Gespräch mit Sascha Arango

Drehbuch

Borowski (Axel Milberg mit Rike Schäffer und Stephan Möller-Titel) gibt alles, um Mila Sahin (Almila Bagriacik) eine Wohnung zu verschaffen.
Borowski gibt alles, um Mila Sahin eine Wohnung zu verschaffen. | Bild: NDR / Christine Schroeder

"Borowski und das Glück der Anderen" ist wieder ein unverwechselbarer Sascha-Arango-"Tatort“ – nicht die Tat steht im Zentrum, sondern die Umstände, die dazu geführt haben. Was ist es dieses Mal?

Meine Drehbücher zu den Filmen haben immer ein zentrales Thema. Dieses Mal ist es der Neid; was Neid mit einem selber macht, wie Neid die Beziehungen zerstört und welche fürchterlichen Taten daraus folgen. Ich finde es völlig uninteressant, den Täter im Dunkeln zu lassen. Mich interessiert vor allem, wie der Täter auf sein Werk schaut. Er schaut auf das, was er angerichtet hat, und nun beginnt die eigentliche Jagd, und er steht im Zentrum dieser Jagd.

Die Kassiererin Peggy ist geradezu besessen von der Idee, dass die Nachbarn im Lotto gewonnen haben und stellt auf einmal ihr ganzes Leben in Frage. Was fehlt ihr?

Das ist doch oft so. Menschen sind mit dem zufrieden, was sie haben, bis sie sehen, was Andere haben. Peggy sieht nicht nur den vermeidlichen Lottogewinn, sondern auch die Schönheit der Frau von gegenüber. Plötzlich findet sie sich hässlich, ihr eigenes Haus klein, den Mann langweilig. Sie beginnt ihren Status zu überdenken und zu relativieren, weil sie der wahnhaften Idee verfällt, dass die Nachbarn gewonnen haben. Ihr Mann Mischa sagt ja auch "bis eben warst du noch glücklich". Aber diese Idee ist nun in ihrem Kopf und lässt sie nicht mehr los. Das ist eine reine Projektion.

Warum entwickelt eine bis dahin völlig unauffällig lebende Frau diese kriminelle Energie?

Es ist immer wieder die Frage, die so schwer zu beantworten ist, warum jemand macht, was er macht. Sie will den Lottoschein finden und verfolgt das mit großem Elan. Sie setzt sich über alle Regeln hinweg. Sie bricht im Nachbarhaus ein und das Verbrechen, das daraus resultiert, ist nicht von ihr geplant. Das passiert einfach so, ohne Vorsatz, und das entspricht auch vielen Täterprofilen. Die Dinge passieren, weil sich viel Wut aufgestaut hat.

Hat sie keine Skrupel?

Die wenigsten Menschen haben moralische Skrupel. Die meisten haben nur Angst vor Strafe. Keiner fährt 50, weil er meint, das sei richtig so, sondern alle fahren 50, weil sie nicht geblitzt werden wollen.

Der Tatort beginnt mit einer unvergesslichen Szene, in der Peggy mit dem Rasenmäher ihre Wohnung verwüstet.

Ich möchte gleich mit offenen Karten spielen und dem Zuschauer zeigen, dass es sich um eine irrrationale Persönlichkeit handelt. Wahn und Normalität sind benachbart. Ich kenne viele Menschen, die so eine wahnsinnige Wut in sich tragen.

Resultiert diese Wut auch aus mangelnder Wertschätzung?

Auf jeden Fall. Peggy fühlt sich entwertet. Die Nachbarin ist die Frau, die sie im Supermarkt nicht beachtet. Peggy sagt zu ihr: "Du hast mich nie gegrüßt, ich bin morgens wach, wenn du noch schläfst, ich räume die Regale für dich ein, ich sage danke, du kennst mich gar nicht." Das hat Peggy total verletzt, weil sie für viele unsichtbar ist. Diese Beleidigungen addieren sich bei ihr. Das permanente Empfinden von schlechter Behandlung oder Ungerechtigkeit bricht sich irgendwann Bahn und endet dann in dem Verlust von Impulskontrolle. Und in dem Auto mit dem Kommissar, der so nett zu ihr ist, enthüllt sie etwas aus ihrer Seele.

