Christopher Coenen im Gespräch

Wurde mit Helmen wie diesem an Menschen experimentiert?
Wurde mit Helmen wie diesem an Menschen experimentiert? | Bild: NDR / Manju Sawhney

Christopher Coenen im Gespräch

Forschungsgruppenleiter im Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

»In der Neuroforschung gibt es dramatische Entwicklungen«

'Brainhacking' ist ein beliebtes Szenario in Science-Fiction- Filmen. Im 'Tatort: Krieg im Kopf' sind die beiden Kommissarinnen gleich mit verschiedenen Neuro- und anderen Technologien konfrontiert, die Menschen manipulieren können. Klingt das nicht alles sehr unwahrscheinlich?

Der 'Tatort' ist ziemlich nah an der Realität. Was dort erzählt wird, ist alles zumindest in Ansätzen bereits möglich. In der Neuroforschung gibt es dramatische Entwicklungen, aber ich bin immer wieder überrascht, wie wenig die meisten Menschen wirklich darüber wissen.

Anäis Schmitz hat Angst, wie ihre Mutter schizophren zu werden, weil sie Stimmen hört. Diese Stimmen werden ihr von außen in den Kopf projiziert. Ist das möglich?

Forschern vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) ist das tatsächlich unlängst gelungen. Sie konnten aus einer gewissen Entfernung Audio-Botschaften in das Ohr eines Menschen schicken – ohne ein Empfangsgerät. Außenstehende haben diese Töne nicht hören können. Gelungen ist ihnen das mit lediglich einem Laserstrahl und unter Nutzung des bisschen Wasserdampfs um den Körper. Bisher funktioniert das nicht im Freien und nur aus einer Entfernung von 2,5 Metern, aber die MIT-Forscher nehmen an, diesen Effekt bald auch über eine größere Distanz erzielen zu können. Das ist eine interessante Entwicklung …

Aber doch auch eine gruselige Vorstellung, wenn man plötzlich fremden Botschaften ausgesetzt ist.

Klar, es ist immer eine Frage, wie Techniken eingesetzt werden. Wenn sie im Geheimen genutzt werden, um Menschen zu manipulieren, ist das natürlich der Horror. Das ist absolut nicht vertretbar. Aber die Wissenschaft wird ja schon immer durch Curiositas, also die Neugier, getrieben. Aus traditionell christlicher Perspektive ist das in gewisser Hinsicht eine Sünde, aber ich bin durchaus der Ansicht, dass die Wissenschaft auch zweckfrei forschen sollte, solange es nicht der Gesellschaft schadet. Man muss sich natürlich immer fragen, ob eine Technik gar nicht erst entwickelt werden sollte, wie z.B. die Atombombe oder Medikamente, die Menschen zu willenlosen Sklaven machen. Aber das sehe ich bei dieser Funktion erst einmal nicht. Hier geht es ja lediglich darum, in bestimmten Situationen im Stillen kommunizieren zu können, z. B. Sportler auf dem Feld Tipps geben oder eben geheime Botschaften an Undercover- Agenten schicken zu können.

Diese Visionen wecken bei vielen Menschen nicht nur Hoffnungen, sondern erzeugen auch Ängste. Im 'Tatort' sieht man beides: eine gelähmte Soldatin, die durch die Mensch-Maschine-Interaktion laufen lernt, und Soldaten, die willenlose Monster werden. Hängen Nutzen und Gefahr davon ab, in welche Hände die Technik gerät?

Das ist definitiv so. Technik kann immer missbraucht werden. Es gibt stimulierende und ableitende Neurotechnologien. Bei den stimulierenden will man Gehirnaktivitäten verändern, um z. B. bestimmte Fähigkeiten zu verbessern. Das wird oft 'Human Enhancement' genannt. Ableitend heißt, dass die Gehirnaktivitäten sozusagen ausgelesen und dann zumeist zur Steuerung von Geräten genutzt werden. In dem Film haben wir die Soldatin, die wieder laufen kann. Daran wird tatsächlich intensiv geforscht. Wir am KIT sind z. B. an dem großen Verbundprojekt INOPRO beteiligt, das vom Bundesministerium für Forschung gefördert wird und in dem die Universität Freiburg die Entwicklung von Brain-Computer- Interface-Technologie für Gliedmaßenprothesen vorantreibt. Das Ziel in diesem Bereich ist, sozusagen mit Gedankenkraft, wie es auch im Film heißt, die Prothesen zu steuern. Das bietet ungeahnte neue Möglichkeiten für Menschen, die Gliedmaßen verloren haben oder gelähmt sind.

Neurotechnologien bieten aber auch ungeahnte Möglichkeiten, Menschen gleichsam zu Robotern zu machen. Im 'Tatort' entwickelt das Militär einen intelligenten Helm, der Soldaten steuert. Ist das realistisch?

