles dafür, dass sie menschlich differenziert daherkommen. Borowski ist ein schon lange geformter Charakter und Mila bringt einen neuen frischen Wind, eine interessante Farbe in die "Tatort"- Landschaft.

Haben Sie für sich eine Antwort zur Frage des Glücks gefunden?

Ich weiß nur, dass es nie spektakuläre Dinge waren. Das sind manchmal nur minimale, kurze Momente, die sich ein Leben lang eingeprägt haben, früher, als Kind, Momente mit meiner Mutter oder heute mit meiner Tochter, wo man denkt, das hält man nicht aus vor Glück. Das ist nicht planbar und das zeigt auch der Film, man kann das Glück nicht aktiv beeinflussen oder erzwingen. Man kann nur bei sich bleiben, wissen, wer man ist und auf seine Mitmenschen zugehen und dann merkt man, wie Glück entsteht. Man kann Glück nur ernten, aber man kann es nicht pflanzen. Solche Anspielungen sind auch im Film. Wenn der Ehemann sagt, wenn wir mehr hätten, wäre es unanständig, wir haben alles und brauchen nichts weiter. Das ist eigentlich ein toller Ansatz.

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