Gespräch mit Stefan Kornatz

(Regie und Buch)

»Man muss gängige Regeln des Formats in Frage stellen.«

Mimi Meinders und Jan Katz mit Polizeiobermeister Hansen
Mimi Meinders und Jan Katz begutachten den Tatort mit Polizeiobermeister Hansen. | Bild: NDR / Boris Laewen

Ein Kommissar, der Urlaub macht und doch ermittelt; eine scheinbar eindeutige Tat, die dennoch rätselhaft ist. In Ihrem Krimi gibt es wenig Gewissheiten und umso mehr Spannung. Was stand für Sie im Fokus?

Wir wollten einen Insel-"Tatort" machen, das war die Verabredung. Im Fokus stand Falke, der seinen besten Freund Katz auf der Insel besucht und dabei in einen Mordfall hineingezogen wird. Obwohl nicht zuständig, will er seinem Freund helfen, Licht ins Dunkel zu bringen. Unterstützung erfährt Falke von seiner Kollegin Lorenz. Fern ihres Zuständigkeitsbereiches und ihrer gewohnten Umgebung in Hamburg können Falke und Lorenz nicht auf die üblichen Hilfsmittel bei ihren Ermittlungen zurückgreifen. Sie haben nichts in der Hand, keine Berichte aus der kriminaltechnischen Untersuchung oder von der Obduktion oder ähnliches. Sie kennen sich auf der Insel nicht aus und müssen sich mit der Leiterin der Mordkommission in Aurich arrangieren. In dieser 'fish-out-of-water'-Situation lernen wir das neue Ermittlerduo in seinem zweiten Fall sehr auf sich gestellt kennen.

Der junge Hauptverdächtige ist traumatisiert und ohne Erinnerung an die entscheidenden Stunden. Es gelingt Ihnen, die Figur bis zum Schluss ambivalent zu halten. Gab es Vorbilder für Florian?

Das Spannende an der Figur Florian ist, dass er gleichzeitig Täter und Opfer ist. Das hat mich interessiert. Er weiß, dass er schuldig ist, nicht aber was er getan hat; zumindest weiß er es nicht genau. Je belastender die Vorwürfe, je drückender die Hinweise auf seine Schuld, desto mächtiger wird Florians Dilemma: Er fühlt sich schuldig und traut sich selber mehr und mehr den Mord zu, auch wenn er das nicht wahrhaben möchte. Vorbilder für die Figur gab es keine. Mir sind allerdings aus meinem näheren Umfeld zwei Fälle bekannt, in denen Jugendlichen ohne ihr Wissen K.o.-Tropfen verabreicht wurden, was dann schamlos und vorsätzlich ausgenutzt wurde. Der "Filmriss" war extrem belastend für die Opfer. Und beide Male war es äußerst schwierig heraus zu bekommen, was tatsächlich passiert war. Während dieser Phase wackelt das Bild, welches man von sich selbst hat, so sehr, dass man sich kaum mehr zu kennen glaubt. Und dann sind es natürlich die Bilder, die andere auf einen projizieren, die einem den Boden unter den Füßen wegziehen. Diese Leerstelle wollte ich aus Falkes Perspektive zeigen und ihr nachspüren.

Berichten Sie uns von der Auswahl des jungen Darstellers Leonard Carow und der Arbeit mit ihm.

Als Regisseur war ich vor die Aufgabe gestellt, einen Schauspieler zu finden, der recht jung zu sein hatte, mit dem man mitfühlen möchte und der eine Unschuldsvermutung zulässt. Andererseits war es wichtig, Florian glaubhaft als Tatverdächtigen zu erzählen. Diese innere Zerrissenheit, die nackte Verzweiflung darüber, sich seiner selbst nicht sicher zu sein, ist eine große Herausforderung für einen jungen Schauspieler, zumal die Figur auf der Handlungsebene nicht sonderlich aktiv ist. Leonard Carow kam mir sofort in den Sinn. Ich hatte mit ihm bereits bei "Sklaven und Herren" zusammen gearbeitet. Er ist im besten Sinne ein "Instinktschauspieler" und dazu noch in jungen Jahren überaus dreherfahren. Bei ihm wusste ich sofort, dass er starke innere Konflikte veräußerlichen kann, ohne dass da irgendetwas gekünstelt oder angestrengt wirkt. Wir haben beidseitig sehr großes Vertrauen ineinander, so dass unsere Zusammenarbeit immer äußerst angenehm ist.

Die Dünen einer Ferieninsel sind nicht nur ein ungewöhnlicher Tatort, sondern auch ein schwieriger Drehort. Warum war Langeoog trotzdem eine gute Wahl?

Die Wahl der Insel Langeoog habe ich nicht getroffen, aber ich bin dankbar dafür. Es stimmt, das ist ein schwieriger Drehort, aber wir haben großartige Unterstützung seitens der Kommune, der Kurverwaltung, des Küstenschutzes und vieler anderer erfahren. Dass der Film auf einer Nordseeinsel spielen würde, war für mich sogar ein Grund mehr, das Projekt zuzusagen. Ich mag logistische Herausforderungen. Auch wenn Langeoogs Trumpf, eine "autofreie" Insel zu sein, uns die Aufgabe nochmals deutlich erschwerte. So mussten die Technik und das schwere Gerät mit kleinen starken Elektroautos von A nach B befördert werden. Das kostete natürlich alles viel mehr Zeit als unter normalen Umständen. Andererseits war ein derart abenteuerliches Arbeiten sehr teamfördernd, und das zahlte sich an vielen anderen Stellen aus. Nach den Drehtagen auf Langeoog wusste einfach jeder, was er von dem anderen zu halten hatte, und ich kann sagen, wir haben uns alle sehr geschätzt und gemocht.