In der US-Militärforschung werden tatsächlich seit Mitte der 2000er-Jahre immer wieder Projekte gefördert, in denen es um Helme mit avancierter Neurotechnologie geht. Der Helm im Film reiht sich durchaus ein in aktuelle Projekte wie z. B. die Pläne von Elon Musks Firma Neuralink und das US-Projekt MOANA. Er funktioniert offensichtlich über eine Gehirn-Computer-Schnittstellentechnologie, die sowohl ableitend funktioniert als auch das Gehirn stimulieren kann. Durchaus an bestehende Technik anknüpfend ist in dem Film hier TMS genannt, die transkranielle Magnetstimulation. Elektromagnetische Wellen aktivieren von außen bestimmte Areale im Gehirn. Der Träger des Helms kann wacher und aggressiver oder in stressigen Situationen beruhigt werden. Absolut inakzeptabel ist, wenn solche Technik ohne Wissen und Zustimmung der Soldaten eingesetzt wird. Dies widerspricht dem fundamentalen ethischen Prinzip der informierten Zustimmung. Aber auch bei zurechnungsfähigen Erwachsenen sehe ich gewisse rote Linien, die nicht überschritten werden sollten. Die Vision, Soldaten über das Gehirn beliebig steuern und beeinflussen zu können, ist allerdings in gewisser Hinsicht die logische Fortsetzung der modernen High-Tech-Kriegsführung. Ich plädiere in diesem Zusammenhang dafür, zur Leistungssteigerung dienende, dauerhafte Modifikationen der Körper von Soldaten ('Human Enhancement') international zu ächten.

Forschungsprojekte werden oft vom Militär finanziert. Besteht nicht immer die Gefahr, dass Forschung, die im zivilen Bereich Menschen hilft, vom Militär missbraucht wird?

Es heißt oft, der Krieg sei der Vater aller Dinge und aller Technik. Die Technikgeschichte ist in der Tat ganz wesentlich eine Kriegsgeschichte. Gerade in den USA soll die militärische Forschung aber auch im zivilen Bereich Nutzen bringen. Beispiele dafür sind das Internet, die Robotik und eben auch die Neurotechnologie, insbesondere im medizinischen Bereich. Aber wir müssen Standards setzen. Da möchte ich dem Film auch noch ein Kompliment machen, denn er thematisiert das Forschungsprogramm MK ULTRA der CIA. Im Kalten Krieg haben die Amerikaner viele, auch ahnungslose Testpersonen unter halluzinogene Drogen gesetzt, um Ergebnisse zur Bewusstseinskontrolle und Gehirnwäsche zu erzielen. Das war ein schwerer Missbrauch von Naturwissenschaft, Technik und Medizin, der durch die Geheimhaltungsregeln der Geheimdienste und des Militärs ermöglicht wurde. Grundsätzlich ist die Geheimhaltung von Forschung Gift für die Wissenschaft. Die Wissenschaft lebt vom freien Austausch. Das heißt, in dem Bereich kann Hochproblematisches laufen, und es ist wichtig, dass der Film zeigt: Das hat stattgefunden und ist keine Verschwörungstheorie.

Wer hat denn neben dem Militär noch großes Interesse an Technologien zur Hirnstimulation?

Im therapeutischen Bereich hilft z. B. die tiefe Hirnstimulation (Deep Brain Stimulation, DBS) Menschen mit Parkinson oder auch schwersten Depressionen. Aber auch in der Computer- und Internetindustrie besteht großes Interesse an Neurotechnologien. Facebook setzt seit 2017 eine große Anzahl von Ingenieuren nur dafür ein, um Technik zu entwickeln, mit der wir Smartphones mit unseren Gedanken steuern können. Elon Musk ist mit seiner Firma Neuralink noch ambitionierter, will in gut einem Jahrzehnt gesunden, körperlich nicht eingeschränkten Menschen Neuroimplantate anbieten. Diese Entwicklungen sind stark von der transhumanistischen Ideologie beeinflusst und insbesondere von der Idee, dass wir Menschen uns sozusagen technisch aufrüsten müssen, um in Zukunft mit der Künstlichen Intelligenz noch mithalten zu können: Unser Körper reicht nicht aus, er muss optimiert werden. Es ist die Vision, dass man eine Art Superman wird, ein DJ am Mischpult der eigenen Gefühle. Zwar wird es wohl, wenn überhaupt, erst in ferner Zukunft möglich sein, unsere Gedanken auszulesen. Noch sind die Gedanken also frei.

Früher hat man sich auch vieles nicht vorstellen können, was heute machbar ist. Wie weit darf Forschung gehen?

Es geht meistens nicht darum, den Wissenschaftlern im Labor etwas zu verbieten, sondern das Entscheidende ist die Frage: Welche Grenzen und Regeln setzen wir uns als Gesellschaft, wie wir diese Technik nutzen? Nutzen wir neue Technologien, um Menschen zu helfen oder um sie noch mehr zu manipulieren oder zu beeinflussen? Wie wissenschaftliche Erkenntnisse genutzt werden, hat oft mit handfesten ökonomischen oder militärischen Interessen zu tun. Da bestehen die hauptsächlichen Regulierungsbedarfe. Deshalb freue ich mich, dass so ein Film mit einer großen Reichweite ein Bewusstsein für diese ethisch und gesellschaftlich brisanten technischen Entwicklungen schafft.

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