Sie haben schon viele "Tatorte" für Borowski geschrieben. Welche Methoden wählt er hier, um eine der beiden Tatverdächtigen zu überführen?

Borowski ist wieder dieser Psychologe, der die kleinen, feinen Fäden aufnimmt, der alles zusammensetzt, aber kein Urteil fällt. Das hilft ihm. Da ist diese Frau, die sich nach dem Mord an ihrem Mann vor dem Spiegel zurechtmacht und sich hinter dieser Kampfausrüstung der Schönheit versteckt. Sie rüstet sich für die Welt. Das ist ein Fehler, das macht sie verdächtig, aber er verurteilt sie nicht. Er streitet sich mit seiner Kollegin Mila, die die Ehefrau für eiskalt hält, aber er sieht, dass sie nur ihre Ängste nicht zeigen kann und sehr verschlossen ist. Dass Borowski kein Urteil fällt, ist seine Stärke, denn vorschnelles Urteilen bewegt uns oft dazu, Menschen völlig falsch einzuschätzen. Trauer hat aber keine Regeln und Wut auch nicht.

Warum liegt Klaus Borowski richtig und nicht die junge Kollegin Mila Sahin?

Ich habe beide Figuren mitentwickelt und die Schauspieler füllen sie natürlich mit Leben, aber ich kann eine Sache nicht übersehen, und das ist der Alters- und Erfahrungsunterschied. Deswegen handelt Sahin anders als Borowski. Sie lässt sich vom ersten Anschein in die Irre führen. Die Frau des Toten ist kalt, sie hat ein Motiv, die muss es sein. Aber Borowski hat schon so viel erlebt und viele seiner Theorien sind perforiert worden, deshalb zweifelt er und stellt ihre Einschätzung in Frage. Er kann aber auch viel von ihr lernen. Er ist ein Zauderer und Zögerer und sie kann klare Entscheidungen fällen, die oft richtig sind.

Sie haben schon mehrmals mit dem Regisseur Andreas Kleinert zusammengearbeitet. Was verbindet Sie?

Ich habe mir ihn als Regisseur für mein Drehbuch gewünscht. Was Andreas und mich besonders verbindet, ist unsere völlig gegensätzliche Sicht auf die Dinge. Er sieht die Liebe. Ich sehe das Böse. Er ist immer bestrebt danach, den Figuren etwas zutiefst Menschliches und auch Liebevolles zu geben, was es dem Publikum erleichtert, sie zu mögen, und ich bin immer bestrebt, das Böse herauszuarbeiten. Das ist sehr gut, denn er ist wie ein Korrektiv für mich und ich für ihn. Ich mag seine Inszenierung. Es ist alles ein bisschen übersteigert dargestellt, manchmal grotesk und erheiternd, aber die Geschichten, die die Wirklichkeit schreibt, sind oft noch viel unglaublicher als das, was wir zeigen.

Worin besteht denn die Bösartigkeit der Figur?

Das Böse ist dieser Mangel an Kontrolle. Peggy hat doch alles und es ist nicht die Schuld der Nachbarn, dass sie weniger hat. Das, was sich über sie legt, um ihr die Vernunft, die richtige Sicht auf die Dinge zu nehmen, ist das Böse in ihr. Sie hat kein Recht, dort einzubrechen, sie hat kein Recht, auf die Nachbarn wütend zu sein. Das Böse in dieser Person ist, wie in vielen anderen Menschen auch, die ganze Zeit da und wartet auf den Moment, sich betätigen zu können.

Glück ist ein sehr großes Wort. Haben Sie beim Schreiben des Drehbuchs für sich eine Antwort gefunden, was Glück ist?

Ich versuche, die Antwort in ihrem Ehemann Mischa zu finden, den ich sehr mag. Er steht für die Bejahung. Das beste Rezept für das Glück ist, ja zu sagen zu dem, was ich habe, und es sich schön zu machen. Und ein Rezept für das Unglück ist der Vergleich zu sagen, was ich habe, ist nicht so schön wie das, was der Nachbar hat.

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