Wo lagen für Sie die größten Herausforderungen bei der Umsetzung des Stoffes?

Auf die Dreharbeiten bezogen, war die größte Herausforderung der logistische Split. Im Film spielt die ganze Geschichte auf der Insel Langeoog, tatsächlich wurden jedoch weniger als die Hälfte der Szenen auf Langeoog gedreht. Von insgesamt nur 22 Drehtagen, fanden gerade mal 9 auf Langeoog statt. Die restlichen 13 Drehtage waren wir on location in Hamburg und Schleswig-Holstein. Wenn man nun auch noch berücksichtigt, dass die Jahreszeitenwechsel auf einer Nordseeinsel im März ganz anders aussehen als in Hamburg im April, lässt es sich vielleicht erahnen, welchem "Wahnsinn" wir gegenüber standen. Inhaltlich beziehungsweise szenisch war es eine Herausforderung, dem sehr breit aufgestellten Plot die für einen "Tatort" notwendige Spannung abzutrotzen. Damit meine ich, dass es in diesem Fall schwierig war spannend zu erzählen, weil es recht wenige betont äußerlich ausgetragene Konflikte gibt. Wir waren also vor die Aufgabe gestellt, die inneren Konflikte der Figuren besonders spürbar zu machen, ohne dass die Handlung das immer so hergab. Das war der wesentliche Grund dafür, diesen Inselkrimi sehr atmosphärisch zu erzählen.

"Mord auf Langeoog" ist der zweite Fall des neuen NDR Ermittlerteams um Thorsten Falke. Die Figuren haben erste Konturen gewonnen, sind aber noch nicht restlos festgelegt. Eine reizvolle Konstellation für Sie?

Für Autoren und Regisseure ist ein neues Ermittlerteam immer reizvoll, weil man den Figuren in besonderem Maße Konturen und Tiefe geben kann. Wenn man wie ich den zweiten Film dieses Gespanns machen darf, kann man sich nicht nur einer besonderen Aufmerksamkeit sicher sein, man muss auch den Mut haben, gängige Regeln des Formats in Frage zu stellen und Neues auszuprobieren. Die ersten Fälle eines neuen "Tatort"-Ermittlerteams sind schließlich Arbeitshypothesen: Figuren wie ein Kommissar und eine Kommissarin verhalten sich ja nicht immer gleich. Je nach Fall, der Umgebung und dem persönlichen Hintergrund agieren sie anders, verhalten sich widersprüchlich und tun Dinge, die sie ein anderes Mal nicht tun würden. – Ich bin gerade deshalb gespannt auf die nächsten Fälle und denke, dass uns Wotan Wilke Möhring und Petra Schmidt-Schaller noch sehr viel von ihren Figuren preisgeben werden, das heute noch gar kein Thema ist. Als Schauspieler haben sie die richtigen Instinkte dafür. Sie arbeiten sehr präzise und geduldig, was mir gerade im Kontext einer Reihe wichtig erscheint. Nichts ist gefährlicher, als zu früh zu viel von einer Figur in die Handlung zu legen.

Langeoog ist nicht das Revier der Hamburger Ermittler, sondern das von Christine Brandner, gespielt von Nina Kunzendorf, die noch bestens als Frankfurter Kommissarin in Erinnerung ist. Ist diese Besetzung ein augenzwinkernder Gruß an die Zuschauer?

Mit dem Frankfurter "Tatort" hat die Besetzung der Rolle Christine Brandner absolut nichts zu tun, nicht mal augenzwinkernd. Nina Kunzendorf ist einfach die Beste für die Rolle. Ich habe bei der Figur sofort an sie gedacht, mir aber keine Gedanken gemacht über Rollen, die sie wann anders gespielt hatte. Sie und ich arbeiten sehr gerne miteinander. Wir können viel mit der Sorgfalt und der Arbeitsweise des anderen anfangen, und wir ergänzen uns sehr gut. Ich sehe sie als Ausnahmeschauspielerin und kenne sie als eine sehr feine Kollegin, die hier mit Freude diese Gastrolle gespielt hat.

Sie vermitteln mit viel Lust eine maritime Stimmung, fangen sowohl die Schönheit und Melancholie als auch die Bedrohlichkeit der See ein. Haben Sie selbst ein Faible für das Meer und diesen Landstrich?

Ich bin in Hamburg und Schleswig-Holstein aufgewachsen und habe viel Zeit an der Küste verbracht. Von daher kann ich ganz klar sagen, dass ich ein Faible für die Landschaft habe und die Menschen dort sehr mag. Im Zusammenhang mit unserer Geschichte war es mir ein Anliegen, dass möglichst viel davon die Atmosphäre des Films bestimmt; zum Beispiel die sich brechenden Wellen, die Dünen, der stete Wind, die Gischt und das Schreien der Seevögel. Ich hatte das Glück, mit Bernhard Keller und dessen Team die Kamera- und Lichtmannschaft meiner Wahl zur Seite zu haben. Mit Bernhard erlebe ich die Freude, wie es ist, wenn einer deine Vorlieben und Vorstellungen teilt und so herrlich umzusetzen versteht, dass dich das Ergebnis einfach glücklich macht.

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