Gespräch mit Christian Schwochow

Rita Holbeck
Christian Schwochow hat sich mit seinen ARD-Filmen "Novemberkind", "Der Turm" und "Bornholmer Straße" als sensibler Chronist der ostdeutschen Geschichte etabliert. Jetzt führte er Regie beim "Tatort: Borowski und der Himmel über Kiel". | Bild: NDR / Christine Schröder

»Wenn man Menschen davor bewahren will, dass sie eine so gefährliche Droge wie Crystal Meth nehmen, muss man sich mit der Faszination beschäftigen.«

Was hat Sie daran gereizt, einen "Tatort“ zu machen?

Christian Granderath, der Leiter der Abteilung Film, Familie & Serie beim NDR, fragte mich vor zwei Jahren, ob ich Lust auf "Tatort" habe. Ich sagte ja – wenn es ein Borowski ist. Warum? Weil mir dieser skandinavisch raue Touch gefällt, der in den gelungenen Borowskis zu sehen ist, diese leicht schräge, unterkühlte und teilweise sehr harte Tonart in den Fällen. Genau dies, die Grausamkeit, aber auch die Bedeutsamkeit des Stoffs – ohne dass er moralisch ist – habe ich gleich gesehen, als ich das Treatment von Rolf Basedow über das Phänomen Crystal Meth las. Er hat sehr genau recherchiert. Als ich begann, mich damit zu beschäftigen, merkte ich, dass dies eine Droge ist, die wahnsinnig gut in unsere Zeit passt und dass da ein Thema verborgen ist, das viel größer ist als ein Kriminalfall. Das ließ mich nicht mehr los, und es war sehr schnell klar, dass ich den Stoff umsetzen wollte. Zudem gibt es mit der Figur Rita eine so ungewöhnliche Hauptrolle, wie man sie selten findet. Das packte mich. Wenn dies passiert, heißt das für mich, dass ich den Film machen muss.

Welche Haltung hat der Film zum Thema Drogen?

Ich finde Filme einfach öde, die nur ein weiteres Mal bestätigen, dass Drogen großer Mist sind. Genauer: Ich finde sie sogar falsch. Damit ist niemandem geholfen, und es führt auch nicht dazu, dass man sich mit einem Thema beschäftigt. Wenn man Menschen davor bewahren will, dass sie eine so gefährliche Droge wie Crystal Meth nehmen – und das ist wirklich ein Dreckszeug –, dann muss man sich mit der Faszination beschäftigen, die die Droge ausstrahlt. Man muss verstehen, worum es geht. Deshalb bin ich mit Elisa Schlott und Anke Retzlaff in eine Therapie-Einrichtung für Crystal-Meth-Abhängige gefahren, mit denen wir uns einen ganzen Tag auseinandergesetzt haben. Und das erste, was wir wissen wollten, war, was man auf Crystal erlebt. Sie erzählten uns von unglaublich sinnlichen und erregenden Erlebnissen und Erfahrungen. Die wollte ich in dem Film zeigen, damit die Zuschauer verstehen, warum Crystal wie die Pest über das Land kommt. Dafür braucht es die richtige Visualität, die verdeutlicht, wie die User den Rausch erleben. Als Kontrapunkt zeige ich den Absturz in seiner drastischen Grausamkeit. Der Abgrund, in den die Droge den Abhängigen reißt, wird sehr deutlich und unbarmherzig. So kam die Visualität zustande: auf der einen Seite das Bunte, Überdrehte, und als Kontrast das Kalte, Düstere, das mit einer brutalen Klarheit die Schattenseiten porträtiert.

Ihre Darstellung von Crystal Meth unterscheidet sich sehr von der, die wir z. B. aus "Breaking Bad" kennen.

Ich kenne nur die erste Folge von "Breaking Bad". Bei den Recherchen zu Crystal Meth stößt man schnell auf Horrorbilder, die aus den USA kommen: Menschen, denen die Zähne ausfallen, die um Jahrzehnte gealtert sind, die zerstörte Gesichter haben. Das ist ein Teil der Wahrheit. In Deutschland wirkt die Zerstörung von Crystal Meth viel subtiler. Das Gesundheitssystem steht jedem offen, die allgemeine Ernährung ist besser, und es wird auch von Leuten genommen, die Geld haben und die negativen Folgen kaschieren können. Zudem macht die Droge den Abhängigen in den ersten Jahren schlanker. Er sieht also besser aus. Deswegen wollte ich für die Rolle der Rita auch keine Besetzung, die wie ein Zombie aussieht. Die Gefahr besteht darin, dass man kleine Wahrheiten findet wie den Verfall und sich daran fest beißt. Das macht es dem Zuschauer zu einfach, eine Haltung zu finden. Aber das ist es nicht. Vor einigen Wochen ist ein Bundestagsabgeordneter aufgeflogen, der Crystal genommen hat. Das hat man ihm nicht angesehen. Man muss feiner hinschauen, und das habe ich mit dem "Tatort" getan. Ich finde, man verharmlost, wenn man sagt, "es ist Scheiße, es macht dich kaputt!", während man gleichzeitig den Reiz verheimlicht.

Wie attraktiv ist es, mit Rückblenden zu arbeiten?

Für mich war die Frage, wie man lange Dialoge in einer großen Dichte erzählt, eine willkommene Herausforderung. Dafür haben wir den kargen, streng gestalteten Verhörraum erfunden, den es in einem Borowski-"Tatort" bisher nicht gab. Das ergab schon eine Spannung, die den darin spielenden Szenen Dynamik verlieh. In Krimis, und besonders in diesem, geht es darum, einen Fall zu rekonstruieren. Daher hatte Rolf Basedow sich schon früh dazu entschieden, mit Rückblenden zu arbeiten. Im Drehbuch waren sie etwas anders angeordnet. Die letztendliche Dramaturgie entstand im Schnitt, aber das ist absolut üblich. Der Erzählfluss hat sich quasi von alleine ergeben, weil alles sehr schlüssig und flüssig ineinander griff.

Ihr "Tatort" erinnert an griechische Tragödien. Obwohl man die Katastrophe nicht will, tritt sie ein, da sie das unvermeidliche Ergebnis einer Entscheidung ist, deren Konsequenzen man falsch einschätzt.

Genau dies war das Anliegen von Rolf Basedow. Er wollte einen Horrorfilm erzählen, in dem das Genre aus dem Thema kommt. Das ist seine geniale Grundidee. Er wollte keinen gut gemeinten, vor Relevanz strotzenden Krimi machen, sondern einen atemberaubenden Horrortrip erzählen, der sich unmittelbar aus dem Thema Crystal Meth ergibt. Und das habe ich in jeder Szene versucht zu finden und umzusetzen.

In "Borowski und der Himmel über Kiel" kommt das Dorf Mundsforde nicht gerade sehr positiv weg, es lässt sich sogar nur mit Hilfe von Crystal ertragen …

Der Film ist in seiner Erzählweise so überhöht, dass Mundsforde, ein Ort, den es in Wirklichkeit nicht gibt, tatsächlich ja eine Allegorie ist. Die Menschen, die dort leben und Crystal nehmen, um ihr Leben erträglich zu machen, könnten überall leben. Drogenmissbrauch findet überall statt, wo Menschen an Grenzen geraten, wo sie leistungsfähig sein sollen und es ohne Hilfe von irgendwelchen Mitteln nicht schaffen. Das ist in der Landwirtschaft so wie im Bundestag. Drogen werden auch von Menschen genommen, die Kinder haben, den Haushalt und den Familienalltag stemmen müssen. Insofern ist Mundsforde überall.

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