Gespräch mit Regisseur Thomas Stiller

"Über Leute zu urteilen, finde ich langweilig."

Regisseur Thomas Stiller
Regisseur Thomas Stiller | Bild: dpa

"Frohe Ostern, Falke" ist ein spannender, ungewöhnlicher "Tatort" mit vielen unerwarteten Twists. Was stand bei der Arbeit daran für Sie im Vordergrund?

Mein Ziel war es, einen Genrefilm zu machen, der unterhaltsam ist, aber nicht übertrieben wirkt. Das Geschehen in "Frohe Ostern" ist trotz allem glaubwürdig in der deutschen Realität verankert, das fand ich spannend. Ich wollte einen unterhaltsamen Film machen, der nebenbei noch ein interessantes Thema verkauft, ohne so draufzudrücken. Letztendlich geht es doch immer um Menschen und die Frage, wie Menschen sich in Situationen verhalten. Das finde ich sehr viel spannender, als ständig bedeutsame Themen zu umkreisen.

Falke und Lorenz ermitteln hier nicht wie gewohnt. Beide sind eher persönlich gefordert, als die Lorenz in Geiselhaft gerät. Hat es Ihnen Spaß gemacht, das übliche Handlungsmuster zu durchbrechen?

Auf jeden Fall. Das versuche ich eigentlich fast immer, wenn ich einen "Tatort" mache, und das gibt das Format ja auch her. Was mich hier vor allem interessiert hat, war zum einen der Rollentausch; der Umstand, dass Katharina Lorenz mal den größeren Part hat. Zum anderen fand ich es spannend, sie ihrer üblichen Mittel und Instrumentarien zu berauben. Katharina Lorenz hat nur ein Abendkleid, Stöckelschuhe und ein Handy – und ihren Verstand. Alles andere, was ihr sonst zur Verfügung steht, fehlt hier. Ich fand es reizvoll zu sehen, wie man aus so einer Situation rauskommt, wenn man nur seine Intelligenz einsetzen kann.

Die Kollegin schafft es, ihn zu kontaktieren und ihm zu signalisieren, dass sie in Gefahr ist. Mit ihrer Unerschrockenheit ragt sie aus der Menge der Geiseln heraus. Ist das der Profi in ihr?

Das schon, aber mir war wichtig, dass die Ermittlerin nicht zu tough auftritt, sondern dass sie immer Mensch bleibt. Sie trägt ein Kleid, das eigentlich nur eine dünne Haut über ihrer Haut ist, und sie ist sehr verwundbar. Nicht nur für die anderen Geiseln, auch für die Lorenz ist das eine Extremsituation. Sie muss sich allein auf ihren Instinkt und ihren Verstand verlassen, während sie nach einem Ausweg sucht.

Ist sie nicht schon insofern tough, als sie sich nicht von der Angst beherrschen lässt und ihren Bewacher systematisch auf ihre Seite zu ziehen versucht?

Ja, aber dies geschieht mit rein psychologischen Mitteln, das ist das Wichtige daran. Katharina Lorenz erkennt früh, bei welchem der Geiselnehmer sie ansetzen kann, wer das schwächste Glied in der Kette ist, das man vielleicht umdrehen kann. Sie baut eine richtige Beziehung zu diesem Steffen auf; deshalb tut es ihr am Ende auch wirklich leid, dass sie ihr Versprechen ihm gegenüber nicht einlösen kann.

Sie zeigen auf der Charity-Gala feine Leute, die dem Flüchtlingselend mit gönnerhafter Geste begegnen. Kritisieren Sie damit stellvertretend den Umgang unserer reichen Gesellschaft mit diesem Thema?

Dazu müsste ich mich viel besser auskennen. Nein, mich interessiert vor allem die Zwiespältigkeit dieser Veranstaltung. Zum einen glauben diese Leute sicherlich, sie täten Gutes, und sie tun auch Gutes, indem sie Geld spenden. Aber sie wollen gleichzeitig etwas dafür zurückhaben. Um einen Scheck von 20.000 Euro weiterzureichen, werden 200.000 Euro ausgegeben, statt zu sagen, man spendet gleich 100.000 Euro. So selbstlos ist aber keiner; die Spender wollen sich für ihre Großzügigkeit feiern, sie wollen auf die Schulter geklopft kriegen. Das ist irgendwo menschlich und verständlich, aber es macht die Veranstaltung, die wir da sehen, zumindest fragwürdig.

Ähnliches gilt auch für die Gegner der Gala, die Bad Easter Bunnies. Deren Engagement hat humorvolle und sympathische Züge, aber wir sehen, wie leicht es sich missbrauchen lässt ...

Mir kommt es darauf an, dass beide Seiten, die wir hier sehen, irgendwo verständlich sind. Wir können die Aktivisten durchaus nachvollziehen, wenn sie sagen: Dieser feine Ball ist doch verlogen, schiebt das Geld lieber gleich rüber, dann haben die Leute mehr davon. Sie haben gute Absichten, aber sie lassen sich instrumentalisieren. Und in dem Moment, wo sie bereit sind, wirklich mit Waffen zu dieser Veranstaltung zu gehen, sind sie nicht mehr nur Opfer, sondern letztlich selber Schuld an dem, was dann passiert. Es hat sie keiner dazu gezwungen. Frank hat sie ausgesucht, weil sie auf eine Art naiv sind. Das sind Leute, die mit Ende dreißig, Anfang vierzig noch mit Farbbeuteln um sich werfen. Sie sind nicht die Rainbow Warriors von Greenpeace, die sich bei Wind und Wetter den Walfängern entgegenstellen, sondern was sie tun, ist eben auch zwiespältig. Ich wollte nicht schwarzweiß malen, sondern es soll so sein, dass man beide Seiten zumindest im Ansatz nachvollziehen kann. Über Leute zu urteilen, finde ich langweilig. Der Zuschauer soll sich am Ende selbst ein Bild machen und seine Schlüsse ziehen.

