Fragen an Martin Rauhaus (Buch) und Rainer Kaufmann (Regie)

Laura Muthesius (Friederike Ott), Felix Murot (Ulrich Tukur), Magda Wächter (Barbara Philipp), Inga Muthesius (Karoline Eichhorn) und Paul Muthesius (Lars Eidinger).
Laura Muthesius, Felix Murot, Magda Wächter, Inga Muthesius und Paul Muthesius. | Bild: HR / Bettina Müller

Der Titel bezieht sich auf das Hauptwerk des Philosophen Ernst Bloch, auch im Film kommt das Buch immer wieder vor. Wie kamen Sie auf die Idee, einen "Tatort" mit dem Werk eines Philosophen zu verbinden?

Martin Rauhaus: Meine erste Assoziation zu Frankfurt war die "Frankfurter Schule", also jene Denkrichtung, die dann starken Einfluss auf die 68er-Bewegung hatte. Ich fand es schon immer erstaunlich, dass Frankfurt einmal ein Zentrum europäischen Denkens war. Nach Holocaust und Krieg stellten sich Leute wie Adorno, Horkheimer und eben auch Ernst Bloch die Frage, wie die Vernunft der Aufklärung so sehr hatte scheitern können und versuchten, neue Antworten und Perspektiven zu finden. Sie untersuchten die Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft und die Missachtung des individuellen Glücks. Kurz: Sie stellten die Fragen "Warum?" und "Wie also anders?" Der Titel von Blochs Hauptwerk "Das Prinzip Hoffnung" scheint mir eine hochaktuelle, wenn auch gerade im Fernsehen eher zu kurz kommende Frage zu beleuchten: Was ist unsere Haltung angesichts einer Unzahl von scheinbar unlösbaren globalen Problemen?

Murot ist in diesem "Tatort" nicht nur Ermittler, sondern auch in tief in die Geschehnisse und die Hintergründe verstrickt. Der Film schreibt einen Teil der Biografie Murots. War Ihnen das von Anfang an klar oder hat sich das im Laufe der Arbeit am Buch ergeben?

Martin Rauhaus: Ich hatte Murot schon immer als den nachdenklichsten und potenziell tiefsinnigsten aller "Tatort"-Kommissare wahrgenommen. Ihm eine frühe (sozusagen "vorpolizeiliche") Liebe zur Philosophie und Sinnsuche zu geben, schien uns allen durchaus seinem Charakter angemessen. Im Film sagt er, dass es ihm nach seinem Philosophiestudium nicht mehr genügte, über die Probleme nachzudenken - er wollte etwas tun. Weil es sonst, wie er hinzufügt, "so verdammt dunkel wäre." Adorno hat das Fernsehen einmal als potenzielles "Erlösungsmedium" bezeichnet, und in diesem Sinne begleiten wir einen Kommissar in eine zutiefst dunkle Welt und sind dabei, wie er ein wenig Licht in diese Finsternis zu bringen versucht.

Der Film hat viele besondere Stilmittel. So werden zum Beispiel die Morde wie in einem Computerspiel aus der Ego-Perspektive gezeigt, und die Charaktere sprechen häufig direkt in die Kamera und sehen dabei den Zuschauer an, ohne ihn aber wie beim Brechtschen Theater direkt anzusprechen. Was steckt dahinter?

Rainer Kaufmann: Erstmal freut es mich, dass dem Betrachter die bewusste Wahl der Mittel, der Stilmittel und der erzählerischen Mittel, überhaupt auffällt. Tatsächlich geht es in diesem "Tatort" um Perspektiven. Murot wird zurückgeworfen in eine Zeit, in der er Teil einer Familie war. Aus dieser Familie ist nun das einstige Oberhaupt ermordet worden. Murot glaubt, dass er den Fall nur lösen kann, wenn er sich zurückbesinnt. Dabei versucht er, verschiedene Perspektive einzunehmen. Mit diesem Mittel der extremen Perspektivwechsel arbeitet der "Tatort" auch.

Das Thema Hoffnung und die Frage nach dem Sinn des eigenen Tuns begleiten die Zuschauer im Film. Wie gehen Sie als Regisseur vor, wenn Sie mit solchen ja nicht ganz einfachen Themen in einem Film konfrontiert werden? Wie lässt sich das filmisch verarbeiten?

Rainer Kaufmann: Die Frage nach der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns begleitet einen Regisseur wahrscheinlich häufiger als einen Krankenpfleger. Aus diesem Grund ist man froh, einer Figur zu begegnen, wie sie Tukur im "Tatort" spielt. Also eine Figur, die des Öfteren über den Sinn des eigenen Handelns reflektiert. Murot hilft dem Drehbuchautoren wie dem Regisseur, durchaus schwerwiegende Gedanken erzählbar zu machen. Das Prinzip Hoffnung ist allerdings in diesem Tatort nicht nur im Blochschen Sinne zu verstehen, sondern auch als Gegenpol zum Prinzip der Befürchtung.

Die Zuschauer lernen im Film eine neue Seite von Felix Murot kennen, seine Zeit als Philosophie-Student in Frankfurt. Was verbinden Sie mit Ihrer Studienzeit in der Stadt?

Rainer Kaufmann: Beginnen will ich damit, dass ich Frankfurter bin, und zwar extrem gerne. Ich lebe in Berlin und liebe München, aber es war nun schon eine lange erwartete und riesige Freude, nach 30 Jahren des Filmemachens zum ersten Mal in meiner Heimatstadt drehen zu können. Und so konnte ich, wie Murot auch, eintauchen in die Vergangenheit, und zwar in die studentische. Ich war Gaststudent der Filmklasse der Städelschule, habe am Amerika Institut eine Professorin kennengelernt, die mein Verständnis für Filmsprache entscheidend geprägt hat, und war neugieriger Besucher des Filmmuseums. Dann gab es natürlich noch Freude und Leid, Irrungen und Verwirrungen in Freundschaften und Liebesbeziehungen. All das ergab im Nachhinein eine Art euphorischen Cocktail des Lebens.

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