Kommen wir zu Frank. Sie zeigen, wie es ihm gelingt, Männer zu bewaffnen, die Gewalt eigentlich ablehnen. Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Diese Szenen am Anfang dienen vor allem dazu zu zeigen, dass diese Jungs durchaus Spaß haben miteinander. Eigentlich versteht man ja erst hinterher, wie klug Frank hier vorgeht, wie gut er auf der Klaviatur dieser Leute zu spielen weiß. Er lässt sie die Waffen ausprobieren, und als sie protestieren und sagen, dass sie gegen Waffen sind, tut er erst einmal so, als wäre ihm das egal. Dabei könnte er es sich überhaupt nicht leisten, dass sein Plan nicht aufgeht. Dafür hat er schon viel zu viel investiert.

Haben die Darsteller echte Schießübungen absolviert?

Wir haben dafür natürlich Platzpatronen benutzt; das macht schon einen Unterschied im Vergleich zu echter Munition, aber es hat auch seine Wirkung. Ich habe das selbst auch schon mal ausprobiert und brauche kein zweites Mal; ich fand das sehr abstoßend. Aber so eine Waffe verleiht schon auch ein Machtgefühl, und wir sehen bei einigen der Jungs, wie berauschend das wirken kann. Bei ihnen steht allerdings der Spaß im Vordergrund; keiner von denen denkt im Ernst daran, auf Menschen zu schießen. Wir haben hier Pappfiguren als Zielscheiben aufgestellt, die die Gesichter von politischen Staatsgrößen haben, als Karikatur. Wir haben extra darauf geachtet, dass keiner fehlt.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Bad Easter Bunnies ausgewählt?

Es war klar, dass die Schauspieler zu neunzig Prozent hinter Masken versteckt sein würden. Deshalb haben wir uns zum einen sehr viel Mühe gegeben, dass die Hasen individuell aussehen, damit man sie rein vom Kostüm her auseinanderhalten kann. Zudem haben wir darauf geachtet, dass die Darsteller markante Stimmen haben. Weil es nur wenige Szenen gibt, in denen sie die Masken abnehmen, muss man sie an den Stimmen unterscheiden können. Und auch von der Körperlichkeit, von der Statur her unterscheiden sie sich. Interessanterweise fanden die Schauspieler es gar nicht unangenehm, so viel in diesen Ganzkörperkostümen zu spielen, wie man meinen könnte. Im Gegenteil: Sie fanden es reizvoll, sich hinter so einer Maske freizuspielen.

Frank, der Chefosterhase, ist, wie sich herausstellt, zynisch und abgrundtief böse. Da man sonst nichts über ihn erfährt, bekommt er beinahe dämonische Züge. War das Ihr Ziel?

Ja, absolut. Frank ist ein großer Zyniker, und das ist dramaturgisch wichtig, damit dieses Gefühl von Gefahr überhaupt entstehen kann. Wir wissen ja, dass von den anderen Hasen eigentlich keine Gefahr ausgeht; die sind nicht böse, sondern tun uns ab einem gewissen Punkt eigentlich nur leid. Frank ist derjenige, der das Angstbarometer die ganze Zeit oben halten muss. Der ist unkalkulierbar und total präzise. Dass es dann am Ende Leute gibt, die noch professioneller sind als er, ist eine Ironie, die mir besonders gut gefällt. Das ist wie bei diesen Matrjoschka-Puppen, bei denen immer noch eine weitere zum Vorschein kommt. Frank ist eben auch nur ein Teil von einem größeren Spiel.

Gab es ein Vorbild für die Figur des Frank?

Einer meiner Lieblingsfilme im Action-Bereich ist "Stirb langsam", und der ist mit einem Augenzwinkern hier drin. Hans Gruber aus diesem Film, der Mr. Takagi erschießt und sagt: "Schade um den schönen Anzug", war in seinem Zynismus ein Vorbild für Frank. Der Zynismus macht die Figur unberechenbar, und es ist wichtig für die Glaubwürdigkeit der Handlung, dass die Hasen ab einem gewissen Punkt Angst vor Frank haben. Frank hat kein Problem damit abzudrücken, wie er selbst sagt, und er hat auch kein Problem damit, darüber dann noch einen Spruch abzulassen.

Schwebte Ihnen von Anfang an Thomas Sarbacher für diese Rolle vor?

Für mich gab es keine andere Besetzung. Wenn die Hasentruppe vor den reichen Leuten auf dieser Gala ihre Performance abzieht, hat das zunächst ganz klar etwas Theaterhaftes. Und es war mir wichtig, jemandenfür die Rolle des Frank zu haben, der sowohl den einen als auch den anderen Ton sehr gut beherrscht. Der leicht und spielerisch sein kann, aber zugleich auch sehr perfide und böse, ohne dass es gedrückt wirkt. Das kann Thomas Sarbacher wie kaum jemand anders; da ist er einfach toll. Darum wollte ich ihn unbedingt haben.

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